Hart, härter, am härtesten Der Baby-Marathon
Baby-Athlet
Foto: REUTERS/ TwitterWir befinden uns auf einem Feld im nirgendwo. Mit verbundenen Augen hat man uns hierher gebracht. Die Sonne scheint, Vögel zwitschern, alles könnte so schön sein, wenn nicht das infernalische Geheule der sechs bis zehn Monate alten Athleten immer infernalischer würde. Viele elterliche Trainer piksen mit spitzen Fingernägeln in die schlafen Oberschenkel ihrer Babys, um sie fit zu machen. Links und rechts der Strecke werden die ersten Wetten angenommen. Der Veranstalter erscheint in einem fiesen Trainingsanzug und jetzt fällt der Startschuss.
Dutzende von Eltern hechten los, so schnell, dass die kleinen Hände ihrer Sprösslinge aus ihren Pranken rutschen. Während diese Eltern dann bereits über die Ziellinie schießen, rollen ihre Säuglinge noch hilflos auf der Strecke herum, andere stolpern über sie. Wer auf diese Gestrandeten gesetzt hat, versucht schnell durch eine neue Wette seinen Verlust wettzumachen. Geldscheine fliegen durch die Luft.
An der Spitze liegt jetzt Baby Anton an der Hand seines Vaters, gefolgt von Baby Sigrid mit Mutter. Und ja, Baby Anton, dessen Arm immer länger wird, hat jetzt nur noch wenige Zentimeter, der Vater zerrt, doch da, oh nein, Antons Windel lockert sich, rutscht und schlingt sich um seine Beine. Baby Sigrid droht Baby Anton zu überholen. Geistesgegenwärtig stellt Antons Vater Sigrids Mutter ein Bein, alle vier stürzen und geraten in eine Schlägerei.
Diesen Moment nutzt Baby Sarah, um begleitet von hysterischen Hopp-, Hopp-, Hopp-Rufen glücklich glucksend über die Ziellinie zu rollen. Ihre Eltern schreien ekstatisch auf, bis aus einem Lautsprecher zu hören ist: "Baby Sarah ist wegen Rollens disqualifiziert." Eine Schrecksekunde lang ist es sehr, sehr still. Dann stürzen erst Sarahs Eltern auf die Marathonstrecke, dann diejenigen, die in letzter Minute auf Sarah gesetzt haben, dann auch alle anderen.
Wir ziehen uns diskret zurück, um vom Veranstalter, der sich aus einem silbergrauen Porsche 918 Spyder heraus bestürzt die Massenschlägerei betrachtet, ein Statement einzuholen. "Die Eltern werden jedes Jahr schlimmer!", stößt er kopfschüttelnd hervor. Freude an der Bewegung soll der Marathon den Babys bringen. "Es geht doch hier nicht ums Gewinnen oder darum wer mit dieser Siegertrophäe, dem silbergrauen Porsche 918 Spyder nach Hause fahren darf." Und ja, da es dieses Jahr keinen Sieger gibt, gehe der Wagen jetzt an ihn. Und weg ist er. Wir bleiben in einer Staubwolke zurück und reiben uns die Augen.