Interview mit Jassir Arafat "Die gehen vor wie Berserker"
SPIEGEL:
In Ihrer Fernsehansprache am letzten Sonntag haben Sie eine sofortige Feuerpause erklärt, der israelische Ministerpräsident Ariel Scharon ging darauf jedoch nicht ein, und seine Minister äußerten Zweifel an Ihrer Glaubwürdigkeit.
Arafat: Um zu verstehen, was Scharon wirklich will, sage ich Ihnen Folgendes: Nachdem die israelische Armee im Juni 1967 das arabische Ost-Jerusalem erobert hatte, gab der damalige Verteidigungsminister den Befehl, dass auf dem Plateau der uns Muslimen heiligen al-Aksa-Moschee keine Nichtmuslime beten dürfen. Daran hielten sich alle israelischen Regierungschefs.
Als mir voriges Jahr zu Ohren kam, dass Ariel Scharon diese Regel demonstrativ durchbrechen wollte, ging ich zu Ministerpräsident Barak und bat ihn ausdrücklich, den Scharon-Besuch nicht zuzulassen, um die absehbaren Unruhen, die der Besuch auslösen würde, zu vermeiden. Barak gab mir keine Antwort. Scharon besuchte das Aksa-Plateau, und es gab Tote und Verletzte, was jeder vorher wusste.
SPIEGEL: Das ist Geschichte, heute ...
Arafat: ... das Heute ist direkt verbunden mit dem Gestern. Um zu verstehen, wie Scharon tickt, müssen Sie eben bestimmte Dinge aus seiner Vergangenheit wissen. Scharon brach als erster israelischer Regierungschef ein Tabu und löste damit die Spirale der Gewalt aus, und zwar vorsätzlich.
SPIEGEL: Hätten Sie die Unruhen nicht damals schon unter Kontrolle bringen können?
Arafat: Die Proteste unseres Volkes, das sich in seinem religiösen und nationalen Selbstverständnis verletzt fühlt, waren spontan und völlig frei von Gewalt von Steinwürfen einmal abgesehen. Doch Scharon setzte von Anfang an auf Gewalt, Blut und Krieg. Seinem Wahlvolk versprach er, in hundert Tagen die Palästinenser in die Knie zu zwingen. Das klappte nicht. Dann ließ er verschiedene militärische Operationen anlaufen. Das haben wir auch zu spüren bekommen. Aber Scharon konnte sein Versprechen nicht einhalten, weil wir Palästinenser uns nicht so einfach unterjochen lassen.
SPIEGEL: Sie haben eine absolute Waffenruhe angeordnet. Israel behauptet, dass nur zwei Stunden nach Ihrer Ankündigung Palästinenser wieder mit Mörsern geschossen hätten.
Arafat: Das stimmt einfach nicht. Es ist leider umgekehrt: Gleich am nächsten Tag brachte die israelische Armee grundlos und ohne vorherige Provokationen wieder drei Palästinenser um. Die gehen vor wie die Berserker. In Hebron hatten sie völlig grundlos Offiziere des gemeinsamen Sicherheitskomitees erschossen, unter ihnen den Kommandanten. In Chan Junis im Gaza-Streifen hatten sie drei Volksschüler, einer war zehn Jahre jung, ermordet, die auf dem Weg zur Schule waren. Aber gleichzeitig sträubt sich Scharon gegen internationale Beobachter.
SPIEGEL: Das Problem wird jetzt noch komplizierter: Israels Regierungschef erkennt Sie jetzt nicht mehr als legitimen Vertreter und Sprecher des palästinensischen Volkes an. Sie sind für ihn "irrelevant".
Arafat: Das ist sein Problem, nicht meins. Die ganze Welt setzt sich darüber sowieso hinweg. Gerade hat mir US-Präsident Bush in meiner Funktion zum Ende des Fastenmonats Ramadan gratuliert. Ich bin in einer demokratischen Wahl von meinem Volk gewählt worden. Eine internationale Beobachterkommission, der der amerikanische Ex-Präsident Jimmy Carter, der Staatspräsident von Portugal und ein japanischer Ex-Premier angehörten, hat darüber gewacht. Wie tickt Scharon eigentlich?
