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In einer anderen Welt

Was erwartet den fertigen Studenten im Beruf? Das gelernte Wissen zählt wenig, umso wichtiger sind Persönlichkeit, Flexibilität und Durchsetzungsfähigkeit. Dennoch möchte kaum ein Absolvent sein Studium missen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Am Ende der Feier schwiegen alle betreten. Keinem der Professoren und Studenten war nach Klatschen zu Mute, als Ute Stützinger, 30, zum 20-jährigen Jubiläum des Studiengangs "Neuere Fremdsprachen" ihre Erfahrungen aus elf Semestern Romanistik und Ökonomie bilanziert hatte.

Stützinger entschied sich 1990 für die Universität Gießen , weil der kombinierte Studiengang dort besondere Praxisnähe versprach; bald jedoch merkte sie, dass dieser Anspruch nicht eingelöst wurde. In Linguistik etwa hatte sie zwar in aller Ausführlichkeit erfahren, wie Sprache aufgebaut ist, nicht aber, wie sie Sprache praktisch einsetzen kann: Erzählen, Argumentieren, Überzeugen, all das, was sie erwartet hatte ­ Fehlanzeige. Stützingers bitteres Fazit: "Ich würde das Gleiche nicht noch einmal studieren."

Das saß. Die Würdigung geriet zur Abrechnung, die Wirtschaftsprofessoren hatten es wohl geahnt: Sie blieben der Veranstaltung vorsorglich fern.

Was die Absolventin Stützinger erlebt hat, deckt sich mit den Erinnerungen so mancher Jungakademiker an die Zeit an der Hochschule. Dort verbringen sie fünf, sechs, manchmal sieben Jahre. Sie besuchen Vorlesungen, absolvieren Seminare, schreiben Hausarbeiten, legen eine Abschlussprüfung ab. Und dann plötzlich: eine andere, fremde Welt.

Auf einmal sind die "Young Professionals" eingebunden in Teams ­ und nicht mehr Einzelkämpfer. Sie arbeiten eigenverantwortlich an Projekten ­ statt streng nach Lehrplan. Sie haben ständig Kontakt mit Kunden ­ und nicht gelegentlich mit einem Professor. Kurz: Sie erleben den Praxisschock.

Die Zahlen der Studie lassen wenig Zweifel. Nur elf Prozent der Absolventen bewerten den Praxisbezug des Studiums als gut, rund ein Viertel haben den Eindruck, dass sie ihre im Studium erworbenen Qualifikationen wenig oder überhaupt nicht für ihren Beruf verwenden können. Auch im internationalen Vergleich hinkt Deutschland hier hinterher. Nur die französischen Studienabgänger können noch seltener auf jene Qualifikationen zurückgreifen.

"Das deutsche Hochschulwesen muss sich über eines klar werden", sagt Markus Kerber, 37, Finanz- und Personalvorstand der St. Georgener Software-Beratungsfirma für Informationstechnologie GFT Technologies , "will es für die wissenschaftliche Welt ausbilden oder für die Arbeitswelt?"

Es ist die Kernfrage, die sich nach der Absolventenstudie stellt. Rund 55 Milliarden Mark geben Bund und Länder jedes Jahr für Hochschulen aus, deren Qualität als Ausbildungsstätte zumindest fraglich ist. Und wenigstens ein halbes Jahrzehnt verbringen junge Leute auf dem Campus, ohne eine konkrete Idee von dem zu haben, was danach auf sie zukommt.

Hat also die deutsche Hochschule als Ausbildungsstätte versagt? Waren die Jahre des Studiums schlicht vertane Zeit?

Völlig vergebens kann es nicht gewesen sein, auch das belegen die Ergebnisse der Studie. Sonst wären wohl nicht fast zwei Drittel der Jungakademiker zufrieden mit ihrer beruflichen Situation; dass diese besser ist als bei Studienbeginn erwartet, meinen sogar mehr als 40 Prozent. Und sonst würde auch nicht praktisch jeder von ihnen (97 Prozent), wenn er noch einmal entscheiden könnte, erneut studieren ­ wenn auch nicht immer dasselbe Fach.

