Mit Einser-Examen im Taxi
Wenn es bei Jutta Motzko, 33, klingelt, ist es meist der Chef. Die Schicht, meldet er, beginnt am nächsten Tag um 8.30 Uhr. Dann wird die junge Frau wieder in dem beigefarbenen Mercedes-Taxi mit Gummersbacher Kennzeichen sitzen. Eigentlich kein schlechter Job, sagt sie fröhlich, aber gelernt hat sie etwas anderes.
Jutta Motzko studierte nach ihrer Lehre als Technische Zeichnerin mit Erfolg Architektur. Nach elf Semestern machte sie in Siegen ein Diplom und bildete sich in einem Aufbaustudium an der Universität Kassel zur Diplomingenieurin mit Schwerpunkt Städtebau. "Beides Einser-Examen", sagt sie stolz.
Auch Praxiserfahrung hat die Frau, die in ihrer Freizeit gern mit der Kamera durch Großstädte zieht und Häuser, Straßen und Freiflächen fotografiert. Neben dem Studium arbeitete sie für kleine Architekturbüros, sanierte unter anderem sechs Mietshäuser in Berlin.
Sie ist fit am PC, beherrscht Grafik- und Bildbearbeitungssoftware. Ein Umzug wäre kein Problem. "Ich bin flexibel, kann Menschen überzeugen und gut im Team arbeiten", sagt sie über sich.
Doch irgendwas ist schief gegangen. Bei ihren rund 100 Bewerbungen seit 1997 kam sie zwar öfter in die Endauswahl, aber geklappt hat es nie. Auch freiberufliche Aufträge trudeln nur alle paar Monate ein. So jobbt sie, um Wohnung und Auto zu bezahlen, als Tankwartin, Kellnerin oder als Taxifahrerin.
Jutta Motzko erklärt sich den Misserfolg auch damit, dass es "einfach zu viele Architekten gibt". Obwohl dies ihr Traumberuf bleibt, würde sie heute eher Grafik-Design studieren, "weil es da mehr Arbeitsplätze gibt". Aber sie ahnt auch, dass sie wohl selber Fehler gemacht hat. Während des Studiums absolvierte sie nur ein einziges Praktikum, "weil ich immer auf bezahlte Nebenjobs angewiesen war". Hätte sie nur "einfach mal in einer Großstadt beim renommiertesten Architektenbüro geklingelt und kostenlose Mitarbeit angeboten", sagt sie.
Solche Kontakte fehlen ihr nun. "Wahrscheinlich habe ich zu viele wissenschaftliche Qualifikationen gesammelt und zu wenig Beziehungen geknüpft", meint sie selbstkritisch. Um dranzubleiben, bastelt sie nach Feierabend an Einsendungen für Architektenwettbewerbe. In ihren Regalen stapeln sich Entwürfe für niederbayerische Dorfplätze und Reihenhaussiedlungen. In manchen stecken ein halbes Jahr Arbeit und bis zu 2000 Mark Materialkosten. "Diesen Luxus leiste ich mir", sagt Motzko, "weil Planen einfach Spaß macht und vordere Plätze bei Wettbewerben sich in Bewerbungsschreiben gut machen."
Nur durch Zufall kommt sie manchmal an Aufträge. Als der Chef einer Imbissbude, in der sie im Frühjahr jobbte, von ihrem Diplom erfuhr, durfte sie den Innenausbau für sein neues Restaurant mit Kneipe übernehmen. Dann arbeitete sie in dem selbst entworfenen Lokal an der Theke.