Wenn ihm heute Jassir Arafat nicht gefällt, kommt ihm dann morgen in den Sinn, das Friedensabkommen nicht mehr zu mögen und in Frage zu stellen, das Ägyptens Präsident Anwar al-Sadat mit dem israelischen Premier Menachem Begin unterzeichnet hatte? Und weil ihm die Madrid-Vereinbarungen und das dort von den Großmächten abgesegnete Prinzip "Land gegen Frieden" nicht passen, könnte er dann sagen: Für mich ist Madrid null und nichtig?
SPIEGEL: Scharon führt eine "Anti-TerrorKampagne" und erwartet dabei die Mithilfe der Palästinenser.
Arafat: Scharon führt einen blutigen Krieg gegen ein Volk unter Besatzung. Den Kampf gegen die Terroristen führen wir aus eigener Überzeugung. Doch dabei vergessen wir nicht, dass Israels Staatsterror fast 2000 palästinensische Tote und über 35 000 Verletzte gekostet hat.
Scharons Feldzug richtet sich gegen Zivilisten, Frauen und Kinder. Seine Panzer, Geschütze und Flugzeuge zerstören unsere Infrastruktur, den mit europäischem Geld gebauten Flughafen von Gaza, Schulen, das ebenfalls mit europäischer und amerikanischer Hilfe ins Leben gerufene Statistische Amt in Ramallah die Liste ist lang. Ist das "Terrorismusbekämpfung?"
SPIEGEL: Der israelischen Führung geht es vor allem um die Liquidierung jener extremistischen Gruppen, welche die Selbstmordattentate planen und durchführen, die israelische Zivilisten auch Frauen und Kinder das Leben kosten.
Arafat: Auf diese Attentate, die ich nicht erst seit heute verdamme und bekämpfe, komme ich noch zurück. Doch vorher stelle ich die Frage, warum Scharon im Zuge seiner Kampagne in Beit Dschala, nahe Betlehem, eine Kirche und eine Moschee beschießen ließ? Und warum ließ er seinen militärischen Rundumschlag sekundengenau zum Beginn des täglichen Fastenbrechens im islamischen Monat Ramadan anlaufen? Warum rissen die Israelis über die Hälfte unserer Olivenbäume samt den Wurzeln aus dem Boden, die viele tausend Familien ernähren?
Was für eine Mentalität steckt dahinter? Warum dürfen palästinensische Christen und Muslime, die außerhalb Jerusalems wohnen und unter 45 Jahre alt sind, Weihnachten und am Fest des Fastenbrechens nicht in der Heiligen Stadt beten und Verwandte besuchen? Warum die wirtschaftliche Knebelung, warum darf die "British Gas" nicht den Gaza-Streifen betreten, wo wir Erdgasvorkommen entdeckt haben?
SPIEGEL: Könnte nicht die Wut über die Selbstmord- und Sprengstoffattentate zu derartigen Auswüchsen führen?
Arafat: Eins nach dem anderen. Ich möchte Sie zunächst noch auf eine andere, schwer nachvollziehbare Inkonsequenz hinweisen: Von jemandem, der von uns verlangt, noch härter als bisher gegen Hamas-Extremisten und andere Gewalttäter vorzugehen, erwarten wir Unterstützung. Doch was macht Scharons Armee? Sie zerstört fast alle Polizeistationen, sämtliche Kommandoposten der Präsidialgarde, behindert uns in unserer Bewegungsfreiheit durch die Absperrungen und Umzingelung unserer Städte. Außerdem bombardiert sie unsere Gefängnisse. Was das bedeutet, ist doch klar.
SPIEGEL: Wie ernst ist es Ihnen denn mit dem Durchgreifen gegen Hamas und Dschihad Islami? Sind Sie dazu überhaupt in der Lage?
Arafat: Obwohl uns Israel erstaunlicherweise in den Arm fällt, gehen wir sehr wohl und effizient gegen die Urheber von Gewalt und Terror vor. Wir haben alle Büros der beiden Organisationen geschlossen und alle Gesuchten festgenommen, die auf der Fahndungsliste des amerikanischen Unterhändlers Zinni standen und deren wir habhaft werden konnten. Uns liegt sehr daran, diese Wahnsinnsaktionen ein für alle Mal zu unterbinden. Wir erfüllen unsere Verpflichtungen voll und ganz, wenngleich Israel seinen Verpflichtungen nicht nachkommt, sich nicht aus den Autonomiegebieten zurückzieht, die Städte und Dörfer abriegelt und sich über alle Abmachungen hinwegsetzt.
