Vielseitig verwendbar
Sorgfältig hatte Bernhard Gold seinen Businessplan auf zwei Folien aufbereitet, um im Seminar für Gründungsmanagement an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) seine "Cash-Machine" zu erklären. Internet-Nutzer, so die Idee des Studenten, sollen ein kleines Fenster mit Werbung freiwillig auf ihren Bildschirm laden, wenn sie im Netz unterwegs sind und sich dafür mit 90 Pfennig pro Stunde bezahlen lassen. Finanziert würde das Ganze von den Werbekunden, die mit Hilfe der Cash-Machine ihre Anzeigen unabhängig von einzelnen Internet-Seiten und zielgruppengenau schalten könnten.
Die Kommilitonen waren skeptisch. Technisch unmöglich, warnten die einen. Das wollen die User nicht, mäkelten die anderen. Das war vor anderthalb Jahren.
Heute hat Golds CyberProfit AG 18 Mitarbeiter und 190 000 Nutzer, die sich für das Surfen im Internet bezahlen lassen wollen. Gemeinsam mit seinen Mitgründern Michael Weber und Merten Stroetzel konnte Gold Risikokapitalgeber gewinnen, die mit fünf Millionen Mark eingestiegen sind. Der perfekte Übergang vom Studium ins Berufsleben: Gold studiert mit 27 Jahren noch im zehnten Semester Betriebswirtschaftslehre, ist aber schon Chef seiner eigenen Internet-Firma.
Der direkte Weg von der Hochschule auf den Chefsessel der eigenen Firma ist in Deutschland noch die große Ausnahme. Nur ein winziger Teil der Akademiker macht sich nach dem Examen selbständig, die Mehrheit zieht das warme Nest einer Festanstellung vor. Um das zu ändern, bieten immer mehr Universitäten in Zusammenarbeit mit dem Bund, mit Landesregierungen und Unternehmen Programme für Existenzgründer an. Projekte wie das "Bayerische Förderprogramm zum leichteren Übergang in eine Gründerexistenz" (FLÜGGE) oder das "Hamburger Existenzgründungs Programm" (hep) wollen junge Akademiker mit innovativen Produkt- oder Dienstleistungsideen ermuntern, den Weg an den Markt zu versuchen.
"Ohne die Hilfe der Universität hätten wir das nie geschafft", bestätigt Internet-Unternehmer Gold. Die Beratung durch die Uni sei "die Initialzündung" gewesen. "Wir hatten eine flüchtige Idee, waren aber hilflos, ob und wie man sie umsetzen könnte." Und genau da griff ihnen das Gründerbüro der LMU unter die Arme: mit Beratung und der Vermittlung von Experten für Risikokapital und Management-Know-how.
Der Weg in die Selbständigkeit ist nur einer von vielen, die Hochschulabsolventen heute offen stehen. Das ist die gute Nachricht der Absolventenstudie: Die Kluft zwischen Universität und Berufsleben ist keineswegs so tief wie oft behauptet. Den Sprung vom Hörsaal in den Job schaffen die Studenten weit müheloser als oft befürchtet.
Für manche Fächer gar hat sich der Markt total umgekehrt: Aus Sorge, den Bedarf an Nachwuchskräften nicht decken zu können, nehmen immer mehr Unternehmen von sich aus den Kontakt mit den Hochschulen auf, stellen sich als Arbeitgeber auf dem Campus vor oder locken potenzielle Bewerber mit Auswahlseminaren auf der Segelyacht.
Das viel beschworene Heer arbeitsloser Akademiker es existiert nicht. Rund 50 Prozent der befragten Absolventen haben maximal drei Monate nach einer Arbeitsstelle gesucht, ein weiteres Viertel bis zu einem halben Jahr. Nur sieben Prozent brauchten länger als ein Jahr ein Schicksal, das vor allem Geistes- und Sozialwissenschaftler trifft.
Doch selbst die angeblichen akademischen Sorgenkinder haben, mit ein wenig Flexibilität und Findigkeit, heute gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Vorbei die Zeiten, als das Germanistikstudium am ehesten eine längere Ausbildung für Taxifahrer war. Die Zahl derer, die vier Jahre nach Studienabschluss arbeitslos sind, ist extrem gering. Die höchste Quote erreichen beispielsweise mit acht Prozent die Sozialwissenschaftler, mit sieben Prozent die Biologen und sechs Prozent die Juristen. Die Arbeitslosenquote unter Absolventen anderer Fachrichtungen dagegen tendiert gegen Null.
Allerdings spielen Fächerkombination und Zusatzqualifikation bei Geisteswissenschaftlern eine größere Rolle als in den technischen Sparten. Informatiker finden auch ohne Fremdsprachenkenntnisse mühelos einen Job, Philologen dagegen müssen in der Regel mehr bieten als nur das Fachexamen.
