"Genießen Sie das Leben" - DER SPIEGEL
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"Genießen Sie das Leben"

Welches Studium verspricht die besten Berufschancen? Kaum einem Studenten droht noch dauernde Arbeitslosigkeit. Doch es gilt: Massentrends meiden und düstere Prognosen gelassen ignorieren.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Professor Albrecht Beutelspacher nimmt seinen Lehrauftrag ernst ­ und das macht Spaß. "Quälen Sie Ihren Professor", fordert der Gießener Mathematiker seine Studenten im Internet auf ­ sie dürfen seinem Konterfei auf der Homepage mittels Mausklick Nase und Ohren lang ziehen.

Wer Beutelspacher sprechen möchte, erfährt auf Tastendruck nicht nur seine Privatanschrift, sondern auch die Handynummer. So sei er, verspricht der Hochschullehrer, praktisch Tag und Nacht erreichbar.

So viel Dienst am Studenten kommt ­ gepaart mit pädagogischer Begabung ­ glänzend an. Statt Formeln vorzubeten, pustet Beutelspacher schon mal Seifenblasen in den Hörsaal, um dabei das Berechnen geometrischer Figuren zu demonstrieren. Rund 150 000 Besucher hat er in die Wanderausstellung "Mathematik zum Anfassen" gelockt, deren Exponate seine Studenten entwickeln durften.

Nun konnte Beutelspacher seine Homepage im Internet um die Rubrik "Preise" erweitern: Vom Deutschen Verein zur Förderung des mathematischen und naturwissenschaftlichen Unterrichts bekam er im April den mit 5000 Mark dotierten Archimedes-Förderpreis. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft zeichnete ihn gar mit 100 000 Mark und dem Communicator-Preis für die beste Darstellung von Wissenschaft in der Öffentlichkeit aus.

Für Hochschullehrer in Deutschland ist so viel Lob selten. Vor allem an den großen staatlichen Universitäten klagen Studenten über Professoren, die lieblos ihrem Lehrauftrag nachkämen und sich lieber im Stillen eigenen Forschungsbeiträgen widmeten. "Man muss sich nur die Sprechzeiten mancher Professoren anschauen", wettert der grüne Bundestagsabgeordnete Matthias Berninger, 29, der in Kassel die Lehramtsfächer Chemie und Sozialkunde mit dem Ersten Staatsexamen abschloss. "Eine Stunde für die Studenten pro Woche ­ das reicht nicht."

Die befragten Hochschulabsolventen stellen ihren einstigen Lehrmeistern vielfach schlechte Noten aus. So waren unter den BWL-Studenten an Universitäten nur zwölf Prozent mit Lehre und Beratung wirklich zufrieden, unter den Medizinern nur sechs Prozent und unter den Juristen gar nur drei Prozent. Praxisbezug suchten die meisten Absolventen vergebens. "Manche Professoren waren sehr abgeschottet", sagt Lars Wittenberg, 30, der an der Universität Mannheim Betriebswirtschaftslehre (BWL) studierte. "Selbst Assistenten habe ich nur selten gesehen", erinnert sich Carolina Villa, 31, ehemals Biologiestudentin an der Ruhr-Universität Bochum .

Trotz widriger Umstände schafften Wittenberg und Villa ihr Examen. Das gelingt lange nicht allen. Mindestens ein Viertel jedes Jahrgangs verlässt die Hochschulen ohne Abschluss ­ deutlich mehr als in Großbritannien oder in Japan, wo die Abbrecherquote bei 19 beziehungsweise 11 Prozent liegt. Der Essener Bildungsforscher Klaus Klemm hat herausgefunden, dass 60 Prozent der Informatik- und sogar 70 Prozent der Mathematikstudierenden vorzeitig die Uni verlassen ­ oft allerdings, um einen gut dotierten Job in der Computerbranche anzutreten.