Vor allem aber: Fast jedem Absolventen ist der Absprung ins Berufsleben geglückt. Nur drei Prozent der ehemaligen Uni- und zwei Prozent der FH-Studenten sind vier Jahre nach Abschluss arbeitslos.

Die Nachwuchskräfte werden hart rangenommen. Ihre effektiven Arbeitszeiten liegen deutlich oberhalb dessen, was Gewerkschaften für akzeptabel halten: Im Schnitt arbeiten sie 46 Stunden pro Woche. Auch die Einkommen der Berufseinsteiger liegen über dem Durchschnitt. Etwa jeder zehnte Universitätsabsolvent verdient vier Jahre nach dem Examen schon mehr als 100 000 Mark im Jahr.

"Unsere Absolventen sind längst nicht so schlecht vorbereitet, wie es oft behauptet wird", sagt Sigmar Gleiser von der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung der Bundesanstalt für Arbeit. "Auch die Geisteswissenschaftler sind marktfähig."

Eine merkwürdige Dialektik bestimmt die berufliche Situation von Jungakademikern. Was sie an der Hochschule gelernt haben, können sie nur selten nutzen, dennoch halten sie ein Studium für unverzichtbar. Und mag es noch so fern der Praxis gewesen sein, kaum ein Absolvent hat danach Probleme, eine Beschäftigung zu finden. Wie passt das zusammen?

Es ist die wirtschaftliche Lage im Land, die den Widerspruch teilweise erklärt. Die Generation der um die 30-Jährigen profitiert davon, dass sich die Konjunktur im Aufschwung befindet. Als sie Anfang der neunziger Jahre studierte, schickten die Unternehmen erfahrene Kräfte zu Hunderttausenden in Frührente ­ oder zum Arbeitsamt.

Heute fehlt ihnen qualifiziertes Personal. Quer durch die Branchen sind Unternehmen im Aufbruch, der Strukturwandel zur Informationsgesellschaft ist in vollem Gange ­ und der Bedarf an jungen Kräften immens.

Ein Kampf ist entbrannt um die besten Köpfe, etwa in der Computerbranche. Die Lage dürfte sich in den kommenden Jahren kaum bessern: Die demografische Entwicklung lässt erwarten, dass die Zahl der Absolventen noch sinken wird.

Da nehmen die Firmen in Kauf, auch Mitarbeiter anzustellen, die nicht exakt ihren Vorstellungen entsprechen. Sie müssen zunächst kräftig investieren, um den Nachwuchs auf ein Niveau zu hieven, das ihren Anforderungen entspricht. "Was an Praxis fehlt, kann man in einem Jahr wieder hinbiegen", sagt GFT-Vorstand Kerber, "auch wenn es eine große Frustration für den Mitarbeiter und das Unternehmen bedeutet."

Längst nicht jeder Absolvent findet sich freilich damit ab, dass die Hochschule ihn ungenügend auf die Berufswelt vorbereitet. Viele versuchen, sich aus eigenem Antrieb für den Alltag am Arbeitsmarkt fit zu machen ­ selbst wenn es der Lehrplan gar nicht vorsieht.

Mehr als die Hälfte der Absolventen haben während des Studiums Praktika gemacht. Bei immerhin elf Prozent war dieser Kontakt maßgeblich dafür, dass sie im Anschluss eine Stelle gefunden haben. "Praktika werden in den kommenden zehn Jahren essenziell für die Rekrutierung werden", sagt Andrea Köhn, Personalmanagerin bei der Unternehmensberatung Gemini Consulting.

Erst die praktischen Erfahrungen in einer Möbelfirma und einem Walzwerk haben den Wirtschaftsingenieur Rainer Gerhardt, 31, verstehen lassen, wie ein Betrieb tatsächlich funktioniert. "Ich habe gelernt, wie Entscheidungen getroffen werden", sagt er. "Je mehr man davon mitbekommt, umso besser." Die Uni jedenfalls sei dafür der falsche Ort, meint Gerhardt: "Den Inhalt kann man zu 95 Prozent vergessen."

