SPIEGEL-Gespräch: "Essen Sie mal rohe Kartoffeln" - DER SPIEGEL
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SPIEGEL-Gespräch "Essen Sie mal rohe Kartoffeln"

Nestlé-Chef Peter Brabeck-Letmathe über industriell gefertigte Nahrungsmittel und die Verunsicherung der Verbraucher, den Streit mit Dritte-Welt-Gruppen über Babynahrung aus der Flasche und die Globalisierung des Geschmacks
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL:

Herr Brabeck, Ihr Mentor und Vorgänger Helmut Maucher hat behauptet, wer auf dem Stuhl des Nestlé-Chefs sitze, der könne "die Entwicklung der Menschheit positiv beeinflussen". Ist Nestlé wirklich so mächtig?

Brabeck: Als der mit Abstand größte globale Lebensmittel- und Getränkeanbieter haben wir Einfluss auf das Leben fast aller Konsumenten der Welt.

SPIEGEL: Und der ist positiv?

Brabeck: Davon bin ich überzeugt. Nestlé hat den meisten Entwicklungsländern geholfen, eine eigene Agrarindustrie aufzubauen. Nehmen Sie zum Beispiel die Milchwirtschaft in Südamerika: Als wir in Venezuela 1940 die ersten Fabriken bauten, gab es da noch nicht einmal Straßen. Da wurde die Milch mit Kanus über die Flüsse zur Fabrik gebracht.

SPIEGEL: Warum ist dann ausgerechnet Nestlé zum Lieblingsfeind von Umwelt- und Dritte-Welt-Gruppen geworden?

Brabeck: Das sind Organisationen, die sich zwar um die Entwicklungsländer kümmern, aber in England oder in Deutschland sitzen. Wenn Sie mit den Regierungen in diesen Ländern sprechen, dann bekommen Sie andere Antworten. Zum Beispiel von Fidel Castro, dem es immer noch Leid tut, dass er uns verstaatlicht hat.

SPIEGEL: Dennoch zieht sich der Streit um Ihre Babynahrung schon Jahrzehnte hin. Noch immer wird Ihnen vorgeworfen, Sie würden junge Mütter dazu verführen, Babys die Flasche zu geben.

Brabeck: Solange es Flaschennahrung als Substitut für Muttermilch gibt, wird dieses Thema aktuell sein. Schon unser Gründer Henri Nestlé hat gesagt: Natürlich ist die beste Ernährung für ein Kleinkind Muttermilch.

SPIEGEL: Warum hat er dann trotzdem ein Milchpulver entwickelt und damit den jetzigen Weltkonzern begründet?

Brabeck: Vor 130 Jahren war die Kindersterblichkeit hier in der Schweiz höher als heute in Uganda und Ruanda. Deshalb hat Henri Nestlé ein Ersatzprodukt für die so genannte Brustmilch entwickelt. Über die Notwendigkeit von Muttermilch-Ersatz besteht auch heute in der Weltgesundheitsorganisation WHO, deren Code zur Säuglingsnahrung wir strikt einhalten, Einigkeit. Immerhin beläuft sich für das HI-Virus die Mutter-Kind-Übertragungsrate durch die Muttermilch auf 15 bis 25 Prozent.

SPIEGEL: Verbirgt sich hinter dieser Auseinandersetzung nicht ein allgemeines Unbehagen gegenüber industrieller Fertigung von Nahrungsmitteln? Immer noch gilt die Natur als der bessere Produzent von Lebensmitteln.

Brabeck: Das hört sich als allgemeine Aussage sehr nett an, aber essen Sie einmal rohe Kartoffeln.

SPIEGEL: Was passiert dann?

Brabeck: Dann werden Sie krank und sind wahrscheinlich bald tot. Rohe Kartoffeln sind giftig. Seit es das Feuer gibt, werden die natürlichen Rohstoffe vorbereitet und verarbeitet. Im Prinzip tun wir nichts anderes als das. Aber bei diesem Thema sind unheimlich viel Emotionen im Spiel.

