Das könnte Sie interessieren:: Thomas Gsella: Offenbacher Anthologie - DER SPIEGEL
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Das könnte Sie interessieren: Thomas Gsella: Offenbacher Anthologie

Lustiger, ausgedachter und weit unseriöser als Reich-Ranickis "Frankfurter Anthologie", kommt Thomas Gsellas soeben veröffentlichte Gedicht-Sammlung daher. Fachleute halten sowohl die Verse als auch die Interpretationen und erst recht die Autorenbilder für gefälscht!
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

AYAK KIMAUGRUK - "NIKOLAUS"

Tralala
Tralala
Dingeldong und
Upsassa

Tralala
Tralala
Bald ist Nikolaus'
Abend da

Bei keiner anderen Lyrikerin der kanadischen Arktis findet Melancholie als Nachweh kopernikanischer Entzauberung so scheinbar leichten wie just darum unendlich traurigen Ausdruck wie bei der elffachen Mutter Ayak Kimaugruk. Jedes ihrer sechs vom Ineriisaavik-Verlag edierten und von Dietmar Dath übertragenen Debütgedichte "Kalaallisut" ("Kinderlieder") rezitiert auf den ersten Blick tatsächlich ein bekanntes Kinderlied. Kaum aber will sich der Lesende in ihnen, in Kindheit verlieren, befällt ihn Erschrecken: Zeilen, ganze Strophen fehlen, einst weltsagende Worte sind durch Füllsel ersetzt, liebstgewonnene Metrik kollabiert, als habe eine irrende Seele sich ein letztes Mal zu finden, zu retten versucht und alles verloren. "Kommt ein Vogel geflogen / humba humba täterä / hat ein Zettel im Auto (!?), von der Mutter ein Dings." Radikaler kann Dekonstruktion nicht sein.

Dass er die Notate "im Schneematsch" gefunden und gegen den Willen der Kimaugruk veröffentlicht habe, betont der Verleger im Nachwort. Max Brods Missachtung von Kafkas Verdikt: Vorspiel und Vorschein eines noch größeren Stücks?

IRIS RADISCH

KRZYSZTOF LEWANDOWSKI - "CATHEDRAL ERECTED"

Würfelnde Götter der Quanten
Horizont weit unterm Licht
Von Multiuniversen spricht
Man unter Verwandten

Primzahlen Takt des Genoms
Seneca Marx Baudrillard
Am Fuß des Regensburger Doms
Spiel ich Taschenbillard

Im März dieses Jahres wurde er sieben Jahre alt, im selben Monat gewann er seinen hundertsten Poetry-Super-Slam: Dem polnischen Wunderkind Krzysztof Lewandowski eine glänzende Karriere voraussagen "heißt Spatzen durch Triumphbögen schießen" (Bernd Eilert). 2003 in Lublin geboren, wurde Lewandowski mit einem IQ von 390 in den Hochbegabtenclub Mensa aufgenommen, übersprang drei Kindergeburtstage und kam von der Krabbelgruppe direkt ins Warschauer Elitegymnasium, das er nach Jahresfrist Richtung Oxford verließ, um im Frühling 2007 über die "Aporien magnetischer Monopole" zu habilitieren. Im Sommer erscheint nun sein neuer, von Jan Phillip Reemtsma übertragener Lyrikband "Spiel auf Raumzeit" (Residenz Verlag), dessen Autor, längst gereift, leichthändig mit Anarchisch-Kindlichem spielt: "Wenn ihr auf Schokonüsse steht: / Die gelben sind die leckersten! / Von allen Farbenlehren geht / mir Goethes auf den Weckersten" - den teils allzu gelahrten Sound des 2004er Erstlings "BosonenTango" lässt so etwas erfrischend hinter sich. Keep on rhyming, genius babe!