Auch die Bundesbildungsministerin warnt. "Ich finde es skandalös", sagt Edelgard Bulmahn (SPD), "wenn ich sehe, dass in einigen Fächern nicht einmal jeder zweite Studienanfänger bis zum Examen kommt."

Zum Beispiel an der Universität zu Köln. Mit über 60 000 Studierenden zählt sie zu den größten Bildungsfabriken der Welt. An der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät drängen sich derzeit etwa 10 000 angehende Ökonomen.

Deren Empfang fällt noch freundlich aus. "Genießen Sie Ihr Studentenleben, genießen Sie unsere Stadt", begrüßte Rektor Jens Peter Meincke die Neulinge Mitte Oktober in der holzvertäfelten Aula. Fußballfans versprach der Professor gar eine Freikarte für ein Heimspiel des 1. FC Köln.

Doch die Freude der Erstsemester ist meist von kurzer Dauer. Wie an allen Massen-Universitäten leidet der Kölner Lehrbetrieb unter überfüllten Hörsälen, schlecht ausgestatteten Bibliotheken, knappen Seminarplätzen. Auf jeden Hochschullehrer kommen statistisch derzeit etwa 90 Wiso-Studenten. Vom Lehrbuch, mit dem sich mehrere hundert Studenten auf die Pflichtvorlesung "Einführung in die Betriebswirtschaftslehre" vorbereiten sollen, waren die zwei Dutzend Exemplare in den Universitätsbibliotheken wenige Tage nach Semesterstart verschwunden.

Spätestens bei den Prüfungen nach dem ersten Halbjahr erweisen sich viele Studenten als überfordert. Bis zu 60 Prozent scheitern im ersten Versuch an mathematischen Fächern wie Statistik und Mikroökonomie. "Die haben vielfach offenbar überhaupt keine Vorstellung, was sie erwartet", sagt Stefanie Kasper, 25, die als Fachschaftssprecherin Kommilitonen trösten musste, sobald am Pinnbrett die Noten aushingen.

Es mangelt, so scheint es, an verbindlichen Strukturen. Die Freiheit, die deutsche Universitäten ihren Studenten bei der Wahl der Seminare und der Gestaltung ihres Stundenplans einräumen, erzeugt im Grundstudium vielfach Orientierungslosigkeit. Vor allem Wirtschaftswissenschaftler, Juristen und Absolventen geisteswissenschaftlicher Fächer bemängeln einen unübersichtlichen Studienaufbau. Im Durchschnitt fühlte sich nicht einmal jeder Dritte gut beraten.

"Gerade am Anfang des Studiums hätte ich mir mehr Tipps zur Organisation gewünscht", sagt Henrike Schaller, 31, die an der Universität Kiel  die Fächer Latein und Englisch für das Lehramt studierte und seit zwei Jahren an einem Gymnasium im schleswig-holsteinischen Barmstedt arbeitet. "Wenn ich heute noch mal anfangen würde, könnte ich mir locker zwei Semester sparen, weil ich Bescheid weiß."

Die Sehnsucht nach einem verschulteren System ist offenbar groß. Mit Begeisterung berichten deutsche Austauschstudenten von britischen und französischen Universitäten, wo binnen drei Jahren feste Serien von Seminaren und Prüfungen absolviert werden müssen. USA-Erfahrene loben regelmäßig einen engen Kontakt zu ihren Professoren, die sich nicht hinter Vorzimmern und Sprechzeiten versteckten.

Um dem Nachwuchs bei der Orientierung an den Universitäten zu helfen, will Bildungsministerin Bulmahn künftig jene Professoren belohnen, die sich besonders um ihre Studenten kümmern. Nach ihren Vorstellungen zur Dienstrechtsreform sollen variable Gehaltszuschläge auch davon abhängen, ob ein Hochschullehrer Studien- und Jobberatung anbietet und sich dem Urteil der Studenten stellt.