Sein Diplom hat er in Siegen gemacht, von Teamarbeit hat Gerhardt dort nicht viel mitbekommen. "Einzelkämpfer waren gefordert", erinnert er sich. Trotzdem war es für ihn leicht, eine Stelle zu finden; schon im Studium hat er den Kontakt zu Unternehmen gesucht: "Ich bin bei der Firma geblieben, bei der ich mein Diplom geschrieben habe."

Dass die Absolventen leicht vermittelbar sind, liegt auch daran, dass sie heute flexibler und mobiler sind. Früher wollte einer, der Germanistik studiert hat, auf jeden Fall im Verlag arbeiten, am besten in einer Vollzeitstelle in einem unbefristeten Vertrag.

Inzwischen verhalten sich die Absolventen pragmatischer. Sie passen sich dem an, was der Arbeitsmarkt bietet und verlangt. So arbeiten mehr als ein Viertel der Uni-Abgänger mit befristeten Arbeitsverträgen. Zudem sind die Akademiker nicht mehr so fixiert auf den Beruf, der ihrem Studium scheinbar am nächsten liegt.

Georg Marwood, 36, zum Beispiel hat in Duisburg Anglistik studiert, dann stand er etwas ratlos da: "In Vorstellungsgesprächen habe ich herausgehört, dass es lieber gesehen wird, wenn man Wirtschaftswissenschaften als Hauptfach studiert hat und die Sprachen als Nebenfächer."

Elf Monate war er arbeitslos, das Arbeitsamt vermittelte ihn an eine Buchhandlung. Nachdem das Geschäft geschlossen wurde, musste sich der Quereinsteiger neu orientieren. Heute sitzt er im Callcenter der Deutschen Bank und betreut Kunden am Telefon. "Ich habe während des Studiums Methoden gelernt, um Probleme zu lösen", sagt Marwood. "Vom Inhalt her war das Studium für meinen heutigen Beruf nicht wichtig."

Nicht selten betrachten Absolventen ihr Studium lediglich als Basis, die sie zu einem ganzen Bündel an Tätigkeiten befähigt. An der Hochschule haben sie analytisches Denken und strukturiertes Vorgehen gelernt. Was sie sonst für den Job brauchen, eignen sie sich später selbst an.

Das ist sinnvoll, da sich ständig die Anforderungen ändern. Daher gilt es für junge Akademiker, sich "employable" zu halten, wie amerikanische Arbeitswissenschaftler und Personalchefs fordern, das heißt: ihre Arbeitskraft immer wieder den wechselnden Erfordernissen anzupassen.

Wenn Gert Stürzebecher auf die Suche nach den "High Potentials" geht, dann stellt er, wie er sagt, "nicht produkt-, sondern potenzialorientiert" ein. Stürzebecher, der von New York aus den Top-Nachwuchs für Bertelsmann rekrutiert, fordert von den künftigen Mitarbeitern, dass sie sich in ihrer Aufgabe selbst entwickeln. "Schließlich haben sie viele Freiräume", sagt er, "und wir erwarten, dass sie diese füllen."

Das mag für manche mühsam sein, vielen aber kommt die Abwechslung gerade in jungen Jahren ganz gelegen. Niemand will heute mehr ein Leben lang dieselben Handgriffe machen. Eigene Ideen verwirklichen, selbständig lernen, mit anderen zusammen an einem Projekt arbeiten ­ das sind berufliche Ziele, auf die Absolventen besonderen Wert legen.

Bei der Deutschen Unilever rotieren die Mitarbeiter in der Regel alle zwei bis drei Jahre von einer auf die nächste Position, fast wie bei der Bundeswehr. In einem "Performance Development Plan" werden die Leute mit neuen Aufgaben betraut, oft ist der Wechsel verbunden mit einer Beförderung. "Sonst würden wir im eigenen Saft schmoren", erklärt Peter Tschirner, zuständig für die Entwicklung der Führungskräfte, den Sinn der Job-Rotation.