SPIEGEL: Verständlicherweise. Immerhin hängen Gesundheit, Wohlergehen und Leben von der Nahrung ab.

Brabeck: Schauen Sie mal in die Statistiken, wie viele Leute noch vor relativ kurzer Zeit an Lebensmittelvergiftungen gestorben sind und wie sicher heute die Lebensmittelversorgung geworden ist. Das Gleiche gilt für die Lebenserwartung. Wir wissen alle, dass eine gesunde Ernährung die Schwelle zu einem besseren und längeren Leben ist.

SPIEGEL: Und Sie machen die Ernährung gesünder?

Brabeck: Vor 120 Jahren war die europäische Bevölkerung unterernährt und starb früh. Da hat es Leute gegeben wie Julius Maggi, die sich darüber Gedanken gemacht haben. So ist Maggis Erbsensuppe entstanden, und aus diesen Anfängen die ganze Lebensmittelindustrie ...

SPIEGEL: ... die sich seit Julius Maggi immer weiter von der Natur weg entwickelt hat. Wo endet die Entwicklung, bei der Astronauten-Nahrung in Tablettenform?

Brabeck: Die gibt es längst, aber nicht als Massenprodukt. Schauen Sie sich heute ein Maggi-Produkt an. Was ist daran anders als bei Julius Maggi? Die Löslichkeit ist etwas höher, es enthält heute nicht mehr nur getrocknete Gemüse, sondern gefriergetrocknete, die einen höheren Vitamingehalt haben, sie ist noch leichter zuzubereiten. Aber sonst ist alles gleich.

SPIEGEL: Früher war die Trockensuppe die Ausnahme, heute ist sie nur eines von unzähligen industriell gefertigten Lebensmitteln. Der Verbraucher sieht nicht, was Sie ihm zusammenmischen, er weiß nicht, woher die Zutaten stammen. Können Sie in Zeiten von BSE, von Massenproduktion bei Tier und Lebensmittel die Unsicherheit der Menschen nicht nachvollziehen?

Brabeck: Die BSE-Krise ist vor allem das Zeichen einer total verfehlten Agrarpolitik in Europa. Die europäische Agrarpolitik war nur darauf ausgerichtet, Mengen zu produzieren, die kein Mensch in Europa mehr braucht, die aber helfen, Geld zu verteilen.

SPIEGEL: Können Sie garantieren, dass Ihre Produkte BSE-frei sind?

Brabeck: Es gibt kein risikofreies Leben. An selbst gesammelten Pilzen sterben jedes Jahr mehr Leute als an BSE. Der Großteil der Produkte der Natur würde, wenn sie industriell gefertigt wären, wegen Rückständen von Pestiziden und anderen Verunreinigungen niemals für den Handel zugelassen werden.

SPIEGEL: Mit welchen Produkten soll Nestlé künftig weiterwachsen?

Brabeck: Wir sehen ganz klar einen Trend, der von der Demografie gesteuert wird. In den Entwicklungsländern steigt die Bevölkerung nach wie vor, und da ist weiterhin Grundernährung gefragt.

SPIEGEL: Können sich die Menschen dort Ihre Produkte leisten?

Brabeck: Wir haben in den vergangenen Jahren ungefähr 1,3 Milliarden an neuen Konsumenten gewonnen, die mit ihren Einkommen die Schwelle zum Industrieprodukt überschritten haben. Außerdem gibt es die fortschreitende Urbanisierung, gerade in den Entwicklungsländern. Eine urbanisierte Bevölkerung aber braucht eine industrielle Lebensmittelversorgung. Mit Natur pur können Sie die 16 Millionen Menschen in Mexiko-Stadt nicht versorgen. Das ist für uns ein großes Wachstumspotenzial.

SPIEGEL: Ist in den Industrieländern der Markt gesättigt?

