Terrorismus Ins Herz der Stadt
Sie feiern so laut an der Tafel aus kleinen Tischen im "Riffraff", weil mit 16 das Leben erst richtig beginnt. Sie singen im Chor um die Wette, sie leisten sich Toasts, Hamburger, Brote mit Huhn, in den Gläsern haben sie Milchshakes und "Red Bull", aufgekratzt spielen und schmieren sie mit Schlagsahne herum.
Awi und Eran Misrachi, die Zwillinge, haben 16. Geburtstag. Morgen holen sie sich ihre ersten eigenen Ausweise ab. Mit 16 beginnt das eigene Leben. 30 Leute am Tisch, alles Freunde. Sabbat ist vorbei, die Uhr steht auf elf. Es ist Samstagabend, es ist der 1. Dezember.
Sie bezahlen die Zeche, jeder für sich die paar Schekel, das dauert. Es gibt Streit mit der Kellnerin, weil niemand an die 12 Prozent Trinkgeld gedacht hat. Sie rangeln ums Geld, ein paar Minuten, zu kurz, zu lang, wer kann das sagen? Am 1. Dezember zählt in Jerusalem jede Minute, und Sekunden entscheiden über Tod oder Leben.
Die Clique schiebt sich hinaus auf die Straße, es ist kühl, Winter, keine 15 Grad. Sie singen, Charts und alte Liebeslieder, "Titanic" und "I Will Always Love You", sie legen einander die Arme um Hals und Schultern, beim Judaika-Laden "Jerusalem Window" biegen sie von der Mordechal Ben Hillel nach rechts in die Ben-Jehuda-Straße ein, Richtung Zionsplatz.
Rechts und links die Kette der Läden in der zentralen Fußgängerzone der Stadt, Juweliere, Geldwechsler, Kunsthandwerker. Der Buchhändler Steimatzky, der Frisör Marcel, Clarks Schuhe, Burger King, Best-Live-T-Shirts. Links voraus, 30, 40 Meter noch, die bunte Eisdiele, neonverschnörkelt, an der Kreuzung Ben-Jehuda- und Lunzstraße, "Special Ice Cream". Rechts an der Ecke das Café Chagall. Es ist 23.25 Uhr. Zehn Minuten noch.
Für Eran, schon 16, ist dieser Geburtstag besonders, mit Kratzern am Körper und Blessuren der Seele entkam er im Frühjahr dem Anschlag auf die Buslinie 6 am French Hill. Jetzt geht er die Ben-Jehuda hinunter, vor ihm die Zukunft, neben ihm Assaf Awitan, 15, Golan Turgemann, 15, die besten Freunde, Todeskandidaten.
In der Nähe irgendwo Adam Weinstein, 14, der sich schön gemacht hat für den Abend, Gel in den Haaren, das Aftershave des Vaters im Gesicht, seine stolze Mutter fragt er beim Gehen: "Und? Sehe ich gut aus?" Nun steht er ein paar Schritte von Awi und Eran entfernt und telefoniert nach Hause in die Siedlung Giwon Hadahaschara. Er sagt, um 23.30 Uhr: "Mama, ich nehm jetzt den Bus. Holst du mich gleich von der Haltestelle ab?"
Aber jetzt hackt ein furchtbarer Schrei in die Menge vor der Eisdiele, eine jähe Bewegung bricht los, kopflose Flucht auf der Ben-Jehuda-Straße: "Er hat eine Bombe! Er hat eine Bombe!" Es ist der 1. Dezember 2001.
Am 4. Juli 1975 hatte keiner im Laden den Kühlschrank bemerkt, der draußen an der Hausecke rechts neben dem Schaufenster abgestellt war. An diesem Freitag herrschte Hochbetrieb in Warschawskis Eisenwarenhandlung am unteren Ende der Ben-Jehuda-Straße.
Jehuda, 33, Sohn des Inhabers Jakow Warschawski, führte einem Kunden gerade ein Bohrstativ vor, als ein Bekannter zur Tür hereinrief. "Ist der Kühlschrank draußen für euch?" Vater und Sohn Warschawski schauten sich an. In jenen Tagen war selbst ein Kühlschrank verdächtig. Palästinensische Terroristen überzogen den jüdischen Staat mit ihren Attacken.
Drei Monate zuvor erst hatten sie ein Taxi mit Sprengstoff bepackt und in der Ben-Jehuda neben ein Café platziert. Die Verschwörung flog auf, noch vor der Explosion, glücklicher Zufall.
