"Expedition ins Herz der Finsternis"
SPIEGEL-Herausgeber Rudolf Augstein erhielt, am vorvergangenen Sonntag in der Frankfurter Paulskirche, den mit 40 000 Mark dotierten Ludwig-Börne-Preis. Über diese seit 1993 vergebene Ehrung kritischer Publizisten wird jedes Jahr von einem anderen Juror entschieden, den die Börne-Stiftung bestimmt. Diesmal war es "FAZ"-Mitherausgeber Frank Schirrmacher, 41. Seine Lobrede ist leicht gekürzt. -------------------------------------------------------------------
Glückwunsch, Kanzler!" Das ist so seine Art des Lobens. Mehr gibt's nicht. Auch wenn es um das Wunder im Kaukasus geht.
Einer wie er hat uns das Loben eigentlich ausgetrieben. Wo läse man in seinem Magazin davon? Wo läse man bei ihm davon? Zugegeben: Anders als das Vorurteil es will, kann er anerkennen, sogar rühmen, jedenfalls gelegentlich. Und es stimmt auch nicht, dass er, wie ein böswilliger Rezensent einmal bemerkte, in seinem Buch "Jesus Menschensohn" nur deshalb freundlich über seinen Gegenstand schrieb, weil er nur hier einen fand, der vor seinem Auge bestand.
Schon ein flüchtiger Blick in sein publizistisches Werk belehrt einen des Gegenteils, er geizt nicht mit Anerkennung und sogar Lob, zeigt im Übrigen auch keine Spur eines politischen Messianismus. Und doch: Die Laudatio ist seinem Wesen fremd. "Personen verehren zu müssen", sagt einer seiner Freunde, "muss Augstein unerträglich sein."
Noch seine Hochachtung hat etwas Widerspenstiges. "Aber der Himmel verhüte", so schreibt er über Adenauer, "dass auch nur ein Tröpfchen Respekt vor dem grauen Haupt in unsere Überlegungen einfließe!" So betete einst der Klosterbruder um göttlichen Beistand wider die weltlichen und sündigen Anfechtungen. So betet oder bittet Augstein. Seine Anfechtungen müssen wohl heißen: Respekt, Bewunderung, Affirmation, kurzum: alle Reaktionsformen auf Erscheinungen wirklicher oder angeblicher historischer Größe.
Man müsste, um das Aktive, das Tatkräftige und Handelnde seiner Disposition bewusst zu machen, bei ihm von Anti-Respekt, Anti-Bewunderung, Anti-Affirmation sprechen. "Verehrungsverweigerungstalent" hat das Martin Walser genannt. Es hat ihn zum Seismografen von riskanten politischen Ausnahmeerscheinungen wie Franz Josef Strauß gemacht. Es ist ein Instinkt, ein Gespür, eine Witterung, die sich seiner Generation durch die Erfahrung des Nazitums eingeschrieben hat. Der SPIEGEL ist konsequent zum Verehrungsverweigerungsorgan der Republik geworden. Das macht ihn manchen zur Lust und manchen zur Last und mir zum Problem.
Wie kann man den loben, der das Lob als fast vordemokratische Denkfigur des autoritären Charakters versteht? Und der es, wo er es mal verteilt, so minimalistisch in die Spalten des SPIEGEL pinselt, dass es fast zum pressegeschichtlichen Gesamtkunstwerk wird. Zwei Worte sind es nur, die einen berühmten Kommentar von ihm beenden. Es ist Augsteins Kommentar zu Kohls und Gorbatschows Begegnung im Kaukasus, zur Geburtsstunde der deutschen Einheit. Und es ist Augsteins ureigenste Version einer Laudatio, von der Rhetorikseminare lernen können.
