Biowaffen: "Natürlich bleiben Wunden" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Biowaffen "Natürlich bleiben Wunden"

Ein Bericht aus einst geheimen Labors in Sibirien / Von Jens Kuhn
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

. Viele Zufälle haben mich nach Sibi-rien geführt. Der vielleicht wichtigste war, dass ich beim Warten auf die Besichtigung eines neuen Hochsicherheitslabors im Oktober 2000 in Stockholm zufällig mit einem Herrn vom Pentagon in der Schlange stand. Was ich ihm bei unserer Plauderei erzählte ­ ich hatte bereits in den USA gearbeitet, unter anderem in militärischen Forschungslabors ­, gefiel ihm wohl ganz gut, und er schob die ganze Sache an.

Anscheinend hatten sie zuvor Schwierigkeiten gehabt, jemanden zu finden, der bereit gewesen wäre, für längere Zeit nach Russland zu gehen. Für viele Amerikaner ist Sibirien nur ein bitterkalter, unwirtlicher Ort, an den man höchstens Kriegsgefangene schickt. Außerdem bedeutet es für manche US-Forscher durchaus ein moralisches Dilemma, mit Leuten zusammenarbeiten zu sollen, die jahrzehntelang ihre Vernichtung geplant haben.

Mein erster Eindruck: Sibirien ist heiß ­ wochenlang hatten wir 35 Grad im Schatten. Man brachte mich unter in Akademgorodok, einer Stadt nahe Nowosibirsk, ziemlich heruntergekommen, dafür aber fast nur von Wissenschaftlern bewohnt und deshalb sehr lebendig. Ich bekam eine Art Ersatzmama zur Seite gestellt, die ich bei jedem Problemchen ansprechen konnte, außerdem eine Übersetzerin und einen Lada samt Fahrer. Letzterer brachte mich jeden Morgen nach Kolzowo, zu "Vector".

Kolzowo ist ein Ort, der zu Sowjetzeiten so geheim war, dass man ihn nicht einmal auf der Landkarte eingezeichnet hatte. Und Vector war damals ein Biowaffeninstitut, an dem vor allem an Pocken, Ebola und dem Lassa-Virus gearbeitet wurde. Ich sollte zusammen mit den russischen Kollegen nun ein in Osteuropa verbreitetes Virus, den Erreger des Krim-Kongo-Fiebers, molekularbiologisch charakterisieren.

Vector ist gigantisch ­ wenn auch viele der Labors und Gebäude, meist Plattenbauten, heute leer stehen. Von den damals rund 4000 Mitarbeitern ist gerade mal die Hälfte übrig. Eindrucksvoll war, wie gut die Anlage geschützt ist: Erst nach ein paar Wochen war alles so weit geklärt, dass ich einen Pass bekommen durfte, der mich durch den Eingang beförderte, vorbei an den drei Sicherheitszäunen mit Bewegungsmeldern, Wachen und allem Drum und Dran. Nach dem 11. September verschärften sich die Kontrollen dann noch einmal.

Gebäude 1 beherbergt einen wichtigen Hochsicherheitstrakt. Er ist riesig: Wo in den entsprechenden US-Instituten vielleicht acht kleinere Räume als "Hot Zone" abgetrennt sind, erstrecken sich dort die Hochsicherheitslabors auf einer bis zu 20fachen Fläche, auf vier Stockwerke verteilt ­ und alle sind sie verhältnismäßig gut und sicher ausgestattet.

Die Zustände in den anderen Labors hingegen, in denen man den Löwenanteil seiner Arbeit verrichtet ­ unter Hochsicherheitsbedingungen arbeitet man gar nicht so häufig ­, waren schockierend. Da werden aus Sparsamkeit Pipettenspitzen nach Benutzung nicht weggeworfen, sondern gespült und wiederverwendet. Und ein Paar Schutzhandschuhe muss für einen ganzen Tag reichen. Geeignete Pausenräume oder Küchen gibt es nicht. Deshalb holen sich die Kollegen das Wasser für ihren Tee aus dem Labor ­ im Westen wäre so etwas absolut undenkbar.

Die Geräte sind meist russische Fabrikationen. Einmal ist mir eines der PCR-Maschinchen* unter den Händen zerschmolzen ­ ich war schlicht nicht auf die Idee gekommen, dass es keine Gerätesicherung haben könnte.

Trotz oder vielleicht gerade wegen solcher Pannen: Ich bin voller Bewunderung für die russischen Kollegen. Die haben monatelang ohne Gehalt leben müssen, sind Taxi gefahren oder haben sich als Lehrer verdingt, um weiterforschen zu können. Heute verdient ein leitender Wissenschaftler ein paar hundert Dollar im Monat, die Assistenten müssen von nur ein paar hundert Rubel leben. Entsprechend essen sie in der Mittagspause vielleicht eine Gurke oder Tomate, irgendetwas, das sie im Zweifel selbst im Garten ihrer Datscha gezogen haben. Da kam ich mir schon ein bisschen seltsam vor mit meinem Chauffeur ...

Gespräche über ihre Vergangenheit als Biowaffenhersteller sind bei den Russen weitgehend tabu. Da ich mich in einer etwas prekären Situation zwischen den Stühlen befand und mich von beiden Seiten, den Russen wie den Amerikanern, einigermaßen argwöhnisch beobachtet fühlte, habe ich es auch vermieden, in den Wunden zu rühren ­ und die gibt es natürlich.

Ein Beispiel ist der Fall Ustinow: Das war ein Wissenschaftler, der sich damals im Labor versehentlich mit dem Marburg-Virus infiziert hatte und qualvoll daran starb. Über die Details dieses Unglücks darf bis zum heutigen Tag niemand sprechen ­ trotzdem habe ich erlebt, wie Kollegen Tränen in die Augen schossen, als der Name Ustinow fiel.