"Jehuda, wirf einen Blick auf den Kühlschrank", bat der Vater. Es war ein altes Amcor-Modell, israelisches Fabrikat, fünfziger Jahre. Jehuda Warschawski öffnete die Tür, das Gerät war leer. Er inspizierte das Eisfach, nichts. Nur das Rollbrett, auf dem der Eisschrank stand, fiel ihm auf. Die Rollen, arabische Fertigung.
Arbeiter der staatlichen Telefongesellschaft Bezek, die Kabel vor dem Haus verlegten, beruhigten den jungen Warschawski: "Mach dir keine Sorgen, Jehuda. Beim Abladen hat Schabtai Lewi geholfen, du weißt schon, der nette Möbelpacker." Weil der Eisschrank im Weg stand, schoben sie ihn einen halben Meter näher zum Ladeneingang.
Jehuda war nicht beruhigt. Seine Cousine Esther bat er, die Polizei zu informieren. Er selbst prüfte den Kühlschrank ein zweites Mal. Als er den Laden eben wieder betreten und sich hinter die dicke Steinsäule zu seinem Vater gestellt hatte, zerriss eine Explosion die Welt draußen vor der Tür.
Leichen und Leichenteile überall. Eine Hand, hereingeschleudert, lag auf Warschawskis Ladentisch, eine Zange noch im Griff. Vor dem Geschäft stürzte Jehuda über einen verbrannten Frauenleib, die Brust geöffnet, darin das schlagende Herz. Der Händler wollte sie aufheben, sah aber, dass es bereits zu spät war. So bedeckte er sie mit einem Lieferkarton.
Die Kühlschrank-Bombe, der Sprengstoff versteckt in der Verkleidung, tötete 15 Menschen, 77 wurden verletzt. Die Wucht der Explosion war so stark, dass Schrauben aus Warschawskis Eisenwarenhandel noch im Papierladen Krawitz 100 Meter entfernt gefunden wurden.
In der Knesset verkündete Premierminister Jizchak Rabin den "bedingungslosen Krieg" gegen den Terror: "Wir müssen bei unserer Politik bleiben, nicht mit den Terroristen zu verhandeln. Denn es gibt nur eine Sprache, die sie verstehen - die Sprache des Schwertes." In Damaskus bekannte sich die palästinensische Befreiungsorganisation PLO zu dem Anschlag.
Vier Monate später wurde Jehuda Warschawski eine Tochter geboren. Er nannte sie Schlomit - nach der Frau, die unter dem Karton gestorben war, am 4. Juli 1975.
Am 1. Dezember 2001 regiert in Abu Dis, einem verwinkelten Dorf am Ostrand Jerusalems, Israels Militär, obwohl dort nur Palästinenser leben. Ein wuchtiger Kontrollposten durchtrennt die staubige Straße nach Jerusalem. Das größte Haus am höchsten Punkt besetzt von israelischen Soldaten und mit blau-weißen Fahnen bepflanzt.
Frühestens um 21.35 Uhr, spätestens um 23 Uhr, machen sich Nabil Halabija, 25, ein Bauarbeiter, und Osama Bahar, 24, ein Bankangestellter mit Job in Nazareth, auf den Weg nach West-Jerusalem.
Den frühen Abend haben sie mit ihren Familien verbracht. Osama aß kurz vor fünf mit den Eltern und seinen acht Brüdern und Schwestern, wie immer, in seinem Verhalten keine Spur Fremdheit. In seinem Gesicht, wie immer, gelassene Ruhe, Ernst.
Er ging zurück in sein Zimmer, es liegt im Nachbarhaus zu ebener Erde, ein leerer Raum wie eine Mönchszelle, kein Stuhl, kein Tisch, die Wände gekalkt, nur eine Matratze auf dem Boden. Betete er? Las er? Wann traf er sich mit Nabil, dem besten Freund seit Kindertagen?
Auch Nabil Halabija nahm das Abendessen mit seiner Familie ein, mit der Mutter und den vier Geschwistern. Der Vater starb an Diabetes, als Nabil, der älteste Sohn, 15 war. Er musste damals die Schule verlassen, obwohl er in allen Fächern gut war. Die Familie brauchte einen Geldverdiener, einen Vorstand, jemand, der sich kümmern musste. Nabil arbeitete hart, als Verputzer auf dem Bau. Zuletzt wollte er Fahrlehrer werden. Er lernte schon für die Prüfung. Am Abend des 1. Dezember sagte er nichts über andere Pläne. Und niemand sah etwas Besonderes an ihm.
