Im Rausch der Preziosen
Die Show begann, als eine Blondine namens Rebecca übers Podest trippelte. Während sie scheu ins Publikum lächelte, lobte der Herr am Mikrofon mit schwärmerischer Stimme "die floralen Formen" und das "leuchtende Bernsteingelb" ihres Colliers. Das Geschmeide stamme aus dem 18. Jahrhundert, verriet er. Und brummelte, dass den heutigen Goldschmieden für solch kunstvolles Design die Phantasie fehle.
Erst nach dieser kleinen Stichelei erlaubte sich der Mann eine Atempause - um dann Zahlen zu nennen: Auf nur 9000 bis 15 000 Mark werde der Wert des Colliers geschätzt, inklusive passender Ohrringe und Brosche. Damit, ergänzte er grinsend, habe wohl niemand gerechnet.
Das Plappermaul mit den hinreißenden Entertainerqualitäten eines Fernsehpfarrers heißt Martyn Downer und ist ein Schmuckexperte des Londoner Auktionshauses Sotheby's. Vor allem mit seinem Loblied auf die Kunstfertigkeit früherer Jahrhunderte entlockte er seinen Zuhörern ein zustimmendes Raunen.
Seltsamerweise. Schließlich handelte es sich bei den etwa 200 Gästen, die in der vergangenen Woche zum "Monday Club @ Sotheby's" in der noblen Londoner New Bond Street erschienen, um ein betont junges Publikum. Und das hat seinen Grund.
Bei dem britischen Traditionsversteigerer ist der Jugendwahn ausgebrochen: "New Collectors", neue Sammler, heißt das Programm, mit dem der Nachwuchs in die Auktionssäle gelockt werden soll.
Vor dem Geschäft kommt das Vergnügen: Mal wird die Jugend zu einer Mega-Party geladen, mal - wie an diesem Abend - zum Cocktailempfang mit Experten-Geplänkel. Das findet, ein wenig Traditionsbildung darf sein, nur etwa alle zwei Monate, aber immer montags statt.
Beim Sotheby's-Empfang am vergangenen Montag - dem dritten dieser Art - reichte man ein alkohollastiges Getränk namens "Snowy Schnappuccino"; ein stadtbekannter Barmann hatte es gemixt.
Dann wurde Schmuck präsentiert: Funkelnde Appetithäppchen als Einstiegsdroge in den gehobenen Konsumrausch. Die Preziosen sind bis zu 45 000 Mark wert: eine Preisklasse, die als "unteres Niveau"
bezeichnet wird. Man will nicht gleich übertreiben.
Montagsgast Amy, 28, die in der Immobilienbranche tätig ist, hält den Einfall für "sehr clever", antiquierten Schmuck von jungen Mannequins vorführen zu lassen. So könne sie sich vorstellen, sagt sie, eine 200 Jahre alte Kette zu tragen, und würde dafür ein "paar tausend Pfund" ausgeben. Womöglich kommt ihr aber ihr Freund Sean, 32, ein Aktienhändler, zuvor. Er braucht Weihnachtsgeschenke und meint, dass alter Schmuck "spezieller" wirke als die "Mainstreamware von Cartier", die seine Schwester in Paris kaufe.
Amy und Sean gehören zu der Zielgruppe, um die sich die Auktionshäuser reißen: Jung, besser verdienend und offen für gediegenen Luxus. Sie sind keine VIPs, aber sie könnten welche werden.
Lange galten Auktionen als eine Art von Zeitvertreib für die Großelterngeneration, so elitär wie spießig. Nun aber haben die Enkel beschlossen: Versteigerungen sind hip. Auf den großen Herbstauktionen in New York waren es die Jungsammler, die mit ihrem Faible für zeitgenössische Kunst und Design Stimmung und Umsatz retteten. Ein Christie's-Vorstand freute sich, die Abende seien voller "fun" gewesen.
Und da es nicht selten schon die frühreifen Twens sind, die mit Spekulationen an der Börse oder mit eigenen Firmen die Millionen verdienen, wollen sich alle Versteigerer rechtzeitig anbiedern.
Christie's bittet zu Partys und Wohltätigkeitsfesten Stars wie das Schauspielerehepaar Uma Thurman und Ethan Hawke oder Regisseur Quentin Tarantino. Eine Managerin des Mitbewerbers Phillips verspricht für 2001 "Events, die das ältere Publikum abschrecken werden". Schon jetzt versteigere man "aufregendes" Design - und will so den Geschmack der Jugend treffen.
Mag sein, dass man in Sammlerkreisen früher lieber unter sich blieb, unter den professionellen Kunstkennern und diskreten, fachlich bewanderten Privatiers. Heute können sich Auktionshäuser, die vom Football-Shirt bis zum Zinnsoldaten jeden Trödel verscherbeln, keine Standes- oder Altersdünkel leisten, wenn sie ihre Umsätze halten oder gar steigern wollen.