BOTHO STRAUSS

SCHEICH ABU MAZA EL-ASRI - "PILLE PI UND PILLE PU"

Pille pi und pille pu
Milch gibt uns die liebe Kuh

Pille pu und pille pei
Und die Henne gibt das Ei

Pille pei und pille paum
Lustig steht der Apfelbaum

Pille paum und pie-hie-se
Auf der grünen Wie-hie-se

Es heißt, wo er auftaucht und liest und spricht, ruft und flüstert, wo er seine Lieder brummt und piepst und seine Reime jauchzt und tanzt und hüpft, da jubeln die Kinder Afghanistans. In der Tat federleicht beschwört der in seiner Heimat als "Ringelnatz der Rechtgläubigen" gelobte Dichter und Zeichner eine gute, wahre und schöne Welt voller liebender Eltern, friedlicher Tiere und süßer Früchte. Ganze Gebirgshöhlen vermag der ansteckend fröhliche Scheich mit kleinen und großen Zuhörern zu füllen; und auch letztere kreischen vor Vergnügen, wenn Abu Maza-el Asri auf die Höhlenwände stegreifzeichnet mit just jener lustigen Handprothese, die der im Nebenjob als Sittenwächter Tätige zum Halsaufschlitzen nutzt, denn von ihrer Arbeit zu leben vermögen auch im Hindukusch nur wenige Künstler.

HANS MAGNUS ENZENSBERGER

CLEOPATRA ROQUE SANTA PLAYA - "DU, DU, DU"

Du, der Du mir Blumen schenkst
Du, der Du an mich denkst
Du, der Du imer bei mir bist
Du, der Du mich zärtlich küst -
Du, der DU mir nicht heiratest:
Worauf watest
Du, Du, Du?! :)

Dass gelegentliche, meist kleine Rechtschreib- und Grammatikfehler die Lesefreude nicht schmälern, gehört zur Aura jener seltsam verrätselten Verse, die die junge Kölnerin Cindy Hartwig seit nunmehr neun Jahren ins Netz stellt (www.herzträume.de). Mehr als dreißig Besucher registrierte der im Mai 2001 installierte Zähler, und wenn auch die Frage sich aufdrängt, ob denn die Gesamtauflage etwa Thomas Gsellas evident höher sei: Absichtsvoll meidet die unterm Pseudonym Cleopatra Roque Santa Playa publizierende Dichterin Hochkunst und Elfenbeinturm. Es sind, so ein frenetischer Wolf Biermann in der Zeit, "Gedanken einer Wunderin, eines Menschenengels aus Haut und Herz und Haar", dessen schon früheste Gedichte durch ungeschützte Offenheit betören: "Wenn ich gros bin / will ich auch / Fernsehen kucken", bittet Santa Playas Erstling, und im April 1997 notiert, formal gereift, die kaum Zwölfjährige: "Mami steht am Herd / Mein Traum: ein eigenes Pferd!!!" Dass diese Autorin bis heute unverlegt ist, muss beschämen.

JAN WAGNER

TONY KEMPBELL - "NA WARTET"

einmal so einen
in die Finger kriegen
einmal voll auf die Zwölf
diesem Bush diesem Wurm
von Rumsfeld
einmal ins Nirwana prügeln
den Saukopp Cheney
zack boing klatsch

Dass Alter milde stimme, hoffen die Oberen von altersher und wissen, dass unmildes unversöhnlicher sein mag als Jugend, deren Feuer sich nach dem Wind dreht. Bis ins Frühjahr 2004 lebte der in Seattle geborene Kempbell als Pfarrer bei den Amish, bevor er, wie er schrieb, "die Schnauze voll hatte / von diesen / Wichsern". Auf einer blitzneuen Harley brauste er nach Kalifornien, machte eine Kneipe auf und veröffentlichte seither neun von der Kritik bejubelte Lyriksammlungen. "Dagegen war Bukowski ein Messdiener. Hut ab!", urteilte die Washington Post über Kempbell und seinen letzten Band "Arschlöcher" (Edition Surhkamp), in den neben deftig politischer freilich auch Naturlyrik Eingang fand: "Scheißköter, verdammte, wecken / mich mit ihrem bekloppten Gebell / das Gepiepse der Drecksvögel / auch kacke sind Katzen usw" heißt es im dreißigstrophigen Hymnus "Schrotgewehr", der mit den Zeilen schließt: "Die ganzen Mistviecher können mich / mal kreuzweise, fuck!" Seit George W. Bush hörte und hört man sie gern, diese neue Stimme des urbanen, widerständigen Amerika.

THOMAS STEINFELD

Thomas Gsella - "Warte nur, balde dichtest du auch!"