Er schreibt, was das Ausland über den Kanzler Kohl des Sommers 1990 schreibt; da entsteht ein gewaltiges Wortgebirge von Superlativen: "Triumph der Kühnheit", "höchstes Geschick", "de Gaullesches Vorgehen". Das ist, würde man sagen, für den Herausgeber des SPIEGEL ein Waterloo. Jahrelang hat das Magazin die Kohlsche Tölpelhaftigkeit ausgestellt. Und nun: de Gaulle! Geschick! Kühnheit! Es müsste dem SPIEGEL-Herausgeber mulmig werden angesichts der historischen Metamorphose. Was aber macht der SPIEGEL-Herausgeber? Ihm gelingt, was man eine Antiklimax nennt, eine Volte, die in ihrer Könnerschaft, aber auch in ihrer Frechheit schulbildend werden könnte. Er schreibt nämlich das eigene Dilemma dem anderen zu. Augstein wörtlich: "Kohl muss ganz blümerant zu Mute werden, wenn er sich als ,Force tranquille', als stille Kraft, gefeiert sieht." "Blümerant", sagt er, und "sich gefeiert sieht" etwas von "der neunzigste Geburtstag" ist in diesem Wortbild, etwas von Jubelgreis und leichtem Schwindel. "Blümerant" das heißt: Noch im Gelobtwerden, im Erfolg ist der Mann überfordert.
Es ist gar nicht beleidigend gemeint, es ist gleichsam psychologische Kriegsführung im Stile der großen Publizistik: Aushöhlung von Größe, ehe sie entsteht. Im 19. Jahrhundert hätte die Obrigkeit hier den leider unbeweisbaren Ansatz von Majestätsbeleidigung gewittert. Jetzt hat Augstein den Leser, wo er ihn haben will. Die Verhältnisse sind geglättet, relativiert, der Leser, dem angesichts des "Wunders vom Kaukasus" selber blümerant zu werden drohte, ist auf sicherem Grund. Es handelt sich, notabene, um das bedeutendste politische Ereignis der Nachkriegszeit.
Und dafür, gleichsam als summa, hat Augstein zwei Worte, die seither berühmt geworden sind und wieder und wieder zitiert werden: die zwei Worte, mit denen sein Kommentar schließlich endet. Zwei minimalistische Worte, die banaler nicht sein könnten, aber im Kontext dieser Erörterungen nichts weniger als eine Revolution bedeuten. Sie lauten: "Glückwunsch, Kanzler!" Ein europäisches Jahrhundert, in dem die Publizistik, und die deutsche zumal, oft mitgemacht, mitgeheizt und mitgehetzt hat. Und nun: "Glückwunsch, Kanzler!"
So also ist es, wenn Rudolf Augstein eine Laudatio hält. Und ich stelle mich hier hin und versuche das Gleiche, obwohl er der Erste wäre, der es ironisierte? Nein, ich lobe nicht. Ich begründe.
Ich stehe relativ sprachlos vor der rein zeitlichen Ausdehnung dieses Lebenswerks. Sie hat etwas Unglaubwürdiges, und in Zeiten, in denen einem der SPIEGEL nicht das Pathos ausgetrieben hätte, wäre Augstein längst ein Wesen zum Anstaunen geworden. Ich sage sachlich und im Versuch, untertreibend zu begründen: Seit mindestens vier Jahrzehnten hat Augstein den Diskurs der Republik bestimmt. Das ist, so weit ich sehe, ein in der Pressegeschichte einmaliger Fall. Wo immer ich auf seine eigenen Äußerungen zu seiner Person stoße, sind sie abwehrend, untertreibend, fast herunterspielend.
Dass er eine mächtige und für viele auch Furcht erregende Institution geschaffen hat, weiß er. Sie hat noch vor der SPIEGEL-Affäre die Republik durchdrungen. Die Klinge, die er führte, war bei Börne, Heine und Tucholsky geschult, und wenn man für die Bundesrepublik Deutschland sagen kann, dass es wahrscheinlich ein Glück war, dass es Adenauer gab, so muss man es für die Publizistik ganz ohne jeden Zweifel aussprechen:
Auch wenn derjenige zu weit ginge, der behauptete, Adenauer sei schon deshalb ein Segen, weil er Jens Daniel, diesem genialen Homunkulus Augsteins, zur Vollendung verhalf, so ist doch jener Jens Daniel ganz ohne Zweifel eine Figur, die einen Gegner brauchte, um zu blühen und zu gedeihen, und in Adenauer den historisch einzigartigen Gegner fand.
