"Jeder sein eigener Manager" - DER SPIEGEL
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"Jeder sein eigener Manager"

Der Bildungs- und Berufsforscher Ulrich Teichler über die Fähigkeiten von Hochschulabsolventen, den Zustand der Universitäten und den Arbeitsmarkt der Zukunft
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL:

Herr Teichler, wie sollte sich ein Student nach Ihrer Absolventen-Untersuchung auf den Arbeitsmarkt vorbereiten?

Teichler: Der Wechsel in den Job darf kein Schockerlebnis sein. Nach Möglichkeit sollte jeder durch Praktika oder Ferienarbeit die Welt seines zukünftigen Berufes kennen gelernt haben. Das Umsetzen von Fachwissen in die Praxis ist natürlich etwas, was alle Arbeitgeber verlangen, ebenso wie Team- und Kommunikationsfähigkeit. Aber intellektuelle Kompetenz, wie sie ein Studium vermitteln soll, ist nach wie vor gefragt.

SPIEGEL: In Ihrer Studie bemängeln viele Absolventen die fehlende oder unzureichende Beratung der Universitäten bei der Arbeitssuche. Haben die deutschen Hochschulen da ein Defizit?

Teichler: In Fächern wie den Ingenieurwissenschaften oder der Betriebswirtschaft besteht ja traditionell eine enge Zusammenarbeit zwischen den Hochschulen und der Wirtschaft. Dort gibt es Absolventen-Messen, Firmen präsentieren sich auf dem Campus oder vergeben Diplomarbeiten. Wo man viel schwieriger einen Job findet, vor allem in den Geisteswissenschaften, passiert dagegen fast gar nichts. Das ist sehr unbefriedigend.

SPIEGEL: In den USA und Großbritannien kümmern sich so genannte Career Center an den Hochschulen intensiv um die Zukunft ihrer Absolventen. Ein Vorbild für Deutschland?

Teichler: An einigen Hochschulen gibt es das bei uns ja auch schon. Aber diese Aktivitäten könnten noch wesentlich verbessert und ausgeweitet werden.

SPIEGEL: Vertreter der Wirtschaft fordern immer wieder, die akademische Ausbildung stärker an der beruflichen Praxis zu orientieren. Müssen die Universitäten und Fachhochschulen möglichst passgenaue Absolventen liefern?

Teichler: Nein, denn gerade dann würden die Arbeitgeber schlechte Berufsanfänger bekommen. In einer sich sehr rasch wandelnden Arbeitswelt müssen die Hochschulen ihre Studenten vor allem befähigen, sich in Zukunft schnell auf neue, unbekannte Aufgaben einzustellen. Weniger auf das, was aktuell notwendig ist. Eine der entscheidenden Qualifikationen der Zukunft ist die Bereitschaft zur Veränderung.

SPIEGEL: Also nicht einfach mehr Praxisbezug?

Teichler: Natürlich könnten und sollten die Universitäten ihre theoretischen Erkenntnisse häufiger an Problemen aus der Praxis messen, am wirklichen Leben sozusagen. Aber bitte keine Studiengänge, die kurzlebigen wirtschaftlichen Trends folgen.

SPIEGEL: Würde es denn helfen, wenn mehr Praktiker aus der Wirtschaft an den Universitäten unterrichteten?

Teichler: In den technischen Fächern geschieht dies ja häufig. Spannender fände ich es allerdings, wenn mehr Wissenschaftler Erfahrungen aus der Arbeitswelt hätten, damit sie konkreter wüssten, was ihre Studenten und Studentinnen dort erwartet.

SPIEGEL: Viele der von Ihnen befragten Absolventen gaben rückblickend an, dass ihre Persönlichkeit eine der entscheidenden Faktoren gewesen sei, eine Stelle zu bekommen. Müssen die Hochschulen in ihrer Ausbildung mehr Wert auf die so genannten Soft Skills wie Rhetorik oder persönliches Auftreten legen?

Teichler: Schon, aber das ist nicht ganz einfach. Spezielle Kurse sind nur begrenzt nützlich. Soziale Kompetenzen ­ etwa die freie Rede ­ müssen innerhalb von Seminaren und Arbeitsgruppen im Studienfach gelernt werden, in realen Situationen. Wichtig ist auch die Fähigkeit, Experten anderer Wissensgebiete zu verstehen und mit ihnen zusammenzuarbeiten. Soft Skills und Fachwissen können nicht getrennt betrachtet werden.

SPIEGEL: Der Arbeitsmarkt für Akademiker wird zunehmend globaler. Viele deutsche Hochschulabsolventen sind fast 30 Jahre alt, wenn sie in den Beruf einsteigen. Haben wir zu lange Studienzeiten für den internationalen Wettbewerb?

