Pop: "Beschimpfungen härten ab" - DER SPIEGEL
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Pop "Beschimpfungen härten ab"

Die Spice Girls Victoria Beckham und Melanie Chisholm über den Welterfolg der britischen Mädchenband, böse Schlagzeilen um ihr Privatleben und das neue Spice-Girls-Album "Forever"
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL:

Ms Beckham, Ms Chisholm, die Spice Girls wurden Mitte der neunziger Jahre weltberühmt durch den Schlachtruf nach "Girl Power". Ist auf dem neuen Spice-Girls-Album "Forever", das fast nur sanfte Balladen präsentiert, aus der Mädchenpower plötzlich Mami-Gemütlichkeit geworden?

Chisholm: Als wir anfingen, sprühten wir vor Energie. Wir waren jung, euphorisch und naiv. Und weil wir nicht so genau kapierten, was der ganze Rummel um die Spice Girls zu bedeuten hatte, sind wir einfach total durchgedreht. Jetzt sind wir ein wenig älter und haben Dinge durchgestanden, die für mehrere Leben reichen würden. Da ist es ganz logisch, dass man alles viel entspannter angeht.

SPIEGEL: Sie könnten längst Ferien für immer in der Karibik machen. Welcher Ehrgeiz hat Sie dazu getrieben, abermals Wochen in Plattenstudios zu verbringen?

Chisholm: Wir wollen Menschen glücklich machen. Und solange das funktioniert, werden die Spice Girls gebraucht.

SPIEGEL: Haben Sie, Ms Chisholm, nicht gerade mit dem großen Erfolg Ihres Solo-Debüts "Northern Star" bewiesen, dass Sie die Spice Girls gar nicht brauchen?

Chisholm: Seien wir ehrlich: Gäbe es die Spice Girls nicht, hätte sich wahrscheinlich niemand für mein Album interessiert.

SPIEGEL: Bedeutet das Streben nach "Girl Power" heute, dass man alles daransetzt, parallel zur gemeinsamen Gruppe eine eigene Karriere zu starten?

Chisholm: Wir tun nur, wozu wir Lust haben. Den ganzen Terminwahnsinn überlassen wir gut gelaunt unserer Managerin. Sie macht mit Abstand den härtesten Job von uns.

SPIEGEL: Wie ist der Pop-Trubel damit zu vereinbaren, dass zwei der vier Spice Girls inzwischen Mütter sind?

Chisholm: Das klappt nur, weil zum Beispiel Victorias Fußballgott David Beckham zu Hause dem Baby die Windeln wechselt.

Beckham: Wissen Sie, ich bin eine starke Frau, und David macht seinen Job als Vater erstklassig: Er badet und füttert unseren Sohn, überhaupt ist er der perfekte Hausmann. Er macht mehr Hausarbeit als ich, er kocht öfter als ich. Aber ich verdiene ja auch viel mehr Geld als er.

SPIEGEL: Dabei ist sein Gehalt bei Manchester United mit rund zehn Millionen Mark pro Jahr auch nicht schlecht. Was kocht er denn besonders gut?

Beckham: Ich bin eine sehr heikle Esserin, aber frischen Fisch und Hühnchen kriegt er fabelhaft hin.

Chisholm: Vielleicht legen wir auf sein Gehalt, das sein komischer Fußballverein ihm zahlt, noch etwas drauf und stellen ihn als Band-Koch ein. Die Stelle ist gerade frei.

Beckham: Kommt nicht in Frage, er wird zu Hause gebraucht. Ich habe so viel zu tun, ich arbeite an meinem Solo-Album, das im nächsten Frühjahr erscheinen soll. Ich versuche es außerdem noch mit Schauspielerei.

SPIEGEL: "Versuchen" klingt, als wenn es bisher nicht so recht geklappt hat.

Chisholm: Oha, werden Sie jetzt zynisch?