Brabeck: In den USA, in Europa, Japan werden die Menschen immer älter. Wer dort heute auf die Welt kommt, der hat eine Lebenserwartung von etwa 80 Jahren. Je älter die Bevölkerung wird, umso mehr braucht sie eine spezielle Nahrung.

SPIEGEL: Überschreiten Sie mit solcher Spezialnahrung für Alte und Kranke nicht irgendwann die Schwelle zu Pharmaunternehmen - das Lebensmittel als Quasi-Medikament?

Brabeck: Bei einigen Produkten könnte man nahe daran kommen. Das ergibt sich zwangsläufig, wenn wir auf die individuellen Notwendigkeiten des Konsumenten eingehen.

SPIEGEL: Vor dem Verzehr ist der Arzt oder Apotheker zu fragen?

Brabeck: Wir werden kein Produkt entwickeln, das nur unter ärztlicher Rezeptpflicht erworben werden kann. Das ist übrigens die interessante Herausforderung an der ganzen Sache. Die meisten dieser Zusatzstoffe haben ja nur dann eine Wirkung, wenn sie über längere Zeit konsumiert werden. Das ist der Unterschied zu einem Medikament. Und deshalb hat die Lebensmittelindustrie auch bessere Möglichkeiten, solche Produkte zu entwickeln, als die Pharmaindustrie.

SPIEGEL: Nescafé und Maggi-Würfel gibt es rund um den Globus. Verdrängen Sie damit nicht die regionale Vielfalt des Geschmacks?

Brabeck: Ich bin felsenfest vom Gegenteil überzeugt: Es kommt nicht zu einer Globalisierung des Geschmacks, sondern zu einer Differenzierung, wie es sie noch nie gegeben hat. Gehen Sie einmal durch eine deutsche Kleinstadt. Dann werden Sie wahrscheinlich das, was es früher als Einheitsbrei in Deutschland gegeben hat, nämlich Braten mit Soße, nicht mehr finden. Aber Sie finden ein Thai-Restaurant, ein China-Restaurant, einen Döner-Imbiss und eine Pizzeria. Zweitens: Je größer der ökonomische Raum ist, in dem sich ein Konsument bewegt, umso mehr wird er sich auf das Lokale zurückziehen.

SPIEGEL: Aber Maggi ist doch überall auf der Welt Maggi.

Brabeck: Absolut nicht. Jedes Maggi-Produkt ist auf den lokalen Markt zugeschnitten. Der deutsche Konsument ist überzeugt, dass Maggi eine deutsche Firma ist, ganz klar. Aber die Leute in Thailand sind davon überzeugt, dass Maggi eine thailändische Firma ist, weil sich Maggi an die thailändischen Geschmäcker anpasst. Ein Großteil unseres Geschäfts machen wir mit Produkten, die unter einer globalen, strategischen Gruppenmarke lokal adaptiert werden.

SPIEGEL: Gilt das auch für Nescafé?

Brabeck: Natürlich. Sie könnten den deutschen Nescafé nicht in Italien oder Schweden verkaufen. Italienischer Nescafé hat ein komplett anderes Geschmacksprofil als deutscher. In den USA müssen wir den Kaffeegeschmack überdecken, weil der Amerikaner keinen Kaffeegeschmack will. Er möchte Zimtgeschmack, Milch- und Mokka-, auf jeden Fall keinen Kaffeegeschmack. Aber natürlich haben wir auch geschmacklich globale Produkte. Zum Beispiel unsere großen Mineralwasser: San Pellegrino, Perrier, Vittel. Das sind Produkte, die von jeweils einer Quelle kommen und daher den genau gleichen Geschmack haben.

SPIEGEL: Nestlé hat sich sehr früh eindeutig für die Gentechnik ausgesprochen. Ihr erstes Produkt mit gentechnisch verändertem Mais, der Erdnussriegel "Butterfinger", aber war ein Flop.