Nach seinem Studium der Sinologie und der Völkerkunde fand Martin Datzmann, 34, nicht einmal einen Praktikumsplatz; auf 30 Bewerbungen erhielt er nur Absagen. Ganz anders sah die Welt für ihn nach einem einjährigen Aufbaustudium zum Internationalen Betriebswirt aus: Fünfmal bewarb er sich und erhielt drei Zusagen. Heute ist er Vertriebsbeauftragter für Asien in einem mittelständischen Unternehmen und kann seine Sprach- und Betriebswirtschaftskenntnisse perfekt kombinieren.
Glücklicherweise überlassen die meisten Universitäten es inzwischen nicht mehr allein dem Einfallsreichtum ihrer Studenten zu erkunden, was sie im Leben nach der Universität mit ihrem Hochschulwissen anfangen können. Schon während des Studiums rückt die Berufsperspektive zunehmend in den Blick. So lädt der Historiker Heinrich August Winkler von der Berliner Humboldt-Universität in einem Praxisseminar jede Woche einen gelernten Historiker aus Politik, Medien oder Verwaltung ein, darunter so prominente Gäste wie Marianne Birthler, die neue Chefin der Gauck-Behörde, und Verkehrsminister Reinhard Klimmt, um zu zeigen, "wo Historiker überall unterkommen".
Dazu passt, dass die Studenten selbst immer früher mit der Arbeitssuche beginnen. Fast die Hälfte der befragten Absolventen eruierte ihre Chancen bereits vor Studienabschluss, ein weiteres Drittel schickte während der Prüfungen die ersten Bewerbungen ab. Am flottesten sind die Maschinenbauer, das Schlusslicht bilden die Anglisten: Von ihnen macht sich etwa die Hälfte erst nach Studienabschluss auf die Suche nach einer Beschäftigung.
Künftig soll die Frage, ob eine Universität berufsvorbereitende Programme anbietet, auch in Hochschulrankings eine Rolle spielen. "Die Universitäten haben akzeptiert, dass die Berufsvorbereitung der Studierenden zu ihren Aufgaben zählt", meint Harro Honolka, Geschäftsführer des "Instituts Student und Arbeitsmarkt" an der Ludwig-Maximilians-Universität München. An fast 100 Unis gibt es mittlerweile "Career-Center" und "Placement Offices", die Trainingsprogramme für den Berufseinstieg anbieten. In Rhetorik- und EDV-Kursen, beim Bewerbungstraining und in Existenzgründerseminaren können sich die angehenden Akademiker für den Übergang ins Berufsleben wappnen.
Der Vorteil der Uni-Angebote: Sie sind meist kostenlos. Wendet sich der Hochschulabsolvent hingegen an einen privaten Dienstleister wie das "Büro für Berufsstrategie" des Ratgeber-Autorenduos Jürgen Hesse und Hans Christian Schrader, sind für eine Stunde individuelles Berufscoaching 200 Mark fällig.
Eine ganze Branche hat sich mittlerweile angesiedelt entlang des Weges von der Universität zum Beruf: Personalberater, professionelle Veranstalter von Recruiting-Messen, Anbieter von Bewerberdatenbanken denn mit den neuen Chancen macht sich auch eine neue Unübersichtlichkeit breit.
Weil Internet, neue Medien und der Gründerboom die Arbeitswelt nachhaltig verändern, herrschen goldene Zeiten für vielseitig verwendbare Quereinsteiger. Die Branchengrenzen sind durchlässiger denn je. "Heute kann man als Topabsolvent der Germanistik auch Trainee eines Wirtschaftsunternehmens werden", versichert Bernd Engelien von der Kölner Personalberatung "Career Company".
Der auf Vermittlung von hoch qualifizierten Arbeitnehmern spezialisierte Dienstleister veranstaltet mehrmals im Jahr branchenspezifische "Career Days" ein- bis mehrtägige Bewerbermessen, auf denen Arbeit suchende Hochschulabsolventen mit Nachwuchs suchenden Personalchefs zusammentreffen. Der Vorteil für die Bewerber: Mit einer Anreise können sie eine Vielzahl von potenziellen Arbeitgebern kennen lernen, und die Atmosphäre ist meist zwangloser als bei einem formellen Vorstellungsgespräch.
Bislang waren solche Bewerbermessen die Domäne von Großunternehmen, doch allmählich ziehen kleine und mittelständische Unternehmen nach. Die Uni München etwa veranstaltet zweimal pro Semester eine Firmenmesse "Student und Absolvent trifft Mittelstand", auf der sich jeweils zehn Unternehmen in Kurzreferaten dem Nachwuchs vorstellen.
Für kleinere Firmen ist der frühe Kontakt mit Hochschulabsolventen besonders wichtig, da in den Köpfen der Studenten noch immer die Großen als Traumarbeitgeber an erster Stelle rangieren: DaimlerChrysler, Siemens, BMW. Nur wenige Uni-Absolventen kennen überhaupt die Möglichkeiten, die sich ihnen in kleineren oder weniger bekannten Unternehmen bieten.