Beckham: Bisher fehlte einfach die passende Rolle. Mir werden natürlich dauernd irgendwelche Filmparts angeboten ­ aber nicht, weil man mich für eine hervorragende Schauspielerin hält, sondern weil ich Posh Spice bin. Allein das garantiert die Finanzierung des Filmprojekts. Was soll das? Ich will meine Rollen bekommen, weil ich die Richtige für sie bin und den Job gut mache, und nicht, weil ich ein Popstar bin.

Chisholm: Sie dürfen nicht alles so wörtlich nehmen. Wenn wir sagen, wir würden gern in einem Film mitspielen oder Gott weiß was tun, wovon wir träumen, ist damit nichts über den Zeitpunkt gesagt.

SPIEGEL: Aber stimmt es, Ms Beckham, dass Sie beinahe einer der "Drei Engel für Charlie" geworden wären?

Beckham: Ich habe endlos viele Castings und Screentests für den Film über mich ergehen lassen, ich habe mit diversen potenziellen Regisseuren gesprochen, und ich kam in die Endauswahl. Dann fiel ihnen ein, dass sie jemanden ­ wie sagt man? ­ ethnischer Abstammung passender fanden ...

SPIEGEL: ... und die aus der TV-Serie "Ally McBeal" bekannte Schauspielerin Lucy Liu bekam die Rolle.

Beckham: Vielleicht war diese Niederlage Glück im Unglück: Sonst hätte ich nicht die Zeit, mein Solo-Album aufzunehmen.

SPIEGEL: Die Absage muss für Sie bizarr gewesen sein: "Nein" dürfte ein Wort sein, das Sie lange nicht mehr gehört haben.

Chisholm: Vergessen Sie nicht, dass es für uns alle ein Leben vor den Spice Girls gab. Wir haben mehr Absagen bekommen, als Sie sich vorstellen können: Immer wieder hieß es, wir seien nicht groß genug, wir hätten die falsche Haar- oder Hautfarbe. Nicht alles, war wir angefasst haben, ist zu Gold geworden.

SPIEGEL: Stimmt es, dass Sie selbst, als Sie sich 1994 auf eine Zeitungsannonce hin für das Spice-Girls-Projekt bewarben, erst mal abgelehnt wurden?

Chisholm: Logisch stimmt das. Aber daran waren wir gewöhnt, wir waren Underdogs.

Beckham: Moment. Ich war sofort unter den ersten Fünf.

Chisholm: Ich nicht, aber ich habe auch eine Entschuldigung: Ich hatte eine Mandelentzündung beim Vorsingen. Geri und Emma haben es auch erst im zweiten Anlauf geschafft.

Beckham: Das nennt man Schicksal, Baby.

SPIEGEL: Ihr Schicksal hieß auch Simon Fuller: der Manager, der großen Anteil an Ihrer Karriere hatte, bis Sie ihm kurz nach Veröffentlichung des zweiten Albums fristlos kündigten. "Forever" ist das erste Werk, das Sie ohne seine Regie aufgenommen haben.

Beckham: Um es noch einmal endgültig klarzustellen: Die Leute denken immer noch, dass Simon Fuller die Spice Girls allein geschaffen hat. Tatsache ist, dass wir mit einem fast fertigen Album zu ihm kamen. Er ist ein Marketinggenie und hat uns den ersten Plattenvertrag besorgt. Mehr nicht.

Chisholm: So ein toller Marketingmann war er nicht mal: Wir waren von Anfang an der Traum jeder PR-Abteilung. Das Image der Spice Girls haben wir komplett allein geschaffen: Wir hatten verschiedene Charaktere, verschiedene Modestile. Nicht mal unsere Spitznamen Posh Spice, Scary Spice, Baby Spice, Ginger Spice und Sporty Spice stammen von Fuller ­ die haben sich Journalisten ausgedacht.

Beckham: Das ist typisch für unsere Männergesellschaft: Die Vorstellung, dass fünf junge Frauen so ein brillantes Marketingkonzept allein entwickeln, ist für viele unerträglich.

SPIEGEL: Haben Sie mit Fuller auch Ihre Spitznamen und die dazugehörigen Kostüme abgelegt? Auf dem Cover Ihrer neuen CD tragen Sie alle schwarze Cocktailfummel.