Teichler: Im Vergleich mit der Mehrzahl der europäischen Länder wird in Deutschland gar nicht so ungewöhnlich lange studiert. In England und Japan gehen die Absolventen allerdings wesentlich früher in den Beruf. Das Problem ist, dass junge Leute in Deutschland entweder eine Berufsausbildung oder ein langes Hochschulstudium absolvieren müssen ­ weitere Alternativen gibt es kaum. Wir benötigen mehr kürzere Studiengänge von sechs oder acht Semestern. Ein Schritt in die richtige Richtung sind sicherlich die Bachelor-Abschlüsse, die derzeit an vielen Hochschulen eingeführt werden.

SPIEGEL: In Zeiten des lebenslangen Lernens ist ein fünf- oder sechsjähriges Erststudium nicht zu empfehlen?

Teichler: Als Modell für alle Studierenden ist das überholt. In Zukunft werden wir im Erststudium einen leichteren Wissens-Rucksack packen, diesen aber im Lauf des Arbeitslebens immer wieder durch weiteres Lernen auffüllen müssen. Noch allerdings stelle ich fest, dass in den meisten Ländern die Zeit bis zum ersten Studienabschluss wächst; bisher hat die zunehmende Bedeutung der Weiterbildung die Studienzeiten nicht verkürzt.

SPIEGEL: Insbesondere Geisteswissenschaftler fühlen sich im Studium oft allein gelassen und fürchten das Examen und die daran anschließende, häufig schwierige Jobsuche.

Teichler: Aus Unsicherheit gehen tatsächlich viele Studenten unangenehmen Entscheidungen, die das spätere Berufsleben betreffen, aus dem Weg. Ich könnte mir an den Hochschulen durchaus ein System der Pflichtberatung vorstellen. Jeder Student sollte mindestens einmal im Jahr mit einem Dozenten über seine Zukunftsperspektiven und mögliche Probleme sprechen.

SPIEGEL: Sie meinen, die Hochschulen müssten nicht nur eine funktionierende Berufs-, sondern auch eine bessere Studienberatung bieten?

Teichler: Auf jeden Fall. Warum kann es nicht eine Buchführung in den Dekanaten geben: Wer hat welche Scheine bis wann gemacht? Wenn sich dabei im Einzelfall Schwierigkeiten abzeichnen, bietet der Fachbereich dem Studenten ein persönliches Gespräch und Hilfe an.

SPIEGEL: Die Professoren sollen eine Art Rundumversorgung garantieren?

Teichler: Die Hochschulen müssen zweifelsohne die beruflichen Perspektiven ihrer Studenten ernster nehmen. Aber die Studenten dürfen nicht erwarten, dass die Unis alle Schwierigkeiten auf dem Weg in den Job beseitigen. In Zukunft muss der Mensch sein eigener Wissensmanager sein, ein Leben lang.

SPIEGEL: Wie kann die Politik die Universitäten und Fachhochschulen bei ihrer Entwicklung unterstützen?

Teichler: Die Wissenschaftsminister müssen eine größere Vielfalt unter den Hochschulen ermöglichen, akademische Lehranstalten zu unterschiedlichen Schwerpunkten ermutigen. Zu viele Hochschulen mit Professoren haben das gleiche Ziel: einen Nobelpreis.

SPIEGEL: Das ist doch verständlich.

Teichler: Verständlich schon, aber wenig sinnvoll. Ausschließlich wissenschaftliche Spitzenleistungen zu erzielen, das kann nur für einen Teil der Universitäten die Aufgabe sein. Andere Hochschulen könnten ihre Schwerpunkte auf Internationalität, enge Kontakte zur Wirtschaft oder exzellente Betreuung der Studenten legen. Die Qualität der Universitäten und Fachhochschulen darf nicht mit einheitlichen Maßstäben gemessen werden, sondern nach "fitness for purpose", wie die Engländer sagen, also nach dem Nutzen für die individuellen Absichten.

SPIEGEL: Werden die deutschen Universitäten und Fachhochschulen denn freiwillig diesen Weg gehen?

Teichler: Das kann nicht den Hochschulen überlassen bleiben. Der Staat muss entsprechende Rahmenbedingungen schaffen.

SPIEGEL: Welche neuen Anforderungen werden auf den Studenten und Berufsanfänger in den nächsten 10 oder 20 Jahren zukommen?

Teichler: Er muss zunehmend die Fähigkeit besitzen, selbstverständlich mit virtuellen Welten umzugehen. Er wird viel häufiger als heute mit Menschen kommunizieren, die er kaum oder gar nicht kennt. Er muss sich in knappester Form schriftlich verständigen können. Und er muss mit großen abstrakten Systemen innerhalb von Computerwelten zurechtkommen.

INTERVIEW: JOACHIM MOHR

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