SPIEGEL: Für viele Palästinenser ist Ihr hartes Vorgehen gegen die gewalttätigen Islamisten eine Kapitulation gegenüber Israel.
Arafat: Das weiß ich, manche ihrer Sprecher gehen sogar noch weiter. Aber ich sage allen klipp und klar: Wir dulden nur die legitime nationale palästinensische Autonomieregierung, die aus frei gewählten Mitgliedern des palästinensischen Legislativrats hervorgegangen ist. Wer sich den legitimen Entscheidungen der Zentralgewalt nicht fügt oder sogar den nationalen Interessen unseres Volkes zuwiderhandelt, stellt sich wissentlich ins gesetzliche Abseits. Er muss die Konsequenzen tragen.
SPIEGEL: Führt das nicht zu einem Bruderkrieg?
Arafat: Überhaupt nicht. Überzeugen Sie sich selbst: Die überwältigende Mehrheit steht geschlossen hinter unseren Anordnungen. Das Wunschdenken unserer Feinde, dass sich unser Volk in einem Bürgerkrieg zerfleischt, geht nicht auf.
SPIEGEL: Scharon macht eine vollständige und mehrtägige Ruhepause, in der kein Schuss fällt, zur Bedingung für eine Rückkehr an den Verhandlungstisch.
Arafat: Niemand auf der Welt kann für jeden Bürger garantieren. Das hat selbst Israel nicht geschafft, obwohl es erwiesen ist, dass die Täter, die für bestimmte Terroranschläge in Israel verantwortlich zeichnen, aus dem israelischen Staatsgebiet stammen. Wenn Sie wollen, können Sie morgen mit zwei von unseren Sicherheitsorganen gefassten palästinensischen Agenten des israelischen Geheimdienstes sprechen, die uns gestanden haben, von israelischen Stellen zu anti-israelischen Terroranschlägen angeheuert worden zu sein. Ich habe das sowohl dem amerikanischen Geheimdienstchef George Tenet wie auch anderen Verantwortlichen mitgeteilt. Eine Antwort darauf habe ich allerdings bis heute nicht erhalten.
SPIEGEL: Wenn sich keine Anschläge mehr ereignen, kommt der Friedensprozess dann wieder in Gang?
Arafat: Das erwartet mit uns die ganze Welt. Denn der palästinensisch-israelische Konflikt beschränkt sich doch nicht nur auf Sicherheitsaspekte.
SPIEGEL: Aber wenn nun doch wieder Sprengsätze hochgehen?
Arafat: Hören Sie: Die Amerikaner lieferten sich einen äußerst blutigen Krieg mit den Vietcong, und dennoch verhandelten beide Seiten fünf Jahre lang in Paris.
SPIEGEL: Wird es wieder um die Oslo-Abmachungen gehen, oder sind die wirklich tot, wie Scharon es behauptet hat.
Arafat: Da fragen Sie mal die Amerikaner, die Oslo nach wie vor begrüßen.
SPIEGEL: Die Verhandlungen waren im ägyptischen Taba abgebrochen worden, wo Ihnen Ehud Barak 95 Prozent des Territoriums und weitgehend die Kontrolle über Jerusalem angeboten haben soll ...
Arafat: ... es waren 87 Prozent in einem ganz speziellen Rahmen.
SPIEGEL: Und darüber würden Sie wieder verhandeln?
Arafat: Natürlich, wir brauchen doch nicht mehr am Punkt null anzufangen. Ich bin mir sicher, dass wir uns über die Fragen, die in Taba offen geblieben waren und die wir mit mehr Zeit hätten lösen können, bei der Fortsetzung der Verhandlungen relativ rasch einigen werden. Trotz meines Alters glaube ich sogar, dass es mir noch vergönnt sein wird, mit dem ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak in der von ihm in Auftrag gegebenen "Eisenbahn des Friedens" die ägyptisch-palästinensische und auch die israelische Grenze zu überqueren.
INTERVIEW: VOLKHARD WINDFUHR