Beckham: Keineswegs. Wir sind immer noch sehr stolz auf Sporty, Scary, Baby und Posh. Manchmal frustriert dieses Klischee natürlich auch, weil man nicht mehr als Individuum wahrgenommen wird. So sehr Sie Ihren Beruf auch lieben ­ wollen Sie immer als Frau und Herr Reporter angesprochen werden? Oder doch lieber mit Ihrem Namen?

Chisholm: Ich verstehe unsere Entwicklung als natürlichen Prozess: Wir sind älter geworden.

Beckham: Das kann man wohl sagen. Heute Morgen habe ich in den Spiegel geschaut: Mein Gott, ich bekomme die ersten Falten!

Chisholm: Kein Wunder, du bist ja auch schon 26. Mit 18 konnte man sich noch die ganze Nacht betrinken und war am nächsten Morgen trotzdem fit. Heute würde uns so eine Sauferei eine ganze Woche kosten. Das können wir uns nicht leisten.

SPIEGEL: Eine britische Zeitung meldete jüngst, dass Sie nicht nur die reichsten britischen Entertainerinnen Ihrer Generation sind, sondern auch diverse Unternehmen leiten ­ wie "Spice Girls Merchandising", "Spice Girls Perfumes", "Spice Girls Touring" oder "Spice Girls Productions".

Beckham: Ja, wir haben alle unsere eigenen Firmen und sind gleichberechtigte Partnerinnen bei den Spice-Girls-Unternehmen. Aber da wird in der Presse auch gern übertrieben.

SPIEGEL: Stört es Sie, dass seit der Veröffentlichung Ihres Solo-Albums auch Ihr Privatleben wieder in die ­ selten freundlichen ­ Schlagzeilen gerückt ist?

Chisholm: Wissen Sie, die britischen Medien hassen Erfolg, und das halte ich wirklich für eine Schande. Die Spice Girls haben beim britischen Wirtschaftsaufschwung ganz schön mitgeholfen. Aber wenn die Presseleute sich mit uns anlegen wollen, auch gut: Wir streiten gern.

SPIEGEL: Es macht Ihnen also Spaß, wenn man Sie als "Sumo Spice" beschimpft, weil Sie einige Pfunde zugelegt haben?

Chisholm: Vielen Dank, dass Sie mich an diesen Namen erinnert haben (lacht). Ich bin lange Zeit von der Presse relativ in Ruhe gelassen worden. Da war es nur logisch, dass ich irgendwann auch an die Reihe komme. Je mehr man beschimpft wird, desto mehr härtet man ab. Aber nicht komplett: Es tut immer wieder weh, weil es so persönlich ist.

Beckham: Was glauben Sie, wie scheußlich das Ganze erst für unsere Familien ist?

SPIEGEL: Aber für manche böse Schlagzeile über Ihre Familie sind Sie selbst verantwortlich. Neulich haben Sie in einem Interview behauptet, dass Ihr Mann David Beckham heimlich Ihre Unterwäsche trage.

Beckham: So bin ich nun mal: Ich mache gern Witze, ich habe einen trockenen, sarkastischen Humor. Nur leider will den keiner verstehen. Als mir mal wieder vorgeworfen wurde, ich würde David wie eine Puppe anziehen und damit lächerlich machen, habe ich geantwortet: Sie sollten mal sehen, was er darunter trägt ­ meine Unterwäsche nämlich. Das war doch eindeutig ein Witz. Wie sollte David, bitte schön, in meine Unterwäsche reinpassen?

SPIEGEL: Da war er wahrscheinlich eher sauer auf Sie als auf die Journalisten.

Beckham: Natürlich war er sauer. Er fragte, was ich da schon wieder für einen Mist erzählt hätte. Er muss das alles im Stadion ausbaden. Und das tut mir wirklich Leid.

SPIEGEL: Die Medien diskutieren auch gern Ihr Gewicht: Waren Sie tatsächlich magersüchtig, wie Ihnen vorgeworfen wurde?

