SCHWEDEN Streit um die "Estonia"-Toten
Die Opfer der estnischen Fähre "Estonia", die im September
1994 auf der Fahrt nach Stockholm vor Finnland sank, finden
keine Ruhe. Zwischen Schweden, Finnland und Estland ist ein
Streit darüber entbrannt, ob die Reste der über 700
Leichen, die vermutlich noch in dem Wrack in 70 Meter Tiefe
liegen, geborgen werden sollen oder ob sie in ihrem nassen
Grab bleiben. Eine von der Stockholmer Regierung
eingesetzte "Analysegruppe" hat jetzt empfohlen, aus dem
"Estonia"-Wrack "so viele Opfer wie möglich zu bergen, sie
zu identifizieren und sie den Angehörigen zu übergeben". In
der schwedischen Öffentlichkeit ist der Vorschlag positiv
aufgenommen worden. Die verantwortliche
Vizewirtschaftsministerin Mona Sahlin stimmt auch zu. Noch
wagt sie aber nicht, eine verbindliche Entscheidung zu
treffen. Denn die Regierungen in Helsinki und Tallinn haben
Widerstand angekündigt. Sie berufen sich auf eine 1995 mit
Stockholm getroffene Vereinbarung, die den Ort der Havarie
zur offiziellen Grabstätte erklärte. Das schwedische
Seefahrtsamt schlug seinerzeit vor, das komplette Schiff in
einen Betonsarkophag einzuschließen. Die Einbetonierung
wurde aber abgebrochen, weil viele Angehörige
protestierten. Die Finnen haben jetzt durchblicken lassen,
daß sie die Störung des "Grabesfriedens" als unfreundlichen
Akt ansehen würden. Sie halten es für normal, daß die Opfer
eines Schiffsunglücks ihre letzte Ruhe auf dem Meeresgrund
finden. Schweden hätte zwar das Recht, seine eigenen Toten
zu bergen, aber nach vier Jahren im Wasser sind sie nicht
mehr identifizierbar. Die norwegische Taucherfirma, die den
Auftrag eventuell ausführen soll, hat schon angekündigt,
daß die Bergung extrem kompliziert werden würde. Denn der
Zugang zum Innern der "Estonia" sei nur unter Lebensgefahr
möglich. Die Norweger glauben, daß günstigstenfalls die
Hälfte der Opfer geborgen werden
könnte.