Nahost "Arafat? Wer ist Arafat?"
Nationalstraße 4, sieben Kilometer vor Gaza: Vollsperrung. "Wir müssen bloß einen Packen Dynamit beseitigen, es dauert nicht mehr lange", sagt der israelische Polizist in der gelben Wetterjacke. Es gehe gleich weiter.
Eine Höllenmaschine, gefüllt mit Nägeln und Schrauben, war hier am Sonntag gefunden worden. Als der Bombenleger sie am Mittwoch früh abholen wollte, wurde er festgenommen.
Einer der Lkw-Fahrer, die nun den quer gestellten Streifenwagen umstehen, reicht Zigaretten und einen Becher mit Kaffee herum. "Immer schön vorsichtig", sagt er ironisch, "damit den Killern nichts passiert." Wenn er hier etwas zu sagen hätte, dann hätten sie den Terroristen mit seinem eigenen Sprengsatz in die Luft gejagt. "Puff!", ruft er neckisch und wirft ein brennendes Streichholz auf die Kühlerhaube. Die anderen Trucker klatschen.
Aber Lynchjustiz?
"Nein, nein", brummt der Lastwagenfahrer. Er habe das so nur im Zorn gesagt. Man dürfe aber auch nicht vergessen, dass über die Hälfte der Bevölkerung meine, die Regierung Scharon sei zu schlapp im Umgang mit den Palästinensern. Nach den verheerenden Selbstmordattentaten der letzten Wochen dürfe künftig kein Pardon mehr gegeben werden.
Seit September letzten Jahres fielen dreieinhalbmal so viele Palästinenser dem Kampf gegen den Terrorismus zum Opfer wie Israelis dem Terrorismus. Zu viel Pardon?
10.47 Uhr: ein scheppernder Knall. Es hört sich an, als ließe jemand mit aller Wucht eine schwere eiserne Tür ins Schloss fallen. Aus der Wiese rechts neben der Nationalstraße steigt eine zylindrische Rauchwolke. Reiner Zufall, dass just in diesem Augenblick hoch oben eine Rotte F-16-Jagdbomber westwärts fliegt.
Anschließend wird nicht mehr gebombt. Nachdem gestern Kampfflugzeuge in Gaza mehrere Gebäude zerstört haben, hat die Regierung in Jerusalem PLO-Führer Jassir Arafat zwölf Stunden Frist eingeräumt, damit er die "geistigen Verursacher" der jüngsten Terrorwelle, wie sie genannt werden, verhaften lassen kann.
Die Grenze ist seit Tagen geschlossen. Aber für Fremde ist die Einreise nach Gaza kein Problem. Man kann sich überall frei bewegen. Und die Menschen reden gern. Vor allem über die A-Frage.
"Arafat?", knurrt der Reifenhändler auf dem alten Markt in Gaza. "Wer ist Arafat?" Israels Premier, Ariel Scharon, habe wohl noch nicht begriffen, dass sich in den Palästinensergebieten ein neuer Geist breit mache. "Arafat ist ein alter Mann, er wäre seiner Aufgabe auch nicht mehr gewachsen, wenn die Umstände anders wären."
Im Moment sind die Umstände so: Die Israelis haben Arafat seine Hubschrauber zerschossen, den Flughafen in Gaza zerstört und ihn in Ramallah im Westjordanland quasi unter Kuratel gestellt. Und nun soll er in Gaza für Ordnung sorgen, 36 Extremisten verhaften lassen. Ist das levantinische Schildbürgerei? Oder wollen die Israelis ihm unpopuläre Entscheidungen aufzwingen und ihn dadurch von seinem eigenen Volk wegekeln, um ihn durch ein Marionettenkabinett zu ersetzen, wie er selbst glaubt?
Im Stadtteil Scheich Radwan nahe des Zentrums von Gaza-Stadt hat die israelische Luftwaffe das vierstöckige Hauptquartier des Sicherheitsdienstes zerstört, das von vier Schulen umgeben ist. Die Front ist zusammengestürzt, die Olivenbäumchen im Hof sind geköpft.