O ja, man lese Jens Daniel, wie er 1956 Konrad Adenauer gegen den Vorwurf in Schutz nimmt jawohl: in Schutz nimmt , "die geistige Spannkraft des Bundeskanzlers" habe "sichtbar nachgelassen". Hören wir Jens Daniel: "Physisch ist der alte Herr so gesund, wie man in seinen Jahren nur sein kann. Wie jeder Greis, kann auch er von einem Tag zum anderen ausfallen wer könnte das nicht? Aber das beeinträchtigt sein Wirken hier und heute nicht ... Gewählter ausgedrückt hat sich der Kanzler nie, und zeit seines Lebens hat er über Dinge schwadroniert, von denen er so viel gewusst hat wie Faust vom Tod des Eheherrn der Marthe Schwerdtlein. Wenn man in jüngster Zeit dazu übergegangen ist, die Niederschriften seiner Reden auf eine besondere Gedanken- und Wortarmut zu durchleuchten, so muss ich sagen, dass man ihm damit in der wankelmütigsten Weise Unrecht tut. Man lese die Reden, die er 1947 gehalten hat, als er noch keine 30 Referenten für sich arbeiten ließ ... Meistens weist der Gedankenflug arge Luftlöcher auf. Wenn der große alte Churchill über einen Wortschatz von, sagen wir, 15 000 Worten verfügt, so schätze ich den Wortschatz unseres Kanzlers auf höchstens 1000 Worte, wobei offen bleiben mag, wie viele davon noch seinem Bürovorsteher Kilb gehören."
Das ist womöglich ungerecht, es ist aber vor allem große Prosa. Das ist eine Verteidigung des alten Kanzlers, wie sie sich keiner wünschen kann, sie ähnelt der der Anwälte in Kafkas "Prozess". Wobei Simplizität, Einfachheit der Sprache und Klarheit der Argumentation das Idiom waren, worin sich Kanzler und junger Publizist am ehesten verstanden. Auch im SPIEGEL steckt ja die Arithmetik vom geringen Wortschatz, gleichsam als Amputation, als freiwillige Begrenzung, als stillgelegte Mine, und kulminiert in Extremfällen zu jenen von Reich-Ranicki hoch gelobten Parenthesen: "Goethe (deutscher Dichter)". Es wäre eine geisteswissenschaftliche Studie wert, Adenauers Sprache einmal mit der frühen SPIEGEL-Sprache zu vergleichen, man käme darauf, dass Augstein, mit Ernst Bloch zu reden, vom Gegner lernte und ihn schließlich übertraf. Der Alte hat die Chiffren des so viel Jüngeren auf Anhieb verstanden und sie übrigens, wenn es ihm passte, zu eigenem Vorteil ausgebeutet.
Der SPIEGEL und die Sprache, Augstein und das Abendland: Wer würde dem kultur- und sprachkritischen Vorwurf an Augsteins Schöpfung nicht zustimmen aber es wäre verlorene Liebesmüh. Die so genannte SPIEGEL-Sprache ist unterdessen selber sprachschöpferisch geworden und jedenfalls weniger rabiat als die amtlich verordnete Rechtschreibreform mit Sprache und Schrift umgegangen.
Dabei hat in diesem Fall nicht die Öffentlichkeit die Sprache, sondern die SPIEGEL-Sprache die Öffentlichkeit verändert. Karl Jaspers war es, der als Erster völlig überrascht darauf hingewiesen hat, dass sich das SPIEGEL-Idiom habituell auf die Leser überträgt und sich Leserbriefschreiber im authentischen SPIEGEL-Imitat geradezu zu überbieten trachten.
Dass eine Zeitschrift im Leser den Wunsch weckt, so zu schreiben, wie er liest das ist unter den Erfolgsmeldungen Augsteins eine der durchaus historisch zu nennenden. Indem er die Sprache änderte, änderte er das Bewusstsein; man kann sagen: die Art und Weise, wie die Gesellschaft mit sich selber und ihren politischen Repräsentanten redete. Das ist ein Prozess, der vor dem Bewusstsein liegt, und hier war zum Guten wie auch zum weniger Guten der SPIEGEL Inkubationshelfer.