Sein Onkel trifft ihn in Abu Dis zum letzten Mal um 21.30 Uhr. Irgendwann danach verlässt der Junge das Haus, auch sein Zimmer ist karg. Ein Bett, ein paar Pokale, sie werden an sein Leben als Amateurfußballer erinnern, an einen begabten Mittelfeldspieler, der den Abu Dis Club von der zweiten in die erste Division führte und ins Finale der West Bank Liga.
Nationalspieler wollte Nabil Halabija werden. Nationalspieler für Palästina. Aber dieses Land gibt es offiziell nicht, und daran trägt Israel nach Auffassung aller in Abu Dis die alleinige Schuld. Dafür hassen sie Israel. Weil es Palästina nicht gibt, nicht als Nation und nicht als Nationalmannschaft, die sich mit anderen Ländern messen darf. Und weil Israel das Volk Palästinas verachtet. Und langsam vernichtet.
Osama und Nabil übten sich gemeinsam im Kampfsport. Sie beteten gemeinsam in der Moschee, sie besuchten gemeinsam die Aksa-Moschee in der Altstadt Jerusalems. Gemeinsam litten sie an Israel. Schikaniert an Straßensperren. Gegängelt bei Passkontrollen. Gedemütigt in Abu Dis durch das größte Haus am höchsten Punkt, in dem der Feind sitzt, die Besatzungsmacht. Gemeinsam rächen sich Osama und Nabil in dieser Nacht. Für alle. Für alles.
Es ist spät, die zwei Männer machen sich auf den Weg. Nach allem, was man aus Verhören verhinderter Selbstmordattentäter weiß, treffen sie sich mit Helfern der Hamas, die ihnen das tödliche Gewand anlegen. Sie werden keinen mit Dynamitstangen gepackten Gürtel tragen. Ihnen schnallt man eine Mörsergranate vor den Bauch, bestückt mit Schrauben, Bolzen, Nägeln, einer Portion Rattengift, flüssigem Klebstoff als Brandbeschleuniger, das ganze Paket umwickelt mit breitem Klebeband. Das Kabel des Auslösers führt über den Rücken durch den Jackenärmel zur Hand. Die Apparatur wiegt fast 15 Kilo.
Um halb zwölf Uhr nachts steht einer der beiden vor der Tür von Ringwalds Briefmarkenladen unten auf der Ben-Jehuda, der andere geht im Pulk vor der Eisdiele weiter oben, Ecke Lunzstraße, "Special Ice Cream".
Augenblicke noch, dann werden sie in die Geschichte eingehen. Und Abu Dis wird sie als Helden feiern, als Märtyrer, als große Söhne, jeder ein Schahid. Auch die Fami-lien werden stolz sein. Gerührt. Augenblicke noch, dann geben Osama und Nabil ein neues Zeugnis vom Elend Palästinas. Es ist 23.35 Uhr, es ist der 1. Dezember 2001.
Am 22. Februar 1948, noch ehe Israel gegründet war, zog der Terror in die Ben-Jehuda-Straße ein. Die Geschäftsmeile liegt im Herzen des jüdischen Teils von Jerusalem. Anschläge und Gewalt waren Alltag auch in den letzten Wochen der britischen Mandatszeit, nachdem die Vereinten Nationen die Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat beschlossen hatten. Juden wie Araber kämpften gegeneinander mit Terror. Der jüdische Untergrund hatte mit Attacken aber auch die Briten in Rage gebracht.
In den frühen Morgenstunden des 22. Februar 1948 erschütterte eine gewaltige Explosion die Ben-Jehuda-Straße. Das Hotel Atlantik und drei weitere Gebäude fielen in Schutt und Asche. Desertierte britische Soldaten, mutmaßlich von arabischen Freischärlern angeheuert, waren mit Lastwagen vorgefahren und hatten mehrere Ladungen Dynamit gezündet.
Motti Warschawski, Sohn der Hotelbesitzer, kletterte als Neunjähriger barfuß und zitternd über eine wackelige Holzleiter aus dem zerstörten Haus. Im Kofferladen, den er noch heute am Platz des ehemaligen Hotels auf der Ben-Jehuda-Straße führt, hat er Zeitungsfotos von damals aufbewahrt. Darauf sieht die Straße aus wie nach einem Luftangriff im Krieg. In den Trümmern fand man 52 Tote.