Brabeck: Das ist kein Thema "Butterfinger", sondern ein grundsätzliches. Die Welternährungsorganisation FAO, mit der wir sehr eng zusammenarbeiten, sagt, dass die Welt die Lebensmittelproduktion bis zum Jahr 2025 gegenüber 1990 verdoppeln und bis zum Jahr 2050 verdreifachen muss. Das ist eine riesige Aufgabe, vor allem wenn man bedenkt, dass die landwirtschaftlich bebaubare Fläche auf der Welt zurückgeht. Ja, wie soll denn das gehen ohne Gentechnik?

SPIEGEL: Bisher wird die grüne Gentechnik vornehmlich zur Erhöhung von Profiten und nicht von Erträgen eingesetzt.

Brabeck: Da sind sicher Fehler gemacht worden, die die Akzeptanz nicht gerade erhöht haben. Aber trotzdem sage ich: Wir stehen bei Nestlé für Gentechnologie. Wir haben als globales Unternehmen eine globale Verantwortung. Ich spreche gerade mit den Regierungen in Südafrika und in China. Die sind alle absolut dafür, dass wir weiterhin Gentechnologie benützen. Sie brauchen sie. Sie wenden sie auch an, und sie sagen, es wäre absolut unmoralisch, wenn eine Lebensmittelfirma dem Druck einiger privilegierter Europäer nachgeben und die Gentechnologie für tot erklären würde.

SPIEGEL: Es sei lächerlich, zu fragen, ob wir Gentechnik im Essen haben wollten, haben Sie vor drei Jahren gesagt, weil es schon bald auf der ganzen Welt keine gentechnikfreien Rohstoffe mehr geben werde.

Brabeck: Wahrscheinlich war das Wort "lächerlich" hier nicht das richtige Wort. Aber bei der Aussage bleibe ich.

SPIEGEL: Und die Konsequenz ist, dass die gentechnisch veränderten Substanzen auch in Ihren Produkten enthalten sein werden?

Brabeck: Die sind schon enthalten, in den USA, in China.

SPIEGEL: Entsprechend gekennzeichnet?

Brabeck: Nur dort, wo es die Regierung will. In den USA gibt es keine Kennzeichnungspflicht. Washington sagt: Wir haben die Verantwortung für die Sicherheit übernommen. Das ist die Aufgabe der staatlichen Gesundheitsbehörde FDA. Wenn die FDA sagt, das könnt ihr essen, dann ist das okay.

SPIEGEL: Können Sie die Angst der europäischen Verbraucher denn verstehen?

Brabeck: Absolut. Aber der große Vorteil der USA ist, dass der amerikanische Konsument volles Vertrauen in die staatliche Gesundheitsbehörde hat. In Europa ist das nicht der Fall. Da gibt es auf der einen Seite die politische Meinung der Europäischen Kommission. Dann gibt es in jedem Staat eine separate Lebensmittelbehörde, die wiederum ihre eigene Meinung hat. Dazu kommt noch die Meinung des Handels und der Industrie, der Presse und der Nichtregierungsorganisationen. Als Konsument weiß ich am Schluss nicht mehr weiter.

SPIEGEL: Ab 2002 gibt es eine europäische Lebensmittelbehörde ...

Brabeck: ... die anders als die FDA keinerlei Kompetenzen hat, sondern nur beratend tätig wird. Das ist keine langfristige Lösung. Ich bin darüber nicht sehr glücklich. Das heißt, dass das Problem der Lebensmittelsicherheit ein politisches Problem in Europa bleiben wird. Jeder Lebensmittelfall wird ein Politikum bleiben. Damit kann man dem Konsumenten keine Sicherheit zurückgeben.

SPIEGEL: Der Verbraucher Brabeck ist angstfrei?

Brabeck: Ich habe den großen Vorteil, dass ich mehr weiß als der normale Konsument. Deshalb bin ich für mich und meine Familie absolut ruhig.

SPIEGEL: Herr Brabeck, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.