Aktion Wohnzimmerbesuch Leserbrief eines Betroffenen
Hinweis an alle: Wer nicht will, dass es vor seiner Haustür so aussieht, soll lieber aufmachen, wenns klingelt.
Foto: Sean Gallup/ Getty ImagesAlso ich komm grad mitm Hund zurück, da steht einer vor der Haustür, den ich gar nicht kenn. Der ist aber sehr freundlich, stürzt mit einem Kuchenpaket unterm Arm auf mich zu, so als hätten wir uns eine Ewigkeit nich gesehen, was ja irgendwie auch stimmt, weil ich den ja überhaupt noch nie gesehen hab. Dann sagt er: "Vielen Dank für die Einladung, ich freue mich schon sehr auf Ihre Veranstaltung 'Wohnzimmerbesuch'! Nennen Sie mich Peer." Ich sag, naja Peer, denn mal rinn in die gute Stube, meine Frau brüllt: Da ist jemand aufm AB, Esspehdö oder so, und ich brüll zurück: "Kannste mal Kaffee machen, wir haben Besuch!" usw.
und so fort
Dieser Mann kommt jetzt in jedes Haus, sagt er. Heiligabend kann er aber leider nicht.
Foto: KAI PFAFFENBACH/ REUTERSWir also gleich ins Wohnzimmer rein, verteilen uns so auf der Garnitur, der packt seinen Kuchen aus, und der sieht auch echt lecker aus, mit vielen roten Erdbeeren, und das im Winter! "Ja", sagt der dann, guckt sich um, und: "Wie viele Zuhörer erwarten Sie denn für gewöhnlich?" Ich ruf: "Gitta, kommst du auch noch?" - "Also zwei, das ist doch schon sehr schön", sagt der Peer ganz begeistert, und als Gitta mit dem Kaffee kommt, fragt er sie nach dem Techniker. "Da weiß ich nichts von", knurrt die und das wiederum freut den Peer ganz dolle. Weil er doch ohne Mikro sowieso viel lieber redet. Sagt er und: "Mein Vortrag dauert 1:56. Das ist Ihnen doch recht?" Bevor ich antworten kann, hat er allerdings schon angefangen.
Naja
Gut gemacht: Peer freut sich immer auf eine gute Tasse Kaffee danach.
Foto: Franklin Berger/Landespresseamt/ dpa/dpawebIrgendwas vom kleinen Mann und dem seine Wohnzimmersorgen erzählt er da, ich versteh ehrlich gesagt kein Wort und meine Frau ist bereits nach 10 Minuten aufm Sofa weggepennt. Ich frag kurz nach, ob es ihn stört, wenn ich mal die Sportschau anschalt. "Aber nein, machen Sie sichs ruhig gemütlich", sagt er und redet einfach weiter. Hut ab, kann man dazu nur sagen. Ich muss den Fernseher sogar bis zum Anschlag aufdrehen, um irgendwas zu verstehen, weil der da so rumdröhnt in seinem Sessel. Naja, irgendwann ist die Sportschau aus und ein paar Minütchen später sagt auch der Peer "Herzlichen Dank für Ihre geschätzte Aufmerksamkeit" und ich rüttel meine Frau wach und wir applaudieren wie die Wilden. Denn das war schon eine stolze Leistung.
Echt wahr
Weil viele Leute ja nen Hund haben, hat der Peer natürlich den Hundeführerschein gemacht. Der soll ganz schön schwierig sein.
Foto: dapdDann verabschieden wir uns alle aufs Allerherzlichste. Der Peer wünscht mir noch "weiterhin viel Erfolg mit Ihrer originellen Veranstaltungsreihe" und drückt dem Hund ein Kuvert ins Maul. "Ist da das Geld drin?" frag ich interessiert, worauf der Peer laut rausprustet: "Der war gut! Den merk ich mir." Als später der Hund das Kuvert wieder ausspuckt, zieh ich ne nasse Rechnung raus: 10.000 Euro Vortragshonorar sollen wir zahlen. Also, ich sag mal, der Mann war gut, aber so gut nun auch wieder nicht.