Die Attentäter waren aus den Wagen gesprungen und hatten vor der Explosion das Feuer auf Passanten eröffnet. Dabei töteten sie auch den Geschäftsführer des nur wenige Häuser weiter gelegenen Café Atara, der gerade auf dem Weg zur Arbeit war. Das Atara.
Eine Legende, vom Terror begleitet, 1938 vom deutschen Flüchtling Bernard Grünspan gegründet. In dem Café verkehrten die ambitionierten Schriftsteller, Journalisten, Künstler und Politiker des jungen Israel. Auch Golda Meïr, Mosche Dajan und der Außenminister und spätere Premier Mosche Scharett tranken hier Kaffee. Grünspans Enkel Uri, 57, kann sich nicht mehr an alle Bomben erinnern, die im und um das Café im Lauf der Jahrzehnte entdeckt wurden. Es waren viel zu viele.
Auf der Ben-Jehuda-Straße, 250 Meter lang, man nennt sie Jerusalems Wohnzimmer, suchten und suchen die Terroristen das Herz der Stadt. Die Sprengsätze versteckt in Abfalleimern, in geparkten Autos, Fahrrädern aufmontiert, Motorrollern aufgeschnürt oder einfach auf die Straße gelegt. Mehr als 20 Aktionen. Die meisten Bomben wurden entdeckt und entschärft oder richteten geringen Schaden an.
Die Geschäftsleute haben eine Routine nach dem Terror entwickelt. "Man putzt, fegt die Scherben weg und ruft den Mann von der staatlichen Entschädigung an", sagt Joschko Nachmias, der am unteren Ende der Ben-Jehuda den 1949 eröffneten Damenmoden-Laden "Chic Parisien" betreibt, Hausnummer 2. Er ist deprimiert. Die arabischen Kundinnen, die seine klassische Mode so liebten, bleiben aus. Die Geschäfte liefen noch nie so schlecht. Elieser Ben-David, der Judaika-Händler von gegenüber, nimmt Schlaftabletten gegen die wachsende Unruhe.
Das Café Atara ist erst um-, dann ganz weggezogen. Und Jehuda Warschawski hat den Eisenwarenladen vom Zionsplatz an den Stadtrand verlegt: "In der Ben-Jehuda-Straße", sagt er, "hat der Terror in gewisser Weise gesiegt - er hat der Straße das Rückgrat gebrochen."
Am 1. Dezember 2001 zündet die Bombe um 23.35 Uhr auf der Fußgängerkreuzung Ben-Jehuda- und Lunzstraße und findet, 15 Sekunden später, keine 50 Meter entfernt, vor Ringwalds Briefmarkenladen das Echo einer zweiten. Es gibt einen Blitz, dann bewegt sich die Erde, es macht "Padam", und noch einmal "Padam".
Nägel, Schrauben, Bolzen, die nicht sofort von einem Opfer gebremst werden, schwirren wie Gewehrsalven durch die Nacht. Im weiten Umkreis stürzt alles Glas; die Metallteile, schnell wie Geschosse, schlagen wulstige Risse in die Blechhaut des Café Chagall.
Am oberen Tatort jagen Stücke der Bombe durch die Lunzstraße, vorbei an einer Pizza-Hut-Filiale, vorbei am Jeans-Laden "Now", vorbei an Ben Rohis Elektro-Geschäft, um endlich, jetzt schon 50 Meter von der Explosion entfernt, in die Schaufenster einer Croissanterie zu platzen.
Am unteren Tatort fährt die Druckwelle der Bombe aus der Ben-Jehuda hinaus auf den Zionsplatz, zerschlägt Ladenschilder, Schaufenster und Auslagen, zersplittert im "Chic Parisien" die Schaufensterpuppen und schleudert Menschen, Taschen, Blumenkübel in die Luft.
Menschenstücke schießen über den Boden und verletzen wieder andere Menschen, manche Opfer werden von den Knochen des Attentäters, von seinem Kopf erschlagen oder von den zerbrochenen Gliedmaßen anderer Opfer erstochen.
Für einen langen Augenblick ist es still wie nie zuvor, als wäre die Stadt gestorben. Erst dann beginnt das Schreien und Laufen, das Chaos, dann riecht es nach verbranntem Blut, nach geöffneten Leibern.
