Millionen von Opfern: Arztbesuchssucht immer schlimmer! - DER SPIEGEL
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Millionen von Opfern Arztbesuchssucht immer schlimmer!

Mit immer drastischeren Geldbußen versucht die Regierung, die hierzulande tobende Arztbesuchssucht in den Griff zu bekommen: Üble 18 Mal pro Jahr belästigt der repräsentative Deutsche einen Arzt, sagt die Barmer GEK.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Doch es kommt noch schlimmer. Das ganze Ausmaß des Desasters wird nämlich erst durch eine zweite Zahl ersichtlich: Mit nur rund acht Arztkonsultationen pro Jahr liegt der repräsentative Deutsche im internationalen Vergleich lediglich im Mittelfeld. Sagt die OECD. Ein Widerspruch?

Wartesucht

Gut gestaltete Patienteninformationen können so manchen Arztbesuch ersetzen.

Gut gestaltete Patienteninformationen können so manchen Arztbesuch ersetzen.

Foto: A9999 Hajo Drabe/ dpa

Aber nein. Es ist ganz einfach: Die meisten von uns gehen sehr gerne zum Arzt. Dort lassen sie ihre Versichertenkarte einlesen und setzen sich ins gemütliche Wartezimmer. Wenn sie aber nach acht Stunden zur eigentlichen Konsultation aufgerufen werden, sind sie bereits wieder verschwunden. Das medizinische Personal vermutet hinter der Massenflucht aus den Wartezimmern eine Mischung aus übertriebener Ungeduld, Angst und unbewusster Einsicht, dass man eigentlich gar nicht krank sei.

Lesezirkulation

Eine Studie des Gesundheitsministeriums belegt: 85 Prozent der Patienten wären bereit, den Strom für die Arztpraxis selber beizusteuern, um die Wartezeit noch unterhaltsamer zu gestalten.

Eine Studie des Gesundheitsministeriums belegt: 85 Prozent der Patienten wären bereit, den Strom für die Arztpraxis selber beizusteuern, um die Wartezeit noch unterhaltsamer zu gestalten.

Foto: Robert Schlesinger/ dpa

Eine Patientenbefragung ergab allerdings Anderes: Es sei "einfach billiger als im Café rumzusitzen", zudem gebe es "kostenlose Zeitschriften". Manche gaben an, sie bräuchten das Wartezimmer als ruhigen Arbeitsraum, denn in ihren "Großraumbüros sei ein vernünftiges Arbeiten nicht möglich." Die Mehrzahl äußerte sich hoch zufrieden: "Das alles für nur zehn Euro pro Vierteljahr ist ein super Angebot. Wer das nicht nutzt, ist selbst schuld."

Patientendekadenz

Der Gesundheitsminister empfiehlt ausdrücklich die Anwendung heißer Bäder und selbstgebastelter Thermometer.

Der Gesundheitsminister empfiehlt ausdrücklich die Anwendung heißer Bäder und selbstgebastelter Thermometer.

Foto: dapd

Die jetzt geplante Gebührenerhöhung auf fünf Euro pro Tag wäre zwar ziemlich happig, aber in den Arztpraxen glaubt man trotzdem nicht an einen durchschlagenden Erfolg. "Die werden das System einfach dadurch austricksen, dass sie ihre Nächte ebenfalls im Wartezimmer verbringen und morgens noch einen Kaffee fordern!" Die Anspruchshaltung der Versicherten sei einfach gigantisch.

Diagnosesicherheit

Um die Patientenflut auf ein Normalmaß einzudämmen, setzen immer mehr Ärzte auf geschultes Fachpersonal.

Um die Patientenflut auf ein Normalmaß einzudämmen, setzen immer mehr Ärzte auf geschultes Fachpersonal.

Foto: dapd

Gesundheitsexperten raten daher zur verpflichtenden Konsultation sogenannter Krankheitsfeststellungsärzte. Erst nachdem der Krankheitsfeststellungsarzt dem angeblich Kranken einen tatsächlichen Krankheitszustand bescheinigt hat, soll der Patient ein reguläres Wartezimmer aufsuchen dürfen. Eine Fangtür soll verhindern, dass er dieses ohne Arztkonsultation und damit ohne Überweisung an einen Facharzt wieder verlassen kann. Die Diagnose übernehmen dann spezielle Diagnosezentren, an welche nur entsprechende Fachärzte überweisen dürfen.

Planmedizin

Der Gesundheitsminister rät in den Wintermonaten zu "vermehrt wärmerer Kleidung".

Der Gesundheitsminister rät in den Wintermonaten zu "vermehrt wärmerer Kleidung".

Foto: dapd

FDP-Gesundheitsexperten arbeiten bereits auf eine noch grundsätzlichere Kehrtwende hin. "Mal angenommen, ein Arzt plant, in der kommenden Woche eine Reihe von Grippebehandlungen durchzuführen. Dann wäre es doch nur effizient, wenn er seinen Bedarf an Grippepatienten den Krankheitsfeststellungsärzten melden könnte. Diese ziehen aus ihrem Versichertenpool die entsprechende Anzahl und schicken den Betroffenen eine entsprechende Einladung zur Grippebehandlung."