Überhaupt die Kulturkritik, die Augstein gerade in den fünfziger und sechziger Jahren so meisterhaft persiflierte. Geht man den frühesten Spuren nach, wie ein Archäologe auf der Suche nach den Nestern der Dinosaurier, dann sieht man, wie das noch ganz blutjunge Magazin gerade von denen gelesen wird, die sich sonst der Verteidigung des Abendlands widmen. Gottfried Benn etwa, 1954. Der große Poet des Abendlands stellt sich in einem Gedicht die letzte Stunde, den letzten Abend vor. Und was gehört zu ihr? Zigarette, Bier und SPIEGEL:
Hör zu, so wird der letzte Abend sein,
wo du noch ausgehn kannst: du rauchst die "Juno",
"Würzburger Hofbräu" drei, und liest die Uno,
wie sie der "Spiegel" sieht ...
Die Beispiele ließen sich vermehren, den Abgeschlossensten, Unnahbarsten, von Heidegger bis Solschenizyn, löste Augstein die Zunge. Niemals zuvor wohl hat es ein gedrucktes Massenmedium vermocht, buchstäblich alle zu erreichen und zum Reden zu bringen.
Adenauer, Franz Josef Strauß, die SPIEGEL-Affäre ich muss auf die historischen Tatbestände nicht eingehen, sie sind hinlänglich bekannt und haben dazu geführt, mindestens zwei Generationen in Deutschland nachhaltig zu politisieren. Später, nach den stattgehabten Ereignissen, werden vielschichtige Gemengelagen oft auf die eine, angeblich einzige Ursache zurückgeführt, und gerade der SPIEGEL ist in diesen Kausalitätsvereinfachungen ziemlich geübt. Simplifizierte Kausalitäten in der Prosa sind das, was man gemeinhin Pointen nennt, und wenn einmal die Lebenserinnerungen Augsteins erschienen sein werden, wird man womöglich erkennen, wie sehr die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in solchen Pointen erzählbar wird.
Wie etwa jene Fama, über die Augstein später in einem eigenen Beitrag schrieb und die berichtete, SPIEGEL und Strauß seien verzankt, weil Strauß den ihn chauffierenden Augstein überredet habe, bei Rot über die Kreuzung zu fahren. Dazu Augstein: "Wahr ist, ich habe den damaligen Bundesminister der Verteidigung, Franz Josef Strauß, bei Rot über die Kreuzung gefahren. Heute würde ich das nicht mehr tun. Aber in jüngeren Jahren ist man halt leichtsinnig, noch dazu, wenn die Straße frei und jede Katze grau ist."
Und dann erzählt er, wie es wirklich war, in jener Nacht vom 9. auf den 10. März 1957, als trotz seines halsbrecherischen Einsatzes der Bundesminister Strauß seinen Zug verpasste, umkehrte, die Nacht mit Augstein und den Seinen verbrachte und sich in jener Nacht wohl um Kopf und Kragen redete. Jedenfalls, so Augstein, ein wenig von oben herab vielleicht, aber nicht ganz unzutreffend, jedenfalls wurde in dieser Nacht beschlossen, FJS zu bekämpfen.
Erinnert man sich an Kafkas Erzählung vom Landarzt: "Einmal dem Fehlläuten der Nachtglocke gefolgt es ist niemals gutzumachen." Einmal den Zug verpasst ... Man könnte eine Geschichte der Republik en miniature in solchen Glossen verfassen, in denen der junge Augstein wie der alte Derfflinger Figur macht, eine Geschichte des Leicht-Sinns, des leichten, freien, spielerischen Sinns.