Am Tatort dieser Nacht sterben zehn Menschen sofort, einer später, die Opfer sind 14 bis 21 Jahre alt, halbe Kinder. 188 Männer und Frauen, Mädchen und Jungen werden körperlich und seelisch verletzt, am schwersten leiden die, die dem Attentäter kurz vor der Tat ins Gesicht schauen oder von einem seiner Teile getroffen werden. Die Straße ist voller Blut.
Um 23.45 Uhr ist sie auf 200 Meter eine Szenerie des Ausnahmezustands. Blaulicht und Rotlicht, Hupen und Sirenen. Hier kniet Mosche Abergil, 44, aus dem "Drugstore 2000", er drückt einem Mann die Eingeweide in den Bauch zurück, bis endlich die Ambulanzen kommen. Dort liegt Adam Weinstein, 14, im Sterben.
Am Zionsplatz, 40 Meter entfernt, steht Hanan Herschkowitz, 33, und bewacht schockstarr den Rumpf einer Leiche, damit niemand hineintritt. Dikla Schemesch, 19, und Didi Blugrond, 20, laufen herbei, um zu helfen, viele tun das, die Israelis, sagt Mosche Abergil, "laufen nicht davon, sie sind mutig". Aber inmitten des Horrors fährt um 23.55 Uhr eine dritte Explosion in den Himmel, eine dritte Bombe, deponiert in einem Auto, ganz nah, in der Raw Kok, und nun erst macht sich wirklich Panik breit und totale Hysterie. Ist dies etwa ein kleines New York? Folgt hier Schlag auf Schlag? Sind denn überall Bomben?
Die Zwillinge haben sich verloren. Awi Misrachi hinkt mit zerschlagenem Fuß durch die Szene, er findet den Bruder Eran nicht. Er findet die Freunde nicht. Aus einer Ambulanz ruft er die Eltern an. Er sagt: "Eran war nah bei mir. Aber ich habe ihn verloren." Die Familie Misrachi, die Familie Weinstein, viele Familien machen sich auf den Weg, ihre Kinder zu suchen, als der 2. Dezember 2001 anbricht.
An den 4. September 1997 hat Daniela, 18 Jahre alt, keinerlei Erinnerung. Damals starben auf der Ben-Jehuda-Straße 5 Menschen, 181 wurden verletzt, unter ihnen Daniela. Sie weiß nichts davon. Ihre neue Haut ist wie eine Schutzhülle.
Zweimal in der Woche geht sie zur Bewegungstherapie, danach zum Sprechtraining. Dort lernt sie gerade singen. Mittwochs ist Massagetag, mit ätherischen Ölen. Sie sollen ihre neue Haut geschmeidig machen.
Es geht ihr gut. Sie lebt. Sie kann wieder gehen. Sie kann wieder sprechen, auch wenn ihre Stimme noch widerspenstig ist und manchmal den Wörtern, die sie im Kopf schon längst geformt hat, hinterhertrödelt. Seit Oktober besucht Daniela die Jerusalemer Universität und studiert Anglistik. "Ich kann alles schaffen, was ich will", sagt sie.
Vor vier Jahren, als sie nach dem Anschlag auf der Intensivstation des Hadassa-Krankenhauses in Jerusalem lag, schien ihr Kampf chancenlos. Ihr Körper
war zu 60 Prozent verbrannt. Die Ärzte operierten Schrauben aus ihrem Magen, ihre Knie waren zerfetzt. Die Gifte in ihrem Blut ließen sie in einen septischen Schock fallen. Sauerstoffmangel griff ihr Gehirn an, ein Blutgerinnsel bildete sich.
Einen Monat lang lag sie bewusstlos. Wenn ihr Vater am Bett saß, versuchte er, sich an die Locken der Tochter und ihr weiches Gesicht zu erinnern, ohne das Blut, die Wunden, die Schläuche. Er verzweifelte bei dem Versuch, sie mit seinen Worten ins Leben zurückzurufen. Als er keine mehr fand, spielte er Musik: Mozart, Brahms, Bach.
Irgendwann erwachte Daniela, unfähig zu Reaktionen. Die Eltern hielten ihr Bälle hin und Rasseln. "Plötzlich hatten wir wieder ein Baby", schrieb Amnon Birman, der Vater, in sein Krankenhaus-Tagebuch. 17 Kilo hatte Daniela verloren, ein kleines Mädchen.
