Kommentar: Hauptstadt in Gefahr - DER SPIEGEL
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Kommentar Hauptstadt in Gefahr

Das Wildschwein steht vor Berlin!
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Diesen Satz in all seiner Unerbittlichkeit auszusprechen, bedeutet, die Wahrheit noch in Watte zu packen - die Watte einer naiven, naturromantischen Beschwichtigungspoesie.

Sehen wir den Tatsachen ins rotgeäderte, wütende Auge: Das Wildschwein, Sus scrofa, längst ist es schon frech vorgedrungen über die äußeren Befestigungslinien unserer Bundeshauptstadt, längst verwüstet es nicht mehr nur die Randbezirke, sondern erkeckt es sich auch in an Randbezirke angrenzende Rand-Grenzbezirke hinein: Vertilgt. Zertrampelt. Grunzt zu nachtschlafener Unzeit. Nie bescholtene Bürger schrecken in den frühen Morgenstunden aus dem Schlafe, in der kalten grauen Agonie der Nacht, und sehen ihre Vorgärten in qualmenden Schutt gelegt, während die Täter längst, ihre verdreckten Schnauzen frech erhoben, weitergezogen sind - neuer Verwüstung entgegen.

Recenti mens trepidat metu! Unruhig wälzt man sich hin und her, nie mehr zurück in den Schlaf findend, Edelbitterschokolade aus dem (noch) funktionstüchtigen Kühlschrank lutschend, welche nur für den Moment beruhigen mag: Das Wildschwein aber, massenhaft marodiert es durch die Straßen unserer Hauptstadt! Historische Vergleiche zu ziehen, obliegt uns nicht - das soll jener fanatische Naturschutzgeist tun, welcher für die Vorgänge verantwortlich ist und welchem ein gut gepflegter Garten noch stets ferner gelegen hat als jede wild wuchernde Wiese.

Jens-Karl Bochtler vom ARD-Arbeitskreis "Kommentatorenkoordination"