Aber er ist nur die eine Seite des Sachverhalts. Die andere Seite ist dunkel und ernst. Wir reden, wenn wir von Augstein reden, nicht von Spielereien. Es ist ja Augsteins SPIEGEL auch ein Werk der Gewalt, es zielt sein Welt- und Menschenbild, wenn auch über die Jahrzehnte immer wieder wechselnd, auf Dinge in uns, derer wir lieber nicht gewahr werden wollen. Augsteins SPIEGEL ist keine Hamburger Dependance des Berliner Ethikrats, wenngleich er sich manchmal dafür zu halten scheint. Was man Häme, Zynismus, Kälte nennt, Ungerechtigkeiten, Verwundungslust, Schmähfreude nennt, das hat jenseits des sozialpsychologischen Reizes, im Land des Idealismus einmal gründlich aufzuräumen es hat jenseits dieser berechtigten Funktion etwas Beklemmendes. Sein antiautoritärer Gestus ist selber autoritär, oder besser: auktorial, und ersetzt manchen die eigene Reflexion. Viele haben das am eigenen Leib erfahren. Viele sagen, wie Marcel Reich-Ranicki es tut: "Umso mehr Recht habe ich zu der Aussage, dass ich in einem Land ohne SPIEGEL nicht leben will." Das ist ranickihaft pointiert und eignet sich für die SPIEGEL-Hausmitteilungen, jene Meisterstücke der Unbescheidenheit, aber die Vorstellung, man striche aus der Geschichte der Republik Augstein heraus, genügt, um die Maßverhältnisse in den Blick zu bekommen.
"Als ich Kind war", schreibt Augstein 1971, "des Lesens noch nicht übertrieben mächtig, hatte ich den Atlas meiner älteren Schwestern gelegentlich in Gebrauch. Aus den Augen tropfte es, wenn sie auf das blaue Gebiet des deutschen Vorkriegsreichs
starrten und dann auf die willkürlich zerrissenen Landesteile im Osten. Welcher Barbar hatte wegreißen können, was zusammengehörte? Waren farbig ausgezeichnete Ländereien denn dazu ge-
macht, so ohne Grund zerteilt zu werden, nur weil ein Krieg stattgefunden hatte? Ich pauste die alten und die neuen Grenzen auf Butterbrotpapier, schraffierte das Verlorene und deckte es schließlich blau ein. Den Vater schien die Schmach, die man mir angetan hatte und die ich nahezu anfassen konnte, wenig zu kümmern, fast schämte ich mich des Vaters."
Ehe, um das gleich vorweg zu sagen, hier die Vokabel "Nationalist" fällt, erinnere ich daran, dass es sich dann um einen circa vierjährigen Nationalisten handelt. Diese Passage von der Topografie, Augstein schrieb das hundert Jahre nach Bismarcks Reichsgründung, erinnert mich an eine andere, eine berühmte aus der Literatur. Sie stammt von Joseph Conrad, und zwar aus seiner Erzählung "Herz der Finsternis". Dort heißt es: "Als ich Kind war, hatte ich eine Vorliebe für Landkarten. Ich vertiefte mich für Stunden in den Anblick all der fernen Kontinente und träumte vom Ruhm der Entdeckung. Damals gab es viele weiße Flecken auf dem Globus ... und der größte und weißeste war auf den beiden Seiten des Äquators. Seit meiner Jugend wurde dieser Fleck mit Flüssen und Seen und Namen gefüllt. Er hatte aufgehört, ein weißer Raum des Geheimnisses zu sein der Ort meiner kindlichen Träumereien. Er war ein Ort der Finsternis geworden."
So weit Conrad. Man weiß, was den Erzähler im Herzen dieser Finsternis erwartet. Jener berühmte Aufschrei, der in die Literaturgeschichte eingegangen ist: "The horror, the horror." Ich glaube, das war es, was der Vierjährige, der die verlorenen Gebiete schraffierte und neu zusammensetzte, später erlebte. Das, was nach 1918 einfach nur verloren schien, war nach 1945 das Land selbst geworden: Deutschland, ein Ort der Finsternis, aus dessen Mitte der Horror entstand.
Augstein und der SPIEGEL haben Joseph Conrads Expedition wiederholt, von den Anfängen bis hin zu den meisterhaften, noch nicht hinreichend gewürdigten Dokumentationen, in denen "SPIEGEL TV" Krieg und Vernichtung in privaten, mühsam zusammengesuchten Filmaufnahmen nacherzählt. Viele, die Deutschland misstrauten, Zurückkehrende und Niewiederzurückkehrende, hatten das Gefühl, in Augsteins SPIEGEL einen Garanten von Wachsamkeit zu haben, eine Art zweite Öffentlichkeit, die seismografisch genau die Ausschläge registrierte.
