NAHOST: "Die Stunde der Wahrheit" - DER SPIEGEL
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NAHOST "Die Stunde der Wahrheit"

Ariel Scharon hat beste Aussichten, Israels nächster Premier zu werden ­ ohne ein politisches Programm, nur mit zwei Schlagworten: Sicherheit und Frieden. Von Henryk M. Broder
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Raanan Gissin sieht genauso aus, wie man sich einen typischen Israeli vorstellt: Braun gebrannt, durchtrainiert und immer ein paar Dezibel zu laut, lebt er seinen Vornamen ("Der Muntere") voll aus. Er trägt ein Hemd, das so blau ist wie der Himmel über Jerusalem an einem klaren Wintertag, dazu eine grellbunte Krawatte, die er auf einem El-Al-Flug nach New York ("Business Class!") bekommen hat; darüber eine schwarze Airborne-Fliegerjacke ­ Geschenk eines Freundes aus der U. S. Air Force. An seinem Gürtel hängen gleich zwei Motorola-Handys, eines für Anrufe im Land, das andere für Gespräche in die USA.

Vor 51 Jahren in einem sozialistischen Kibbuz geboren, ist Gissin nur ein Jahr jünger als der Staat Israel. Zehn Jahre lang, von 1982 bis 1991, war er im Büro des Armeesprechers beschäftigt, erklärte vor allem ausländischen Journalisten die Lage im Libanon- und im Golfkrieg. 1993 hat er sich selbständig gemacht. Auf seiner Visitenkarte steht: "Oberst der Reserve, Raanan Gissin, Strategie- und Politikberater für Ariel Scharon, den Vorsitzenden der Likud-Partei".

Wer möglichst nah an Ariel Scharon ran möchte, kommt an Raanan Gissin nicht vorbei. Er weiß nicht nur, wo Scharon sich aufhält, sondern auch, in welcher Laune er gerade ist. Mehrmals am Tag greift Gissin zum Telefon, um Scharon auf dem Laufenden zu halten. "Arik, wir haben eine Doppelseite in ,Newsweek', double spread, nicht nur Sabra und Schatila, sondern dein ganzes Leben. Und im Inhaltsverzeichnis ist ein Foto von dir direkt unter einem Bild von Präsident Bush, phantastisch!"

Gissin ist mehr als zufrieden, und Scharon ist es auch. Es geht darum, den vermutlich nächsten Premier Israels in den USA zu positionieren ­ nicht als Haudegen, Kriegstreiber und Freund der Siedler, sondern "als einen Mann mit vielen Gesichtern, der oft verkannt wird". Vor allem, sagt Gissin, sei Scharon kein Araberhasser. "Arik achtet die Palästinenser, und die Palästinenser schätzen ihn. Sie wissen, dass er sagt, was er meint."

Doch erst einmal kommt es darauf an, die Israelis zu überzeugen, dass sie Ehud Barak ab- und Ariel Scharon wählen sollen. Angesichts der Umfragen ­ Scharon führt mit 20 bis 30 Prozent Vorsprung ­ wäre es das Klügste und Beste, wenn sich der Likud-Vorsitzende auf seine 600 Hektar große Farm im Negev zu seinen Schafen zurückziehen und den Wahltag einfach abwarten würde. Aber das wäre nicht Scharons Art.

Und so wie er dem Feind immer entgegengelaufen ist, um keine Schlacht zu verpassen ­ 1973 unter Verteidigungsminister Mosche Dajan am Suez-Kanal ebenso wie im Libanon 1982 ­, so sucht er jetzt die direkte Begegnung mit seinen Wählern. Scharon fährt mit einem angejahrten Cadillac von einem Termin zum anderen; Raanan Gissin fährt ihm mit einem Bus voll Journalisten voraus oder hinterher.

Naharija, ein paar Kilometer südlich der Grenze zum Libanon gelegen, war mal ein schöner Badeort, gegründet und bewohnt vor allem von deutschen Juden. Die Legende will es, dass zur Zeit der Gründung Israels, als die Grenzen auf den Landkarten gezogen wurden und die Gefahr bestand, dass Naharija dem Libanon zugeschlagen würde, die Einwohner ein Transparent über die Hauptstraße spannten: "Naharija bleibt deutsch!"