Diese Beweglichkeit ist charakteristisch für "Young Professionals". Ein Drittel der Absolventen hat in den vier Jahren seit dem Examen schon einmal den Arbeitsplatz gewechselt, ein Sechstel sogar zweimal. Die Stelle fürs Leben zu finden ­ daran glauben die wenigsten.

Manche haben sogar Zweifel, ob sie das Wissen aus dem Studium überhaupt irgendwo anwenden können. "Wenn ich heute eine Kalkulation mache, dann kann ich sagen, das habe ich an der Uni gelernt", meint der Betriebswirt Michael Gick, "ich kann aber auch sagen, die Grundrechenarten habe ich schon in der Grundschule gelernt."

Gick, 32, ist Assistent der Geschäftsführung bei einer Münchner Immobilienfirma. Er sucht Grundstücke auf der grünen Wiese, auf die Supermärkte gebaut werden. Mit Banken verhandelt er, wie das Projekt zu finanzieren ist, und mit Baufirmen, wie es zu errichten ist ­ alles Tätigkeiten, die weit entfernt sind von dem, was er im BWL-Studium in München gelernt hat: "Da hört man viel und kann wenig brauchen."

Ohnehin wird vielen Absolventen erst später klar, was sie tatsächlich im Beruf benötigen. Betriebswirte zum Beispiel erleben in der Praxis, wie wichtig es ist zu planen, das heißt: zu organisieren, zu verhandeln, wirtschaftlich zu denken, Regeln und Vorschriften anzuwenden.

Lars Gerber, 28, hätte zu Studienzeiten nicht geahnt, woran alles zu denken ist, um ein Lebensmittel zu verkaufen. Der Betriebswirt ist Markenmanager für Gemüse bei Langnese-Iglo, zuständig für die Spinat-Kampagne mit Verona Feldbusch.

Welcher Verlag ist der richtige, um ein Spinat-Kochbuch zu veröffentlichen? Welche Textilfirma soll das "Blubb"-T-Shirt drucken? Welche Agentur konzipiert den Internet-Auftritt? Informationen suchen, Ideen umsetzen, das ist Gerbers tägliche Arbeit ­ vor allem aber: andere überzeugen.

So musste er den Konzern-Verantwortlichen erst einmal klar machen, warum jemand wie Verona Feldbusch durchaus erfolgreich für ein Produkt wie Spinat werben kann, auch wenn die Feldbusch sonst damit kokettiert, nicht kochen zu können. "An der Uni kann man kaum erahnen, wie so ein internationaler Konzern tickt", sagt Gerber.

Immer stärker wird die Wirtschaft von Service und Dienstleistung geprägt, daher sind so genannte weiche Faktoren gefragt wie nie. Selbst Computerspezialisten können es sich heute nicht mehr leisten, wie Autisten vor dem Monitor vor sich hin zu programmieren.

Viel zu wenig unternehme die Hochschule, um kommunikative Fähigkeiten zu vermitteln, klagt GFT-Vorstand Kerber. "Es ist angesichts von 1968 ein Kuriosum, dass wir uns Argumentation und Meinungsbildung abgewöhnt haben."

Merkwürdig bleibt aber auch, dass die Absolventen mit all diesen Unzulänglichkeiten erstaunlich gut zurechtkommen. Sie passen sich schnell den tatsächlichen Anforderungen an, fast jeder findet seinen Arbeitsplatz.

Auch die Romanistin und Ökonomin Stützinger hat ­ obwohl sie vom Studiengang "Neuere Fremdsprachen" enttäuscht wurde ­ den Absprung locker geschafft: In einer Darmstädter Start-up-Firma berät sie Unternehmen beim Aufbau elektronischer Kommunikationsnetze.

Was sie sich einst an Stochastik, Wachstumstheorien oder Dialektforschung eingepaukt hat, kann sie nun getrost vergessen. Nur eine Erfahrung aus fünf Jahren Uni braucht sie heute noch täglich: "Ich habe gelernt, wie man sich durchbeißen muss."

ALEXANDER JUNG


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