Dass nun die Anfänge der Zeitschrift selber öffentlich befragt werden, ist gut und richtig, und der SPIEGEL wird gar nicht anders können und wollen, als darüber Auskunft zu geben. Jene, die hier von Antisemitismus reden, sollten sich überlegen, in welchen trüben Gewässern sie fischen. Zu den in den Archiven immer wieder auffindbaren bösartigen Stereotypen einer rechten Kulturkritik der fünfziger Jahre gehörte es, Augstein mit Goebbels zu vergleichen. Das wiederholt sich nun bei einigen von der anderen Seite. Wer weiß, ob nach solchen Maßstäben Börne selbst den Börne-Preis erhalten hätte.
Die Wut, die allgemeinere, hat ein Datum: die deutsche Einheit. Er hat sie Jahre, Jahrzehnte gewollt. Er hat, wie Brecht das wollte, Vorschläge gemacht. Über Jahrzehnte hinweg. Womöglich hielt man das für seinen Spleen. In dem schon erwähnten Artikel zur Reichsgründung heißt es: "Stärkung der DDR, auch wenn ihre Intransigenz sich zuallererst gegen die Bundesrepublik kehrt, ist nach wie vor das Gebot des Jahrzehnts. Ob es je ein vereintes Europa geben wird, unter Einschluss Englands und der DDR, darüber entscheidet kein ,Reichsgründer' à la Bismarck."
Der SPIEGEL war, sieht man einmal von den redaktionellen Verhältnissen um 1968 ab, nie ein revolutionäres Organ. Er wollte keine andere Republik, aber die, die da war, wollte er so auch nicht. Dazwischen lag jene Ungeduld, die man Augsteins Texten, je älter er wird, desto deutlicher, ablesen kann ...
Das berühmte Foto von Digne Meller Marcovicz, das Augstein mit Heidegger den Berg hinaufwandernd zeigt, es ist vielen das Bildzitat deutscher intellektueller Verhältnisse nach '45 geworden. Der Berg ruft. Das Bild zeigt die Rückenansicht der beiden: Heidegger mit zerknautschter Jacke, Wanderstock und Rucksack. Daneben Rudolf Augstein im schwarzen Anzug und mit Aktentasche, Waldschrat und Großstädter. Es ist der 23. September 1966. Es findet ein historisch zu nennendes Gespräch eben darüber: über die deutsche Vergangenheit, statt, die Expedition ins Herz der Finsternis. Ich weiß nicht, manchmal will mir scheinen, seine Art des Sprechens, dieses etwas Unernste, Listenreiche und ja durchaus, auch wenn er es ablehnt, Zynische, es sei für ihn eine Art bengalische Beleuchtung für die Vergangenheit, von der er, von der seine Generation, von der das Land nicht loskommen wird, nicht loskommen kann.
Der Satz, der in einer Laudatio nie stimmt, er stimmt heute: Augstein ist der Letzte. Er ist der Großfabrikant des deutschen Nachkriegsbewusstseins. Was als Manufaktur begann, wo, wie Börne sagt, die Werkmeister nie stillstehen, ist heute ein vollautomatischer Fertigungsbetrieb, manchen zu seelenlos, seitdem Jens Daniel die Bildfläche verlassen hat. Jetzt, da die Zeit der spätideologischen Bürgerkriege vorüber ist, fällt es auch ehemaligen Gegnern leichter, die Rolle dieses Mannes und seines Lebenswerks anzuerkennen. Er hat der Politik Sprache und, wenn das Paradoxon erlaubt ist, der Sprache Politik gegeben. Das ist auch ein Fluch, denn an der Gesamtpolitisierung unserer Alltagsverhältnisse hat der SPIEGEL seinen wesentlichen Anteil.
Wie lebt es sich mit solcher Macht? Welchen Preis kostet sie? Welche Opfer? Wir bewegen uns jetzt in einem Bereich, zu dem er beharrlich schwieg. Es ist ein Bereich äußerster Verknappung, wo das historisch Einzigartige mit einfachen Worten gewürdigt werden kann. Ich spreche sie jetzt aus: Glückwunsch, Rudolf Augstein!