Inzwischen ist die Stadt ziemlich heruntergekommen und eine Hochburg des Likud. Vor dem Rathaus warten ein paar Demonstranten. Es sind Kibbuzniks, Anhänger von Ehud Barak und der Arbeitspartei. Sie haben kleine grüne Zedern aus Pappe mitgebracht, zur Erinnerung an den Libanon-Feldzug, der über 1000 israelische Soldaten das Leben gekostet hat, bis Barak ihn 2000 beendete. "Verräter, Arafats Agenten!", brüllen Scharons Anhänger, "haut doch ab nach Gaza!"

Eine übergewichtige Frau in einem Trainingsanzug baut sich vor den Demonstranten auf. Sie macht obszöne Gesten und schreit immer wieder: "Die Araber machen sich wegen Scharon in die Hosen!" Ein zahnloser alter Mann ruft dazwischen: "Arik wird der König von Israel!"

Wenn Politiker etwas für ihre Anhänger können, dann müsste sich Scharon vor seinen Fans gruseln. Aber vielleicht bekommt er nicht immer mit, wer da jubelt, denn sein grauer Cadillac hat nicht nur kugelsichere Scheiben, sondern auch Gardinchen, und auf dem Weg vom Auto zum Rathaus wird er von einem halben Dutzend Bodyguards abgeschirmt.

Nach dem Höflichkeitsbesuch beim Bürgermeister geht es zum Western Galilee Hospital am Rande der Stadt. Von dessen Dach kann man mit bloßem Auge die Grenze zum Libanon sehen, eine Zickzackkerbe in den Bergen. Aus dieser Richtung fliegen die Katjuscha-Raketen an.

Während der Chefarzt erklärt, wie schnell alle Patienten im Notfall in unterirdische Räume evakuiert werden können, schläft Ariel Scharon im Sitzen fast ein. Dann besucht er ein paar Patienten, plaudert mit einigen auf Russisch und wünscht allen gute Besserung.

Ein Mann greift nach seiner Hand und küsst sie, eine Frau will wissen, ob er ihren Bruder gekannt hat, der im Jom-Kippur-Krieg gefallen ist. Scharon fragt nach dem Namen, überlegt kurz und nickt. Die Frau kann ihre Tränen nicht zurückhalten. Und ab geht es ins Hotel Carlton, erstes Haus am Platz, das so eingerichtet ist und in dem es so riecht wie vor zehn Jahren in einem Interhotel in Rostock. Der Vorsitzende der Likud-Ortsgruppe ist so aufgeregt, dass er Scharon als den "amtierenden Premier" begrüßt.

Scharon lächelt und wischt sich den Schweiß von der Stirn ab. "Ist es die Wärme, oder ist es die Freude, bei euch zu sein?" Und dann spricht er, ohne viel zu sagen. Er werde die "Einheit des Volkes" und die "Achtung vor uns selbst" wiederherstellen, Werte, die Barak verspielt hat. Ja, er sei dem Frieden verpflichtet, aber es müsse ein Frieden sein, der auf "hundertprozentiger Sicherheit" basiert. "Wir brauchen Frieden und Sicherheit, und wir werden beides zusammen erreichen."

Barak habe den großen Fehler gemacht, unter Druck zu verhandeln. Er aber werde nur unter einer Bedingung verhandeln: "Ruhe". Immer wieder fallen die beiden Schlüsselworte: "Schalom we bitachon", Frieden und Sicherheit, "Bitachon we schalom", Sicherheit und Frieden. Das ist Scharons ganzes Programm. Auch im Moschaw (einer milden Form des Kibbuz) Sarit, direkt an der libanesischen Grenze, wo 60 Familien Hühner züchten, in der Stadt Karmiel vor Einwanderern aus Russland und in Kirjat Schmona vor Likud-Anhängern wiederholt er sein Mini-Mantra mit einer Gewissheit, als habe er eine Formel zur Quadratur des Kreises entwickelt.