Zudem haben mehrere Hochschulen begonnen, den Studienbeginn klarer zu strukturieren. In den Geisteswissenschaften an der Berliner Humboldt-Universität  sollen neuerdings schon Erstsemester einen Schein machen, der zur Zwischenprüfung zählt. Wer nach Plan Vorlesungen und Seminare belegt, ist nach zwei Jahren mit dem Grundstudium fertig.

Denn so groß das Gedränge an manchen Fakultäten auch sein mag: Schon heute, warnen Bildungsexperten, gibt es in Deutschland nicht zu viele, sondern zu wenige Akademiker. Vor allem in den naturwissenschaftlichen Fächern gehen die Zahlen der Studienanfänger und Absolventen seit fünf Jahren dramatisch zurück. Laut jüngstem Bildungsbericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD)  rangiert der Bildungsstandort Deutschland im internationalen Vergleich im hinteren Mittelfeld. Laut Statistik kommen auf 100 000 Beschäftigte gerade 1040 Graduierte der Ingenieur-, Natur- oder Biowissenschaften. In Finnland und Frankreich sind es etwa doppelt so viele, in Südkorea gar fünfmal mehr.

Tatsächlich haben sich düstere Prognosen über angebliche Akademikerschwemmen in der Vergangenheit regelmäßig als überzogen herausgestellt. Vor fünf Jahren sanken die Erstsemesterzahlen in den Ingenieurstudiengängen, weil die Wirtschaft über Auftragsmangel klagte und große Konzerne einen Einstellungsstopp verhängten. Heute jammern ebenjene Unternehmen der Maschinenbau-, Automobil- und Elektroindustrie über Nachwuchsmangel. Glücklich können sich nun jene schätzen, die damals alle Warnungen in den Wind schlugen und sich trotz angeblich schlechter Jobaussichten für einen Ingenieurstudiengang entschieden.

Es lohnt, gegen den Strom zu schwimmen. Während sich immer mehr Abiturienten für Betriebswirtschaftslehre einschreiben, sinkt etwa die Zahl der Volkswirte. Diese beschäftigen sich im Studium weniger mit Managementproblemen, sondern mit gesamtwirtschaftlichen Zusammenhängen.

Auf dem Arbeitsmarkt sind ihre Chancen deshalb nicht schlechter. "Bei Banken, Versicherungen und großen Behörden sind unsere Absolventen allesamt exzellent untergekommen", sagt Peter Frankenberg, Rektor der Universität Mannheim und selbst Professor an der Fakultät für Volkswirtschaftslehre. Um dem Vorurteil, sein Fach sei weltfremder Theoriekram, zu begegnen, schickt er seine Assistenten inzwischen sogar in die Schulen. Vom Exotenstatus profitieren können auch Frauen, die sich in von Männern dominierte Studienfächer wie Informatik oder Mathematik wagen. "In der Computerbranche haben Frauen geradezu traumhafte Berufschancen", verspricht Franz-Erich Wolter, Informatikprofessor an der Universität Hannover . "In Führungspositionen sind sie den oft introvertierten männlichen Hackern regelmäßig haushoch überlegen."

Umgekehrt gilt: Wer sich bei der Studienwahl auf Moden verlässt, läuft Gefahr, in der Masse unterzugehen. Das merken Juristen, denen vor Jahren noch glänzende Aussichten prophezeit wurden. Zwar ist die Gefahr gering, dauerhaft arbeitslos zu werden. Doch aus der Flut frisch examinierter Rechtswissenschaftler kommt derzeit nur ein kleiner Teil als Richter oder Staatsanwalt unter. Der große Rest geht in Kanzleien oder arbeitet in der Industrie und bei Verbänden ­ zu Einstiegsgehältern, die mit etwa 60 000 Mark jährlich niedriger sind als die von Betriebswirten und Ingenieuren.