Als sich die erste F-16 aus dem regenverhangenen Himmel aufs Ziel stürzte, brach Panik aus. Die meisten Schulkinder flüchteten auf den angrenzenden Friedhof, um hinter Grabsteinen Schutz zu suchen. Mindestens 50 von ihnen wurden hinterher im Schifa-Krankenhaus behandelt. Dem 14-jährigen Mohammed Abu Marasa war nicht mehr zu helfen. Er sei von einem armlangen Glassplitter regelrecht erdolcht worden, sagt ein Arzt.
Zehn Minuten nach der ersten Attacke griff die nächste Maschine an. Die F-16 jagte noch eine Rakete in die brennende Ruine und bombte einen tiefen Krater in den Hof.
Das zweite Ziel im Gaza-Streifen war das Flüchtlingslager im Süden von Chan Junis. "Kann mir einer den Sinn verraten", fragt General Mahmud Abu Marsuk, der Chef der Zivilverteidigung von Gaza. Warum wurde die Hamas verschont? Die Terrororganisation Hamas hat sich zu den Anschlägen von Jerusalem und Haifa bekannt, denen am vorletzten Wochenende 26 Menschen zum Opfer fielen. Trotzdem wurde sie nicht molestiert. Scharon führt sich auf wie ein Pauker, der mit dem Rohrstock wahllos die Klasse diszipliniert und statt der Klassenflegel die Streber züchtigt.
General Marsuk behauptet, einige der Hamas-Aktivisten, die Arafat auf Druck der Israelis hatte festnehmen lassen, seien im Hauptquartier des Sicherheitsdienstes in Scheich Radwan festgehalten worden. Als das Bombardement begann, habe man sie aus Sicherheitsgründen freigelassen. Einige hätten sich wohl auch in dem allgemeinen Tohuwabohu selbst befreit. Kann sein, Beweise gibt es nicht.
Über dem Gelände rings um das Haus des Sicherheitsdienstes hängt beißender weißer Qualm. Der Wind fegt Akten über den Hof. Um sich zu wärmen, verheizen die Posten die Fensterrahmen - auch die heil gebliebenen.
Wo sind die Gefangenen? "Weg", sagt der Wachhabende. "Maarafsch." Weiß nicht. Der ganze Gaza-Streifen hat eine Bevölkerung, die jener von München entspricht. Und keine Verstecke, die nicht ohnehin jeder kennt. Doch das gnädige Chaos erspart der PLO-Administration die Antwort auf viele unangenehme Fragen.
Tatsache ist: Die PLO-Führung hat ein paar Militante vorführen lassen. Sie wollte sogar Scheich Ahmed Jassin, den greisen Gründer und geistigen Führer der Hamas-Bewegung, unter Hausarrest stellen. Der Scheich ist für Israel ein Hassgegner erster Ordnung: Er vertritt ganz offen die Auffassung, es sei das demokratische Recht junger Palästinenser, so viele Israelis wie möglich zu töten.
Aber die Hamas hat ein gut funktionierendes Frühwarnsystem. Als die Greifer am Mittwochabend vor Jassins Residenz aufziehen, beginnen überall in Gaza-Stadt auf den Moscheen die Lautsprecher zu plärren: "Der Scheich ist in Gefahr, kommt alle und schützt ihn."
Eine Viertelstunde später ist der Platz vor dem Haus trotz strömenden Regens von über tausend Jassin-Anhängern bevölkert. Die Stimmung eskaliert schnell: erst Sprechchöre, dann Rangeleien, dann fallen Schüsse. Hamas-Leute feuern über die Köpfe der Arafat-Polizisten. Der Einstieg in den Bürgerkrieg liegt in der Luft. Plötzlich steht ein Streifenwagen in Flammen. Um eine Eskalation zu vermeiden, zieht die Polizei wieder ab. Donnerstag früh ein neuer Versuch. Die Dramaturgie wiederholt sich: Als die Polizei aufkreuzt, rückt die Hamas-Front erneut an. Wieder fallen Schüsse.