Chisholm: Ich war noch nie glücklich mit meinem Aussehen. Ich habe eine Tanzausbildung absolviert, wo Figur und Gewicht eine zentrale Rolle spielen. Dort war ich umgeben von Leuten mit Essstörungen. Ich bin in dieselbe Falle getappt, weil ich deren Essverhalten für normal gehalten habe. Ich weiß, dass Magersucht gerade in der jüngeren Generation ein großes und immer noch unterschätztes Problem ist. Es ist gefährlich, wenn die Medien dann behaupten, die Spice Girls seien zu dick, obwohl sie ein gesundes Gewicht haben.

SPIEGEL: Das Schönheitsideal von heute ist aber leider immer noch der extrem schlanke Körper.

Chisholm: Ich war ein Opfer genau dieses Medienwahns. Schauen Sie nach Hollywood: Da gibt es so viele Stars, die krankhaft dürr sind.

SPIEGEL: Zum Beispiel Calista Flockheart alias Ally McBeal?

Chisholm: Genau. Ich wollte auch so aussehen und habe jahrelang mit radikalen Diäten und exzessiver Fitness versucht, dieses Gewicht zu halten. Am Ende hat sich das gerächt, weil es gegen die Natur ist.

Beckham: Mir hat man vorgehalten, ich sei zu dünn. Aber andererseits ­ was hat man uns nicht vorgeworfen? Dass unsere Haare zu kurz sind oder zu lang, dass wir alle sowieso kein Talent hätten. Was soll es also? Das kann doch keiner ernst nehmen.

SPIEGEL: Waren Sie trotzdem schon mal so weit, dass Sie aufhören wollten?

Chisholm: Ach was, der Pressewahnsinn ist der unwichtigste Teil in unserem Leben. Und überhaupt: Es ist längst Zeit, dass die Journalisten sich frische Opfer suchen.

SPIEGEL: Wie wäre es mit Britney Spears?

Chisholm: Ich kann mir gut vorstellen, was die gerade durchmacht. Wir waren etwa im gleichen Alter, als wir anfingen, und das war sehr hart. Da lässt man sich schnell manipulieren und beeindrucken.

Beckham: Niemand, der es nicht selbst erlebt hat, wird jemals eine Idee davon haben, wie sich dieser Druck wirklich anfühlt. Das ist das Tolle daran, in einer Gruppe zu sein: Alle erleben das Gleiche. Britney Spears dagegen ist allein. Und niemand um sie herum kann nachvollziehen, wie es ihr tatsächlich geht. Ich finde Britney Spears übrigens großartig. Mein Sohn ist ein noch größerer Fan. Er hat ein Britney-Spears-T-Shirt und eine Fahne.

SPIEGEL: Die Backstreet Boys und 'N Sync wurden vom gleichen Management aufgebaut und haben das gleiche Songwriter-Team. Wie finden Sie diese Art von Star-Produktion?

Beckham: Für mich zählt das Ergebnis. Es gibt massenhaft miserable Boygroups. Die Backstreet Boys gehören zu den ganz wenigen Gruppen, bei denen die Sänger wirklich Talent haben. Sie sind parallel mit uns groß geworden, sie haben genau wie wir um den europäischen Markt gekämpft ­ obwohl sie Amerikaner sind. Ich finde die Jungs ziemlich sympathisch, sie wirken so nett zusammen.

SPIEGEL: Hat es auch Nachteile, in einer Gruppe zu sein ­ vor allem, wenn man eine sehr erfolgreiche Solo-Karriere gestartet hat?

Chisholm: Klar fällt es mir immer schwerer, meine große Klappe unter Kontrolle zu bringen.

SPIEGEL: Wie lange werden Sie sich noch zusammenreißen?

Chisholm: Schwer zu sagen. Was können wir als Spice Girls noch erreichen? Vielleicht muss man auch mal etwas ausprobieren, wovon man immer geträumt hat.

Beckham: Stimmt. Sosehr wir die Spice-Girls-Fans lieben, irgendwann kommt die Zeit für Egoismus.

SPIEGEL: Ms Beckham, Ms Chisholm, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.


Das Gespräch führten SPIEGEL-Mitarbeiter Christoph Dallach und Redakteurin Marianne Wellershoff.

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