Nach zweieinhalb Monaten, einem Dutzend Operationen, mehreren Hauttransplantationen, verließ sie die Intensivstation. Drei Monate in einer Rehabilitationsklinik folgten und weitere Operationen. Ihr Bein musste gestreckt werden. Der Rücken, von dem sie Haut fürs Gesicht genommen hatten, heilte gut.
Zu dem Anschlag am 4. September 1997 bekannte sich die Hamas. Gleich drei Selbstmordattentäter hatten sich im Abstand von 20 Metern an jenem Nachmittag auf der Ben-Jehuda-Straße fast zeitgleich in die Luft gesprengt.
Daniela traf es auf dem Weg zur Buchhandlung "Tamir". Zusammen mit ihren Klassenkameradinnen wollte sie dort Bücher fürs neue Schuljahr kaufen. Sie war 14 Jahre alt, als die Druckwelle sie erfasste. Ihre Freundin Smadar, die neben ihr ging, war auf der Stelle tot.
Wenn heute die Nachrichten ein neues Attentat melden, rufen sofort Freunde und Verwandte an und fragen, wie es ihr geht. Das findet sie lästig. Auch ihre Mutter Twia meint, es sei Zeit, nicht mehr ständig die alten Wunden aufzureißen. "Daniela ist glücklich jetzt."
Demnächst wird sie wieder operiert. Die Ärzte wollen eine Vernarbung im Knie öffnen. Aber daran denkt sie nicht. Sie liest viel im Moment, Shakespeare. Sie liest sowieso viel seit dem 4. September 1997.
Die Familie Misrachi teilt sich auf in dieser Nacht vom 1. Dezember 2001, um den verlorenen Zwilling Eran zu finden. Rafi, der Vater, 50, und Sima, die Mutter, 47, jagen im Auto zum Stadtzentrum, können die Absperrungen aber nicht passieren und beginnen die Suche in den Krankenhäusern. Zuerst zum Bikur Chulim, dort überprüfen sie jede Trage, die in der Notaufnahme hereinkommt. Eran? Ist das Eran?
Um ein Uhr fahren sie zum Schaare Zedek, sie fahren zum Hadassa Har Zofim. Sie sehen Faxe in den Krankenhäusern, Listen mit den Namen der Verletzten, auf denen sich ihr Sohn nicht findet. Ist er tot? Um 3.30 Uhr tritt ein Psychologe an die Eltern heran, er sagt, in der Pathologie von Tel Aviv lägen noch drei nicht identifizierte Körper vom Tatort.
Der Vater spürt seine Hände nicht mehr. Er ruft den Schwager an, in Tel Aviv: "Du musst Eran identifizieren." Aber der Sohn ist nicht unter den Toten. Um vier Uhr ruft die Schwester an aus dem Großkrankenhaus Hadassa Ein Karem. Hier, auf der Intensivstation, liegen noch vier Jungs, deren Namen sie nicht kennen. Und, sagt sie zum Vater, Eran hat doch bestimmt sein Telefon dabei: "Ruf die Nummer an."
Der Vater hat an viel gedacht in dieser Nacht, daran nicht. Er steht auf einem Krankenhausflur, ein Telefon in der Hand, er hat Angst. Er tippt die Nummer ein. Er hört ein Freizeichen. Und wirklich, auf der Intensivstation des Hadassa Ein Karem ist ein Klingeln zu hören. Erans Telefon. Auf der Intensivstation. Das Kind lebt.
Zehn Stunden lang wird es operiert, von einem palästinensischen Arzt, geboren in Ramallah. Sieben Kugeln trafen Eran am Kopf, vier im Oberarm, die Beine sind zerfleischt von fünf Einschüssen rechts, sieben links. Sechs Tage lang liegt er im Koma. Am Donnerstag wacht er auf, ruft "Mutter!", sonst nichts, und verstummt aufs Neue.
Er sitzt im Bett wie ein stillgelegter Mensch, ohne Mimik. Über seinem Kopf Luftballons mit Tweety, Bugs Bunny und Pooh, dem Bären. Wenn ihm jemand eine Hand reicht, drückt er an ihr herum. Er ist 16, seit 1. Dezember 2001. Die Familie Misrachi hat wieder ein hilfloses Kleinkind. Auch dazu bekannte sich stolz die Hamas. Und in der Knesset, wie immer, schwor Israel Vergeltung.