Logistik statt Lehren - DER SPIEGEL
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Logistik statt Lehren

Die Schüler waren ihr zu nervig. Jetzt steuert Anita Hallmeier den Materialfluss bei BMW.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In diesem Sommer war die Versuchung noch einmal groß. Anita Hallmeier, 29, bekam Post vom bayerischen Kultusministerium. Ein kleiner Umschlag, vollgestopft mit zusammengefaltetem Papier. "Da hat man gleich gesehen, das kommt vom Kumi. Die falten sogar die Zeugnisse zusammen, weil das große Kuvert mehr kostet."

Heute kann Hallmeier darüber lachen, früher, als sie noch Beamtin werden wollte, fand sie solche Details "einfach unglaublich". Der Brief offerierte ihr eine Stelle, wegen der sie vor drei Jahren "einen Luftsprung" gemacht hätte: Lehrerin für Mathematik und Physik am Gymnasium Friedberg bei Augsburg.

Die sportliche Regensburgerin lehnte ab, sie hat inzwischen, wie sie meint, was Besseres gefunden. Als der bayerische Staat 1997 die Lehrerin mit ihrer Note von 2,8 nicht nehmen wollte, ging sie auf Jobsuche ­ wie fast 90 Prozent ihrer Kommilitonen.

Anita Hallmeier gab Computerkurse und Nachhilfestunden an einer Privatschule, dann vermittelte ihr eine Freundin vor zwei Jahren ein Praktikum bei BMW in Regensburg. Die junge Frau mit der mathematischen Begabung und den guten Computerkenntnissen blieb. Heute arbeitet Anita Hallmeier als Disponentin in der Logistik. Sie sitzt mit 20 Kollegen in der Abteilung Materialbeschaffung und steuert die rechtzeitige Lieferung sämtlicher Teile, die am Montageband des Automobilproduzenten benötigt werden. Würde sie vergessen, die Bremsscheiben zu bestellen, käme das Band in Regensburg zum Stehen. "Damit", meint sie, "kann man sich ganz schnell einen Namen machen."

Die 35-Stunden-Woche bei BMW wird gut bezahlt. Mit den tariflichen Zusatzleistungen hat die 29-Jährige jetzt ein höheres Einkommen als junge Studienräte an bayerischen Gymnasien. Ein weiteres Privileg: das Cabrio Z3 als Sommerauto, im Winter eine Limousine der 3er Reihe, gemietet zum niedrigen Mitarbeitertarif.

Doch mit dem aufwendigen Studium an der Uni Regensburg hat der Job nichts mehr zu tun. BMW legte nur Wert auf Hochschulabschluss und Computerkenntnisse. Die hatte sich Anita Hallmeier ohnehin selbst beigebracht. In der Referendarzeit waren ihr Zweifel gekommen, ob sie das Talent habe, eine Klasse ständig zu motivieren und mit weniger begabten Schülern geduldig zu bleiben. So ein Haufen könne schon recht "nervig" sein.

Heute ist Anita Hallmeier ziemlich sicher, dass sie besser in die Logistikabteilung bei BMW passt. "Ich hatte riesiges Glück, ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort." Der Automobilkonzern bietet ganz andere Aufstiegschancen als die Beamtenlaufbahn.

Das Angebot, im Werk Oxford bei der Produktion des neuen Mini einzuspringen, lehnte die Regensburgerin allerdings gerade ab. Derzeit lockt den Single die Stadt an der Donau mit der wohl höchsten Kneipendichte Deutschlands. "Das muss ich jetzt noch genießen", sagt die Disponentin, "alles Weitere kommt später."

CONNY NEUMANN


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