Lobby-Mobbing Ein Traditionsberuf gerät in Bedrängnis
An manchen Tagen ist der Lobbyisten-Andrang wirklich enorm.
Foto: picture-alliance / dpaDie begehrten Dauer-Hausausweise sollen künftig restriktiver an Unternehmensvertreter vergeben werden. Höchste Zeit! Die aktuellen Zustände sind unhaltbar:
Im Bundestag halten sich ständig bis zu 250.000 Lobbyisten auf. Genau weiß das aber niemand.
Sie sind überall, fristen ihr Dasein hinter Fußleisten, in Spülkästen oder als Garderobenständer und sondern unablässig die ihnen einprogrammierten Einflüsterungen ab.
Abgeordnete, die infolgedessen klagen, "Stimmen" zu hören, werden von (selbstverständlich gekauften) Ärzten (Pharmalobby) beruhigt: "Keine Sorge, das ist normal und liegt nur am Alkohol."
Der Zugang für Wirtschaftsvertreter ist dermaßen unkompliziert, dass manche Abgeordnete sich als Lobbyisten ausgeben, um morgens schneller an ihre Arbeitsplätze zu kommen.
Ein Sicherheitsproblem ist das aber nicht: Terroristen gelangen nur ins Hohe Haus, wenn sie nachweisen, gruppenegoistische ökonomische Interessen zu verfolgen.
Insbesondere Gesundheitspolitiker werden von Lobbyisten förmlich belagert. Immer wieder rückt die Berliner Stadtreinigung aus, um den Weg von den Abgeordnetenbüros in den Plenarsaal zu räumen.
Viele Lobbyisten waren früher selbst Politiker. Dieser Drehtüreffekt macht seriösen Lobbyisten schwer zu schaffen. Ein Insider: "Wenn jetzt jeder Ex-Ministerpräsident einfach so bei uns mitmachen kann, ruiniert das die Glaubwürdigkeit unseres traditionsreichen Berufsstandes."
Weil nicht genug Parlamentarier zum "Bearbeiten" da sind, kommt es immer wieder vor, dass Lobbyisten sich gegenseitig manipulieren.
So gelang es neulich dem außerordentlich eloquenten Abgesandten eines Dämmstoffherstellers, einen Bankenverbandsvertreter derart "umzudrehen", dass der sein Eigenheim 40 Zentimeter dick mit Kommunalobligationen versiegelte.
Was viele Wähler nicht wissen: Wenn ihre Volksvertreter sich "im Wahlkreis" oder in Talkshows aufhalten, lassen sie sich im Plenum von einem Lieblingslobbyisten vertreten. Erstens merkt das sowieso keiner, und zweitens ist es ein Gebot der Wahrhaftigkeit: Wer Beschlussvorlagen verfasst, sollte sie auch debattieren.