Was nun? Grass will keinen Grass mehr schreiben
Entschlossen und tapfer: Grass auf dem Weg zur Pressekonferenz (Abb. ähnl.).
Foto: Matt Sayles/ APJetzt wollen die Menschen Antworten haben. Wenn "Blech" selber, wie seine Fans ihn nennen, nicht mehr liefern kann: Wer wird denn dann den nächsten Grass-Roman schreiben? Daniel Kehlmann soll bereits abgewunken haben. Goethe kommt kaum mit seinem eigenen Kram hinterher. Immer mehr Insider meinen, es könne nur auf eine Kooperation der anderen beiden Großliteraten hinauslaufen: Martin Walser und Boris Becker. Wie Grass hat auch Walser über Jahrzehnte daran gearbeitet, Deutschland durch ereignisarme, zermürbende Prosa vom Anzetteln des nächsten Weltkriegs abzuhalten. Becker wiederum gilt als der Einzige, der den unvergleichlichen, widerborstigen Grass-Satzbau hinbekommen könnte.
So recht glauben mag man es trotzdem nicht: Will Grass uns nun wirklich alleine lassen? Könnte ein Mann in seiner Position nicht wenigstens achtzeilige Kurzromane mit Endreim verfassen? Seine einsame Entscheidung hat Kritiker auf den Plan gerufen. Viele meinen: "Er hätte vor allem seine Aquarellmalerei einstellen sollen." Oliver Kahn sagte im ZDF: "Gerade von ihm hätte ich viel mehr Eier erwartet." Erste Protestaktionen sind bereits geplant: Grass-Fans sollen als Zeichen des stillen Missfallens immer offen einen Butt mit sich führen. Die Klasse 8b aus Obernnieda hat angekündigt, die nächsten Grass-Romane "Grass zum Morgengrauen", "Grass zum Abendbrot", "Das Häuten der Lämmer" nun eben selber zu schreiben - als Facebook-Thread. Günter Wallraff deutet an, er wolle sich nötigenfalls zeitnah als "der wahre Günter Grass" outen.
Trotz all dieser gut gemeinten Initiativen aber werden wir uns wohl damit abzufinden haben: Einen echten Grass-Grass wird es keinen mehr geben! Wir sollten in uns gehen. Grass, eine Jahrhundertgestalt! Als Lyriker, Romancier und Klamottenaussucher hat er die groß angelegte Provokation nie gescheut. Nie hat er andere, nie auch sich selber geschont. Wir sollten es ihm gleich tun. Es scheint der rechte Zeitpunkt gekommen, mal einen seiner Romane tatsächlich zu Ende zu lesen.