Die Freiheit nutzen
Die "vorurteilslose Beobachtung des Naturgeschehens durch genaueste Messung mit zum Teil aufwendigen Apparaturen" lernt der angehende Physiker laut Studienbeschreibung an der Universität Kiel .
Mit aufwendigen Apparaturen hantiert der Diplom-Physiker Thorsten Kulak, 32, noch immer. Doch statt Naturgewalten zu messen, organisiert er heute Geldströme: Kulak, der von 1987 bis 1995 in Kiel studierte, ist Consultant bei TeleCash in Berlin, dem größten Anbieter von elektronischen Zahlungssystemen in Deutschland. Ob an der Tankstellenkasse oder beim E-Shopping im Internet, wo immer Kunden eine Plastikkarte zum bargeldlosen Blechen zücken, stammen die Lesegeräte von Kulak und seinen Kollegen.
Dass er einmal Teil der New Economy sein würde und elektronische Zahlungssysteme "aufregend" finden könnte, hätte der bedächtige Eutiner 1995 kaum gedacht. Mitte der Neunziger waren Astrophysiker mit Nebenfach Elementarteilchen-Physik in Deutschland wenig begehrt, die Techniker-Jobs gingen an Ingenieure mit praxisbezogener Ausbildung.
"Bei Bewerbungen fand ich mich plötzlich unter 500 anderen wieder", erinnert sich Kulak. Meist schaffte er es aus der Masse unter die ersten zehn, auch schon mal auf Platz zwei. Doch es fehlte jedes Mal das letzte Quäntchen Glück und Erfahrung.
Ein Industriepraktikum hatte Kulak während seiner 14 Semester nicht gemacht: "Mir war nicht klar, wie wichtig das ist." Lieber besserte er sein Bafög als Obstverkäufer oder in der Poststelle des Sozialgerichts auf. Die Pflichtpraktika konnten im Elfenbeinturm abgeleistet werden: Sechs Monate starrte Kulak in der Uni-eigenen Sternwarte in den Himmel.
Auch mit Auslandserfahrung konnte der Absolvent Kulak nicht aufwarten. Das geplante Semester in England hatte er nach dem Mauerfall zu Gunsten eines Zwischenspiels an der TU Dresden aufgegeben. "Die DDR 1990, das war mehr geballte Auslandserfahrung, als man in irgendeinem anderen Land hätte bekommen können", davon ist Kulak noch heute überzeugt. Allein, potenzielle Arbeitgeber wollten lieber eine zweite Fremdsprache.
Und nicht alle Trümpfe spielte Kulak aus: Dass er Mitglied der Hochbegabten-Vereinigung "Mensa" ist (Mindest-Intelligenzquotient 130), stellte Kulak nicht groß raus: "Ich hatte das Gefühl, dass das schlecht angesehen wird, weil es mit Elite assoziiert wird."
Weil der Einstieg nicht gelingen wollte, schulte Kulak um zum Umweltschutz-Experten, jobbte als Programmierer, arbeitete bei einer Zeitarbeitsfirma als Bürokraft und machte bei dem Münchner Banknoten- und Kreditkartenhersteller Giesecke & Devrient so viel Eindruck, dass er dort im Support eingestellt wurde.
Nach schwerem Start kann Kulak sich nun die Stellen aussuchen. Von allzu viel Tempo und Praxis im Studium rät er weiter ab. Studenten sollten "die Freiheiten, die man an der Uni hat, voll ausnutzen. Das kann man nie wieder im Leben".