Vorbei sind die Zeiten snobistischer Vorurteile: Wie jemand zu seinem Geld gekommen ist, ob er es ererbt oder erarbeitet hat, spielt keine Rolle. So sieht es jedenfalls Sasha Weld-Forester, 27, bei Sotheby's in London für Sonderveranstaltungen zuständig. Sie hat unter dem Stichwort "New Collectors" 1800 Namen gesammelt: Es handele sich, triumphiert sie, um Leute, die zwischen 25 und 35 Jahre alt seien und die jetzt oder in nicht allzu ferner Zeit über ein gewisses Vermögen verfügen dürften.
In ihrer Spezialdatei finden sich jugendliche Aristokraten aus ganz Europa und erfolgreiche Jungunternehmer aus der ganzen Welt. Der junge Earl von Burlington und eine Maxi von Liechtenstein stehen ebenso auf ihrer Liste wie der Gründer von "Coffee Republic", einer britischen Kette trendiger Cafés. Lese sie, sagt Weld-Forester, in der Zeitung, dass jemand seine erste Million verdient habe, schreibe sie ihn sofort an. Wer im Club ist, darf Freunde für die Aufnahme in die Adressendatei vorschlagen. So wächst Weld-Foresters Netz im Schneeballverfahren - und die Gruppe bleibt doch angenehm homogen.
Auch der Fondsmanager Julien, 30, und seine Frau Daniela, 32, wurden von Freunden empfohlen. Beide stammen aus Südafrika, interessieren sich für afrikanische und moderne europäische Kunst und denken darüber nach, Gemälde und Skulpturen zu sammeln. Julien, der von Berufs wegen in Millionensummen denkt, ist den Auktionatoren besonders willkommen.
Ziel der Nachwuchsmission: Hemmschwellen abbauen und die Leute dazu bringen, möglichst bald ihr erstes Gebot abzugeben. Deshalb ist die Schmuckauktion - strategisch klug - für den Tag nach dem Clubabend angesetzt. Gleichgültig, worum jemand beim ersten Mal feilscht, um einen Teddybären oder eine psychedelisch wirkende Lampe von 1970: Wen das Auktionsfieber gepackt habe, hofft Weld-Forester, der bleibe dem Nervenkitzel treu.
Sie betrachtet ihr Party-Engagement als "Investition in ein Übermorgen". Gebe jemand heute 3000 Mark aus, seien es in zwei Jahren vielleicht 30 000 Mark. Selbst wenn die Börse mal krisele. Selten, beschwört sie den brancheneigenen Optimismus, treffe es alle.
Immer lautet das Verkaufsargument: Ein Bauhausstuhl muss nicht mehr kosten als ein neues Designermöbel, besticht aber mit der Aura des Außergewöhnlichen - sein Besitzer erweckt den Anschein, als seien ihm die stilvollen Dinge des Lebens wichtig.
Weil sich aber viele junge Banker oder Softwaregenies weder mit dem Auktionsablauf noch mit Tiffany-Vasen auskennen, sorgt sich Sotheby's um ihre Weiterbildung - bis hin zur Gesellschaftsfähigkeit: Es muss niemandem peinlich sein, den Unterschied zwischen einer Flasche "Chateau Lynch Bages" und einem "Chateau Margaux", beide Jahrgang 1986, nicht zu kennen.
In den Vorträgen und edel aufgemotzten Begleitbroschüren wird dem künftigen Connaisseur erklärt, weshalb ein Wein oder eine Fotografie - nach Meinung der Versteigerer - in die Kategorie "gut", "besser" oder "am besten" gehört: etwa weil das Bouquet eines Weins von "außergewöhnlicher Intensität" ist. Zum Thema Schmuck wird Schnulzenträllerer Elton John zitiert: "Es ist die Kunst, sich so viel wie möglich davon umzuhängen, ohne wie ein Christbaum auszusehen."
Marcella, 39, die aus Griechenland stammt und in der Finanzbranche tätig ist, freut sich über diese Lifestyle-Nachhilfe. Dass Sotheby's wegen Preisabsprachen mit Christie's in einen Skandal verwickelt ist und der Ex-Direktorin des Hauses eine Gefängnisstrafe droht, davon weiß sie nichts. Ihr mache es Spaß, lächelt sie, an solchen Abenden ihre Freunde zu treffen.
Oder neue Kontakte zu knüpfen. Wer keine Lust hat, den Experten zu lauschen, flaniert durch die Ausstellungssäle und übt sich im Small Talk. Wie der Jüngling im dunkelblauen Anzug, der eine Frau im Paillettenkleid mit dem Satz anbaggerte, dass er beruflich "extrem viel" zu tun habe.
Zwei andere junge Männer knieten derweil vor einer alten französischen Kommode. Mit Taschenlampen leuchteten sie in alle Schubladen hinein und diskutierten über jeden schmückenden Schnörkel.
Sie arbeiteten, gestehen sie, seit kurzem beim Konkurrenten Christie's. Nun nutzten sie die Gelegenheit, das Möbelangebot von Sotheby's zu sichten. Wegen der vielen Leute in ihrem Alter fiele ihre Anwesenheit nicht auf. Sie interessierten sich nicht für Schmuck, geben sie zu. Aber sie hätten an diesem Abend "unglaublich viel über Kommoden gelernt". ULRIKE KNÖFEL