Seine Freunde sind beeindruckt. So macht Politik Spaß, ohne dass man sich anstrengen muss. Zwei Tage später spricht Scharon im Jerusalemer Kongresszentrum "Halle der Nation" vor 3000 jüdischen Jugendlichen aus den USA und Kanada, die für zehn Tage nach Israel gekommen sind. "Willkommen in Jerusalem, der Hauptstadt des jüdischen Volkes!" Niemand habe das Recht, Jerusalem zu teilen und den Tempelberg, "das Herz des jüdischen Volkes", aufzugeben. Vor drei Jahren sei er zu Besuch im Vatikan gewesen, und da habe ihm der Papst gesagt: "Israel ist das Heilige Land für Juden, Christen und Muslime. Aber Gott hat es nur den Juden versprochen!" 3000 Kids jubeln, und Arik strahlt. Mit Gott und dem Papst als Verbündeten kann nichts schief gehen.

Scharon habe ein "sehr klares Programm", aber es wäre "unklug, es zu enthüllen, bevor er die Verhandlungen mit den Palästinensern beginnt", erklärte Scharons alter Freund und Direktor seiner PR-Kampagne für das Ausland, Salman Schowal, neulich vor Korrespondenten.

Deswegen gibt Scharon grundsätzlich keine Interviews, nicht einmal israelischen Zeitungen ­ mit ganz wenigen Ausnahmen. In einem Gespräch mit dem Magazin "Kfar Habad", das im ultraorthodoxen Milieu gelesen wird, erklärte er das Abkommen von Oslo für tot, schloss aber "Konzessionen" gegenüber den Palästinensern nicht aus: "Wenn ich von schmerzlichen Konzessionen spreche, meine ich, dass wir Nablus und Jericho nicht wieder einnehmen werden. Wir werden die Gebiete, in denen die meisten Palästinenser leben, nicht noch einmal erobern."

"Wir sind verrückt geworden", sagt der Schriftsteller Eli Amir, "wir führen uns auf, als hätten wir nichts zu verlieren."

"Das ist die Stunde der Wahrheit, wer wir sind und was wir wollen", sagt sein Kollege Yoram Kaniuk, "wenn Scharon die Regierung bildet, wird er ,ein Linker' unter lauter Rechtsradikalen und Nationalisten sein." Außer er lädt Barak und die Arbeitspartei zur Großen Koalition ein. "Das wäre das Zweitschlimmste."

Passiert kein Wunder, womit im Heiligen Land immer gerechnet werden muss, wird Ariel Scharon in zwei Wochen die Wahlen gewinnen. Der Mann, der 1983 als Verteidigungsminister gehen musste, weil er die libanesischen Phalangisten, damals die Verbündeten der Israelis, nicht daran gehindert hat, einige hundert Palästinenser zu massakrieren, präsentiert sich nun als der "Manhig le schalom", der selbst ernannte Führer zum Frieden.

Achtzehn Jahre hat Ariel Scharon auf die Chance gewartet, sich zu rehabilitieren. Alle, die ihn schon als Verteidigungsminister für ein Sicherheitsrisiko gehalten haben, werden nun wohl mit ihm als Ministerpräsident leben müssen. Für manche Israelis eine Horrorvision.

Scharon hat 1979 gegen den Friedensvertrag mit Ägypten gestimmt. Er war gegen Israels Teilnahme an der Madrider Friedenskonferenz 1991. Er votierte gegen das Oslo-Abkommen 1993. Er enthielt sich der Stimme beim Vertrag mit Jordanien 1994. Selbst der Rückzug aus dem Libanon, von Barak durchgesetzt, war nicht nach seinem Geschmack. Doch jetzt will er das Land endlich zum Frieden führen: "Arik Scharon ­ manhig le schalom".

Dass sich "Scharon" auf "Schalom" fast reimt, macht die Sache noch ärger, gibt aber Gelegenheit zu Wortspielen. "Krieg und Scharon ­ Haben wir den Film nicht schon mal gesehen?", heißt es auf Plakaten der linken Merez-Partei.

Andere haben sich mit dem Unvermeidlichen bereits abgefunden. "Es kommt zu einer Regierung Scharon", sagt der Historiker Amos Elon, "und die wird gut oder schlecht sein."