Rückschlag für die Demokratie
Meist kommen die Killer mitten in der Nacht. Sie hinterlassen dann irgendwo im Gelände einen von Kugeln durchsiebten Körper. Doch mitunter spüren sie den Gesuchten auch am helllichten Tag auf und erschießen ihn auf offener Straße. So starb vor kurzem in Betlehem der Palästinenser Adnan Schakin, 38, vor den Augen seiner Mutter durch Kugeln von Landsleuten.
Der Anstreicher galt als Kollaborateur der Israelis, der ihnen Informationen zur Ermordung eines Intifada-Führers geliefert haben soll. Mutmaßliche Zuarbeiter Israels wie Schakin sind in den palästinensischen Autonomiegebieten, wo sich Selbst- und Schnelljustiz in erschreckendem Maße ausbreiten, zum Freiwild für selbst erklärte Säuberungskommandos geworden.
Die Stimmung der Bevölkerung gegen "Volksverräter", die dem israelischen Feind mitunter sogar eigene Verwandte ans Messer liefern, ist bis in moderate Reihen aufgeheizt. An den Zuträgern der israelischen Sicherheitsdienste entlädt sich jedoch nicht nur die Wut militanter Extremisten über den Verrat am eigenen Volk. Seit dem vorvergangenen Wochenende greift die Regierung des auch in den eigenen Reihen umstrittenen Autonomiepräsidenten Jassir Arafat brutal gegen Kollaborateure durch.
Unter dem Beifall der Öffentlichkeit waren so zwei mutmaßliche Verräter nach einem Schnellverfahren durch Erschießungskommandos hingerichtet worden willkommene Gelegenheit für die palästinensischen Massen, ihren Frust über die anhaltende israelische Besatzung abzureagieren.
Die Todesurteile lösten heftige Empörung der Europäischen Union aus. Doch der palästinensische Justizminister Fureih Abu Midein rechtfertigte sie als "notwendige Strafe" und "wahre Gerechtigkeit". Er rief Kollaborateure auf, sich zu stellen, versprach ihnen bei Reue sogar Straffreiheit. Mehrere Dutzend Spitzel sollen sich bereits in Polizeigewahrsam befinden.
Als Gegenleistung müssen die Verräter über die fragwürdigen Methoden auspacken, mit denen sie angeblich an-
geheuert wurden. Einige berichteten in Radiointerviews, dass sie nicht nur mit Geld, sondern auch mit Drohungen geködert wurden etwa mit der Enthüllung gefilmter Sexspiele.
Die Methoden der Autonomiebehörde sind nicht minder fragwürdig: Nach Recherchen palästinensischer Menschenrechtsorganisationen werden mutmaßliche Kollaborateure von der Polizei mit Folter zu Aussagen gepresst. "Die Hinrichtungen sind ein fürchterlicher Rückschlag für unsere Gesellschaft", sagt der Menschenrechtler Bassam Eid. "Seit sieben Jahren hoffen wir auf Demokratie, haben Millionen von der internationalen Gemeinschaft zum Aufbau eines modernen Staatswesens erhalten, und nun rennen die Leute mit glühenden Augen zu einer Exekution." Dennoch fordert Eid eine Verurteilung in einem fairen Prozess.
Tatsächlich waren es vor allem palästinensische Helfer, die Israel auf die Spur zahlreicher Intifada-Anführer brachten. Rund 15 dieser Aktivisten, die an Anschlägen beteiligt gewesen sein sollen, haben israelische Sicherheitskräfte bereits "liquidiert" eine Art von Vergeltung, die auch in Israel Kritik hervorruft. "Es trifft keinen, der unschuldig wäre", rechtfertigte Vizeverteidigungsminister Ephraim Sneh die Todesschwadronen. Unterdessen beantwortete Arafats Polizei die Kritik an den Hinrichtungen auf eigene Art: Sie verhaftete den Kameramann, der eine der Exekutionen ohne Erlaubnis gefilmt hatte. ANNETTE GROßBONGARDT