Landwirtschaft Lebende Traktoren
Willi, der Bulle, könnte ein Schwein sein, so gern suhlt er sich im Matsch.
Und auch sonst schlägt Willi in der platten Grünlandschaft des deutschen Nordens aus der Art: Lieber im Wasserloch als im Wiesengrund, schwarzbraun statt schwarzbunt, und einen Stiernacken hat Willi, wie selbst ein richtiger Stier ihn nicht hat.
Denn Willi, der Bulle, zu Hause auf einer Weide an der B 76 beim schleswig-holsteinischen Eutin, ist ein Wasserbüffel (Bubalus bubalis), ein Exot in der deutschen Landwirtschaft, aber schon lange nicht mehr der Einzige seiner Art. Nach Rinder- und Schweinemastskandal setzen nämlich immer mehr Bauern auf Fernimporte für den Stall. Erst die Strauße. Und jetzt das: Die Büffel kommen.
Auf deutschen Höfen grasen und sumpfen schon gut 700 Flussbüffel; die Tiere stehen inzwischen auf bayerischen Almen ebenso wie auf Wiesen an der Nordseeküste. Und sogar einen Deutschen Büffel-Verband e. V. im niedersächsischen Wardenburg gibt es schon: "Wir haben weltweit keinen bekannten Fall von BSE unter unseren Tieren", frohlockt dessen Präsident Manfred Thiele, und das sei doch schon was, bei immerhin über 160 Millionen Hausbüffeln auf dem Globus - wenngleich vor allem in Ländern, in denen kaum getestet wird.
Noch aber müssen sich deutsche Sonntagsspaziergänger an den Anblick der rund 2,50 Meter langen und bis zu 1,45 Meter hohen Kolosse gewöhnen - deutsche Sonntagsfahrer auch. "In unserem kleinen Ort gab es anfangs fast Auffahrunfälle", berichtet Siegmund Schmidt, 51, von der Agrargenossenschaft im uckermärkischen Storkow bei Templin, "weil alle unsere niedlichen Büffelbabys sehen wollten."
In ihrer ursprünglichen Heimat in Südasien, wo die Wasserbüffel vor rund 7000 Jahren für die Arbeit im sumpfigen Gelände gezähmt wurden, kommen sie beim Pflügen und Dreschen zum Einsatz. Wenn es sein muss, zieht ein kräftiger Bulle einen Wagen von zwei Tonnen an einem Tag 25 bis 30 Kilometer weit. Ohne die zuweilen bis zum Bauch im Wasser arbeitenden Büffel, die lebenden Traktoren Südasiens, wäre die Ernährung der Weltbevölkerung, die zur Hälfte vom Grundnahrungsmittel Reis lebt, nicht gesichert.
"Bei uns spielt das natürlich keine Rolle", sagt Landwirt Heiner Kieselhorst aus dem niedersächsischen Groß Ippener im Landkreis Oldenburg. Seit fünf Jahren baut er seine Herde von 48 Wasserbüffeln auf, heute verkauft er ab Hof in handlichen Zehnkilogrammpaketen Gulasch, Hackfleisch oder Weihnachtsbraten. Der Preis fürs Filet und die anderen Produkte liegt um ein Drittel über dem für Rindfleisch. Züchter wie Kieselhorst werben mit niedrigem Cholesteringehalt und einem Geschmack "zwischen Wild und Rind". Abzuraten sei nur von alten Tieren nach einem erfüllten Arbeitsleben. "Zu zäh", sagt Kieselhorst.
Auch die Milch der weiblichen Büffel ist gefragt, seit die Deutschen den Mozzarella entdeckt haben. Denn die ursprüngliche Version des ziemlich geschmacksneutralen Frischkäses wird aus Büffelmilch hergestellt.
In einem eigens organisierten "Büffelgespräch" an der Göttinger Universität plädierten Wissenschaftler und Praktiker gar schon für die Aufnahme des Wasserbüffels in das Tierzuchtgesetz. Für Bundeslandwirtschaftsministerin Renate Künast ein "Teil der Agrarwende". Damit könnten für die kleinen Herden auch europäische Fördermittel fließen, eine "Mutterprämie" der EU für werfende Kühe gibt es schon.
Auf Hilfe aus Brüssel wollte Willis Eigentümer, der Eutiner Tischlermeister und Hobbyzüchter Dieter Ullrich, nicht warten. Nachdem er wegen der BSE-Krise keine schottischen Hochlandrinder kaufen konnte, wich er auf Wasserbüffel aus.
Auf sechs Hektar gepachtetem Brachland der Gemeinde steht heute seine kleine Herde. Willi ist der Leitbulle, "die anderen haben noch keinen Namen", sagt Ulrich, "aber ich erkenne sie am Blick."
Für die artgerechte Haltung erweiterte er den Wiesenbach um einen großen Teich. "Da tummeln die sich am liebsten", weiß Ullrich. Selbst bei Frost bleibt der Teich so noch offen zum Suhlen.
Tatsächlich bewirft sich auch der Wasserbüffel in Norddeutschland gern mit dem landestypischen Modder, der ihn im Sommer vor der Mückenplage schützt. Vor allem aber genießt der Wiederkäuer offenbar die gute Ernährung im norddeutschen Tiefland. Denn das genügsame Tier frisst klaglos auch Brennnesseln oder Schilf - was die hochgezüchteten deutschen Schwarzbunten normalerweise verschmähen. So wird das Importvieh auch noch zur Mähmaschine, um stillgelegte naturnahe Flächen wie im brandenburgischen Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin kurz zu halten.
Nicht mal das von Tierfilmern geschätzte Klischee vom wutschnaubenden, angriffslustigen Büffel bremst da noch die Verbreitung in deutscher Steppe - zumal die Tiere in Wahrheit halbwegs friedliebend sind. Aggressiv werden die krummhornigen Brummer nur, wenn ihnen der Fluchtweg abgeschnitten wird oder sie ihr Jungtier bedroht sehen.
"Ich hatte einen Ausbruch", berichtet zwar der schleswig-holsteinische Züchter Ullrich, der danach einen dreifachen Weidezaun zog. Die Tiere trotteten bei ihrem Fluchtversuch westwärts Richtung Plöner See, ließen sich aber problemlos wieder einfangen.
Auch am Ende seines bis zu 40 Jahre währenden Lebens ist der deutsche Wasserbüffel von Nutzen. Das Leder der asiatischen Haustiere ist für hochwertige Taschen und Schuhe gefragt. "Aber zum Schlachten", sagt Michael Jaun, 25, Juniorchef einer Büffelmilchkäserei im schweizerischen Schangnau, "sind unsere Tiere eigentlich viel zu schade."
SEBASTIAN KNAUER