Interkulturell geländegängig - DER SPIEGEL
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Interkulturell geländegängig

Ein paar Semester im Ausland erhöhen die Chancen am Arbeitsmarkt erheblich - doch Stipendien dafür sind rar und heiß begehrt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Studenten, die sich im Internet in das "IAESTE Outgoer Board" (www.iaeste.de)  einloggen, möchten meist ganz schnell ganz weit weg. Doch nicht, um alles hinter sich zu lassen, sondern weil sie viel vorhaben.

Heike, angehende Psychologin, sucht über die "International Association for the Exchange of Students for Technical Experience" in Australien einen Job, wo sie mehr über Software-Ergonomie lernen kann. Agrarwirtschaftlerin Christina möchte Praktika in Frankreich und Italien im Wein-, Obst- oder Gemüseanbau absolvieren. Und Architekturstudent Felix sucht einen Praktikantenplatz in Thessaloniki, weil er dort bei Freunden wohnen kann.

Die Zahl der deutschen Studenten, die es in fremde Länder zieht, hat in den vergangenen Jahren zwar deutlich zugenommen ­ doch sie bewegt sich nach wie vor auf niedrigem Niveau. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD)  rechnet mit etwa zehn Prozent, die während ihres Studiums ein oder mehrere Auslandssemester einlegen. Der Kanzler persönlich hat angekündigt, diese Zahl in den nächsten Jahren zu verdoppeln.

Das scheint dringend nötig. Wer auch gefragt wird: Manager, Professoren oder Studienberater raten zum Auslandsaufenthalt ­ und nicht nur wegen der Sprachkenntnisse. "Interkulturelle Geländegängigkeit" wertet Andreas von Specht, Geschäftsführender Partner bei Europas größtem Personalberater Egon Zehnder International in Frankfurt am Main, als wichtigsten Bonus bei Auslandserfahrungen. "Wenn jemand in einem fremden Land mal eine Wohnung gemietet und sein Leben in ungewohnter Umgebung selbst gemanagt hat, werfen ihn andere Herausforderungen nicht so schnell um."

Doch trotz aller Ermutigung ist das Bild sehr uneinheitlich. Nach der SPIEGEL-Absolventenstudie legten fast die Hälfte aller befragten Mediziner (46 Prozent) Auslandssemester ein, aber nur drei von hundert Lehramtskandidaten mit naturwissenschaftlichen Fächern. Mobilitätsunterschiede gibt es auch zwischen Uni- und FH-Absolventen der gleichen Fachrichtung: Dreimal so viele Elektrotechniker (24 Prozent) und Maschinenbauer (29 Prozent) mit Uni-Diplom gehen ins Ausland wie Kommilitonen von den Fachhochschulen (8 und 9 Prozent).

Die Ansprüche an Internationalität, zumal in der Wirtschaft, werden immer höher. In vielen deutschen Großunternehmen ist längst Englisch Konzernsprache. "Nur mit Englisch kann man heute nicht mehr punkten", sagt Berater von Specht, "erst ab der zweiten fließend gesprochenen Weltsprache kommt der Absolvent am Arbeitsmarkt in ein Sondersegment mit besten Chancen."

Wer sich Überblick verschaffen will, wie er das "Pflichtfach Auslandserfahrung" am besten angeht, greift zum "Handbuch Studium und Praktikum im Ausland" (Eichborn Verlag, 1999) oder zum jährlich erscheinenden DAAD-Führer "Studium, Forschung, Lehre im Ausland ­ Förderungsmöglichkeiten für Deutsche", zu beziehen über die Akademischen Auslandsämter der Hochschulen oder beim DAAD, Kennedyallee 50, 53175 Bonn.

Ein Problem ist für viele Studenten die Finanzierung eines Auslandsaufenthalts. Zwar gibt es unter bestimmten Bedingungen auch im Ausland bis zu 15 Monate lang Bafög. Aber die meisten Studis sind auf andere Geldquellen angewiesen ­ vor allem auf Stipendien des DAAD, der größten deutschen Austauschorganisation (www.daad.de) . Für dessen 3176 Jahresstipendien meldeten sich 1999 dreimal so viele Bewerber. Die allerdings konzentrierten sich stark auf wenige Staaten: die USA, England, Österreich und Frankreich. Wer anderswo hingehen mag, hat bessere Chancen. Gern will der DAAD mehr Stipendiaten nach Osteuropa schicken. Doch 1999 hatten gerade mal 93 Lust auf Lwów oder Ljubljana.

Studenten, die partout in die USA wollen, bewerben sich bei der Fulbright-Kommission (www.fulbright.de) . Der DAAD vergibt USA-Stipendien vorwiegend an Graduierte, publiziert aber einen nützlichen Nordamerika-Stipendienführer.

Fachhochschüler können die harte Konkurrenz mit Uni-Studenten umgehen, indem sie sich bei speziellen FH-Programmen bewerben, wie sie der DAAD und die Carl Duisberg Gesellschaft (www.cdg.de)  anbieten.

Geld gibt auch die EU. Sie hat das Budget für Bildungsförderprogramme gerade um 30 Prozent aufgestockt, darunter auch Mobilitätsprogramme mit wohlklingenden Namen wie "Leonardo da Vinci" oder "Erasmus". Allein für das Erasmus-Programm, mit dem seit 1987 über 100 000 deutsche Studenten "abroad" gingen, werden EU-weit bis 2006 beinahe eine Milliarde Euro fließen. Deutsche Studenten können mit 100 bis 400 Mark Zuschuss pro Monat rechnen. Doch weil das zum Leben nicht reicht, blieben bisher rund die Hälfte der 181 000 Erasmus-Plätze unbesetzt.

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