Die Polizei kann auch diesmal ihren Arrestbefehl nicht zustellen. PLO-amtlich verlautbarte aber, der Hausarrest sei praktisch in Kraft. Praktisch war er das auch schon vorher. Der Scheich ist teilweise gelähmt und kann sich nur im Rollstuhl bewegen. Es kommt ganz selten vor, dass er das Haus verlässt. Trotz seiner Gebrechen ist Scheich Jassin das Idol der Jugend. Weil ihm die Folgen gleichgültig sind, predigt er den totalen Krieg. Sein Credo ist der Hass.
Dass Hass immer nur Gegenhass generiere, das sei eine platte Wahrheit, sagt der Psychiater Ejad al-Sarradsch. "Wir müssen diesen grausamen Mechanismus unterbrechen." Wie schwer das sogar den Friedfertigen fällt, das hat al-Sarradsch am Mittwoch selbst wieder mal erfahren, als die israelischen Bomben auf Gaza fielen. "Wir mussten meinen schwer behinderten Vater in aller Eile die Treppe hinuntertragen und uns mit ihm unter einem Betonsockel verkriechen. Unsere kleine Nachbarstochter schrie, ob wir jetzt alle sterben müssten. Ich bin pazifistisch bis ins Gedärm, aber gestern unter der Treppe war ich ein paar Augenblicke kein Pazifist."
In der Nacht zum Freitag schlägt der grausame Mechanismus erneut zu. Diesmal heftiger als in den Tagen zuvor. In einer Blitzattacke legen die Israelis das Polizeihauptquartier in Gaza in Trümmer: 20 Verletzte, nebenan wird ein medizinisches Institut schwer beschädigt. Das Prinzip definiert die "Jerusalem Post" so: dranbleiben und vorsichtig eskalieren. Bis die Palästinenser genug haben vom Krieg.
Mag sein, dass diese Taktik auf Arafat wirkt. Auf die Selbstmordbomber von der Hamas hat sie aber keinen Einfluss.
Ejad al-Sarradsch erzählt von einem guten Freund, den die Umstände in die Selbstmordkolonne der Hamas getrieben haben. Die ständigen Demütigungen, die Stromsperren, die willkürlichen Blockaden. Wie soll ein selbstbewusster junger Mann damit fertig werden, dass er am Schlagbaum an der Grenze vor israelischen Soldaten die Hose herunterlassen muss, damit die sich davon überzeugen können, dass er keine Pistole im Schritt schmuggelt? Das ganze Leben in dieser vermüllten elenden Stadt am Meer ist eine Zumutung.
Nach einer Studie des palästinensischen Zentrums für Konfliktmanagement sind angeblich 72 Prozent aller jungen Palästinenser prinzipiell zum Märtyrertod bereit. Die Quote ist nicht unumstritten. Doch so viel steht fest: Die Mörderkompanien von Hamas und dem Islamischen Dschihad haben ständig mehr Rekruten, als sie benötigen, um Israel dauerhaft in Schrecken zu versetzen.
"Natürlich müssen Eltern alles tun, um ihre Kinder davon abzubringen", sagt der Schneider Ahmed al-Adschami aus dem Lager Dschabalija. Aber ihm selbst ist das nicht gelungen. Sein Sohn Teissir hat sich Ende November am Tor zum Industriekomplex Eris in die Luft gesprengt.
Teissir war kein besonders erfolgreicher Selbstmordattentäter. Die Explosion, die ihn umbrachte, verursachte immerhin keinen großen Sachschaden. Trotzdem hängt sein Foto überall in Dschabalija. Alle hier sind stolz auf ihn.
Und Faradsch, Teissirs fünfjähriger Sohn. Ist er auch stolz? Großmutter Nevine zieht ihren Enkel sanft an sich heran und legt ihm die Hand auf den Mund. "Faradsch ist doch noch so klein."
ERICH WIEDEMANN