"Ich warne davor, sich von Konjunkturzyklen allzu sehr beeinflussen zu lassen", sagt Bildungsministerin Bulmahn. Dafür liefert sie selbst ein gutes Beispiel: "Als ich mit dem Politikstudium anfing, gab es einen gravierenden Mangel an Politiklehrern, weil das Fach gerade eingeführt wurde", sagt die Ministerin. "Doch bis ich fertig war, hatte sich das schon wieder geändert. Ohne Englisch als Zweitfach hätte ich Schwierigkeiten gehabt, einen Job zu finden."

Inzwischen scheint sich diese Situation übrigens schon wieder geändert zu haben. "Mit Englischlehrern können Sie die Straße pflastern", sagt die Barmstedter Gymnasiallehrerin Schaller. Ihr habe vielmehr das Zweitfach Latein zum Job verholfen.

Sicher ist: Studieren allein reicht nicht. Früher ließen sich mit Praktika und Auslandsaufenthalten bei künftigen Arbeitgebern noch leicht Bonuspunkte sammeln ­ heute sind sie fast selbstverständlich.

Der frühe Kontakt zur Arbeitswelt hilft zudem, die von Personalchefs geschätzte Sozialkompetenz, neudeutsch "Soft Skills", zu entwickeln. Team- und Kommunikationsfähigkeit sind nach Erfahrungen vieler Absolventen im Berufsleben oft wichtiger als Expertenwissen.

Die Lehrpläne der Hochschulen nehmen darauf nur wenig Rücksicht. "Mündliche Referate dürfen gern heruntergeleiert werden, solange die Fakten stimmen", ärgert sich die BWL-Studentin Kasper. Debattierclubs wie in Großbritannien, wo der akademische Nachwuchs die geschliffene Rede übt, gibt es hier zu Lande kaum.

Selbst in angeblichen Laberfächern kommt das Reden reichlich kurz. "Das Studium war gekennzeichnet durch Kopien, die man in sich hineinfraß und irgendwann wieder ausspuckte", sagt Sonja Holzäpfel, 30, einst Psychologiestudentin in Saarbrücken. Kommunikationskurse seien höchst beliebt, aber leider selten und deshalb hoffnungslos überfüllt gewesen.

Ist Besserung in Sicht? Die Professoren sind skeptisch. "Wir können nur solides Grundwissen vermitteln und die Fähigkeit zu wissenschaftlichem Arbeiten", sagt Professor Werner Delfmann, Dekan der Kölner Wirtschaftsfakultät. "Den Stoff, mit dem sich meine Leute an der Uni beschäftigen, werden sie auch künftig in der Praxis kaum gebrauchen können", gesteht Mathematiker Beutelspacher. Die Studenten drängt er deshalb, sich früh in der Wirtschaft umzuhören und womöglich sogar Sponsoren für die Diplomarbeit zu finden.

Etwas besser sieht es an den Fachhochschulen aus. "Eine gute Mischung aus Theorie und Praxis" bescheinigt Holger Hölsken, 32, Absolvent der FH Münster  und heute Partner eines Architekturbüros, seinem Studiengang. "Übergangslos" sei er vom jobbenden Studenten zum selbständigen Architekten geworden.

Den Zwang, sich selbst kümmern zu müssen, empfinden einige der Ex-Studenten in der Rückschau gelegentlich als hilfreich. "Wir konnten nicht erwarten, an die Hand genommen zu werden", sagt der BWL-Absolvent Wittenberg, der inzwischen als Steuerberater arbeitet. Während des Studiums bereitete er angehende Immobilienkaufleute auf ihre Prüfungen vor. Diese Erfahrung, so Wittenberg, sei ihm nach dem eigenen Examen sehr nützlich gewesen.

Delfmann appelliert denn auch weiter an die Eigenverantwortung: "Allen Erstsemestern sage ich: Wir geben euch Freiräume ­ nutzt sie aus."

ALEXANDER NEUBACHER


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