Der Informatiker Harald Ließmann, 32, hatte von der Firma Tibco Software, einem Tochterunternehmen des Finanzdienstleisters Reuters, noch nie gehört bis er sie auf einer Career-Day-Messe kennen lernte. "Das war sehr bequem", erinnert er sich. "Ich hatte einen dreiseitigen Lebenslauf dabei und musste nicht erst umständlich ein Anschreiben formulieren, sondern konnte direkt mit denen reden." Seit April arbeitet er bei Tibco Software als Berater.
Noch immer ist das Studienfach das wichtigste Kriterium bei der Einstellung. Doch daneben gewinnen andere Faktoren an Bedeutung. So räumen Anglisten und Pädagogen dem persönlichen Eindruck den größten Stellenwert ein. Aber auch 93 Prozent der Betriebswirte, 85 Prozent der Informatiker und 79 Prozent der Physiker sehen in ihrer Persönlichkeit einen zentralen Einstellungsgrund.
Die Examensnote dagegen spielt in der Wahrnehmung der Absolventen lediglich bei der Einstellung in den Schuldienst, bei Juristen und Naturwissenschaftlern eine wichtige Rolle. Weitere Gründe, die aus Sicht der Akademiker für sie sprachen: praktische Erfahrungen während des Studiums, fachliche Spezialisierung und Computerkenntnisse. Fremdsprachen und Auslandserfahrung werden je nach Studienfach sehr unterschiedlich bewertet. Elektrotechniker und Maschinenbauer messen Fremdsprachen eine wesentlich größere Bedeutung zu als etwa Betriebswirte. Dass sie ihren Job unter anderem ihrer Auslandserfahrung verdanken, glauben nach den Anglisten am ehesten die Humanmediziner: Jeder vierte hält den Blick über die deutschen Grenzen für wichtig.
Das bestätigt Lars Stubbe, 32, angehender Facharzt für Anästhesie am Klinikum Quedlinburg. Er hat in Leipzig Medizin studiert und war im Rahmen des Praktischen Jahrs vier Monate lang in Manchester. Eine "sehr interessante Erfahrung", meint er, "weil das System dort ganz anders aufgebaut ist als bei uns". Mehr Kontakt mit den Patienten, mehr Praxisbezug, "außerdem konnte man dort lernen, wie mit weniger Geld mehr zu erreichen ist". Diese Erfahrung war seiner Ansicht nach ausschlaggebend für seine Einstellung in Quedlinburg.
Je nach Studienfach versprechen sehr unterschiedliche Wege den größten Erfolg bei der Stellensuche: So haben die Hälfte der Humanmediziner, deren Berufsaussichten sich in den vergangenen Jahren drastisch verschlechtert haben, ihre Posten durch Eigenbewerbung ohne vorherige Ausschreibung gefunden bei Sozialwissenschaftlern führte das nur für zwölf Prozent zum Ziel.
Auf das Arbeitsamt brauchen Akademiker gar nicht erst zu setzen. Nur eine verschwindend geringe Zahl findet über die staatlichen Vermittler Arbeit. Dabei bieten viele Arbeitsämter mittlerweile ein breites Beratungsangebot für Hochschulabsolventen an. In Berlin kümmern sich drei Hochschulteams um den qualifizierten Nachwuchs, bieten Seminare an, stellen Berufsbilder vor und vermitteln Praktika. Insgesamt verspricht bei den meisten Fächern die klassische Bewerbung auf eine ausgeschriebene Stelle immer noch den größten Erfolg.
Allerdings wird der Stellenmarkt derzeit vom Internet geradezu revolutioniert. Immer mehr Online-Stellenbörsen konkurrieren mit den Print-Anzeigen. Große Computerfirmen wie IBM oder Dell rekrutieren inzwischen fast ausschließlich über das Internet. Doch längst finden nicht mehr nur Informatiker ihre Jobs im Netz. E-Recruiting, wie die Personalgewinnung über das Internet neudeutsch heißt, ist auch in Deutschland ein branchenübergreifender Trend.
Den macht sich die Hamburger Internet-Unternehmerin Ursula Triller, 38, zunutze. Für ihre Online-Jobbörse "worldwidejobs" hat sie eine spezielle Suchmaschine programmieren lassen, die Unternehmensseiten im Internet nach Stellenangeboten durchscannt. "Online-Bewerbungen sind schnell und preiswert", erklärt Triller den Nutzen des Netzes für Absolventen auf Jobsuche. Sie können so auf Trillers Internet-Seite auf derzeit fast 100 000 Stellen von 4000 deutschen Unternehmen zugreifen, nach Branche, Firma, Job und Region unterteilt.
Auch im eigenen Unternehmen hat Ursula Triller noch Jobs zu bieten. Ihre 35köpfige Mannschaft will sie schon bald auf 50 aufstocken. Doch das ist gar nicht so leicht. Weil der Arbeitsmarkt für Internet-Fachkräfte praktisch leergefegt ist, zahlt sie bereits jedem Mitarbeiter, der ihr einen neuen Kollegen bringt, bei Vertragsabschluss 2000 Mark Prämie.
SUSANNE FISCHER
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