Nahost: Das Ende von Klein Frankfurt - DER SPIEGEL
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Nahost Das Ende von Klein Frankfurt

Mit der Zerstörung des internationalen Flughafens von Gaza hat Israels Premier Scharon auch die Spender aus Europa getroffen. Bekommt er jetzt die Quittung?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die gefährlichen Jahre des bewaffneten Kampfes gegen den Erzfeind Israel hat Salman Abu Halib, 52, unversehrt überstanden. Dabei hatte der Oberst in Jassir Arafats Palästinensertruppe seinen Gegnern schon als junger Freischärler mit Kommandoaktionen mächtig zugesetzt. Aufgestiegen zum Piloten bei den arabischen Verbündeten, flog Abu Halib 1973 im Jom-Kippur-Krieg zudem Angriffe auf das, wie es damals hieß, "zionistische Gebilde". Nie bekam er auch nur einen Kratzer ab.

Heute jedoch ist Abu Halib ein von den Israelis tief getroffener Mann. Ausgerechnet in seiner zivilen Funktion als Generaldirektor des Gaza International Airport hat ihm die Armee des so genannten Friedenspartners "direkt ins Herz geschossen".

Mit Panzern und Bulldozern war das israelische Militär Mitte Januar gegen Abu Halibs Flughafen vorgerückt und hatte mit der Zerstörung des Prunkstücks der Autonomie-verwaltung nicht nur unter den Palästinensern massive Proteste ausgelöst. Auch die Europäer empörten sich wortreich wie selten zuvor über die Gewaltstrategie von Premier Ariel Scharon. Jetzt würden sie ihn gern zur Rechenschaft ziehen.

In seinem Vergeltungswahn für die jüngste palästinensische Terrorwelle, der am vorletzten Mittwoch durch ein Handgranatenattentat vier Israelis zum Opfer gefallen waren, hatte sich der General a. D. mit dem Flughafen zugleich an einem Prestigeobjekt der EU vergriffen. Binnen Stunden zerstörte die Armee das Werk mehrjähriger Aufbauhilfe.

Bei 7,6 Millionen Euro allein an deutschen Geldern für das Projekt war Berlins Botschafter in Israel, Rudolf Dreßler, bereits nach ersten Berichten über das Ausmaß der Schäden klar: "Das gibt Zirkus."

Tatsächlich trat nicht nur Freidemokrat Jürgen Möllemann als Rächer aller Steuerzahler auf: Nun sei Schadensersatz oder eine Kürzung der Wirtschaftshilfe an Israel fällig, erklärte der Präsident der Deutsch-Arabischen Gesellschaft.

Auch der sonst gerade gegenüber Jerusalem zurückhaltende Außenminister Joschka Fischer gab an die Adresse Scharons bekannt, ihn ließen "derartige Ereignisse natürlich nicht unberührt" ­ diplomatische Umschreibung für handfesten Ärger. Fischers spanischer Kollege und EU-Ratspräsident Josep Piqué sagte dem Premier in Jerusalem persönlich die Meinung.

Und in New York verurteilte Uno-Generalsekretär Kofi Annan die Verwüstungsorgie, der zuvor im Flüchtlingslager Rafah ganze Häuserzeilen zum Opfer gefallen waren, als "Kollektivstrafe", die gegen die Genfer Konvention verstößt.

Für die internationale Solidarität ist Flughafendirektor Abu Halib durchaus dankbar. Aber wo blieb die Empörung, als Israel den Flughafen bereits Anfang des vergangenen Jahres mehrfach schließen ließ? Nur Dank seines politischen Instinkts konnte Abu Halib immerhin die drei Maschinen der Palestinian Airlines (PA) ­ eine Boeing 727 und zwei alte Focker 50 ­ kurz vor ihrer Beschlagnahme noch ins benachbarte Ägypten schicken.

Hätten vor allem die Europäer schon damals deutliche Worte an die Israelis gerichtet, könnte Abu Halib vielleicht weiterhin in dem neuen Verwaltungsgebäude residieren. Stattdessen hockt er in einem abgewrackten Büro über der kundenfreien PA-Geschäftsstelle und verteilt seine goldgeprägten Visitenkarten mit dem schönen Titel "Generaldirektor".

Dabei war abzusehen, dass Scharon gegen den Flughafen vorgehen würde. Das Großprojekt war stets Herzensanliegen seines verhassten Gegners Arafat. Jeden neuen Meter Rollbahn, erinnert sich Abu Halib, habe der Palästinenserpräsident nach Baubeginn 1995 bei beinahe täglichen Baustellenbesuchen persönlich abgenommen. Als einmal die in drei Tagen verlangten 50 Meter Piste nicht fertig wurden, ließ der Palästinenserführer den zuständigen Direktor kurzerhand verhaften.

Da die Israelis bei allen möglichen Genehmigungsprozeduren bockten, kam es erst im November 1998 zur Eröffnung des insgesamt 250 Millionen Dollar teuren Vorzeige-Unternehmens, das als erster Beleg für die Eigenstaatlichkeit Palästinas gelten sollte. Und zunächst florierte der Flughafen auch.

Nicht nur weil im vorvergangenen Jahr in der Pilger-Zeit bis zu 8000 Mekka-Passagiere pro Woche über Gaza International abgefertigt wurden, spricht Abu Halib stolz von einem "Klein Frankfurt" der Palästinenser. Auch wegen der Ausrüstung, ergänzt der Direktor für Technik und Wartung, Abd al-Hamid Mohammed, sei Gaza International schon "fast ein deutscher Flughafen". Beim Rundgang durch das menschenleere Terminal kommt der Ingenieur, der in Braunschweig studiert hat, mit dem Aufzählen gar nicht nach: "Abfertigung, Akustik, Klimaanlage, Telefonzentrale, Monitore, alles deutsch ­ und inzwischen angestaubt."

Draußen vor dem Rollfeld ist Arafats geliebte Landebahn nur noch ein verwüsteter Streifen aus aufgebrochenem Beton, Sand und den zerhackten Kabeln der Beleuchtungsanlage, dem "Produkt einer Siemens-Tochter", wie Mohammed betont. Auf die große Radaranlage hatten israelische F-16-Kampfflugzeuge schon Mitte Dezember mindestens drei Raketen abgefeuert ­ Vergeltung für einen blutigen Anschlag auf einen israelischen Bus.

Die Höhe des Gesamtschadens am Flughafen schätzen EU-Experten auf neun Millionen Euro; doch Vertreter der Gemeinschaft haben bereits acht weitere Projekte der Palästinenser aufgelistet, die ebenfalls von Scharons Vergeltungsschlägen getroffen wurden ­ vom Zentralbüro für Statistik in Ramallah (300 000 Euro) bis zu Baumschulen in Beit Lahija (718 000 Euro). Vorläufige Schadensbilanz: fast 14 Millionen Euro. Selbst Europa-freundliche Palästinenser glauben, dass die EU damit nur den Preis für ihr langes Schweigen zahle.

Diese Woche will Brüssel über einen förmlichen Protest gegen Scharons harte Linie beraten. Noch Freitag ließ der Hardliner als Vergeltung für den Anschlag auf eine Familienfeier in Hadera die palästinensische Polizeistation in Tulkarem zerstören.

Falls der israelische Premier sich von europäischen Protesten allerdings nicht beeindrucken lässt, könnte sich der Flughafen von Gaza zum Sisyphusprojekt der Gemeinschaft entwickeln. Geld genug für einen Wiederaufbau ist in Brüssel jedenfalls vorhanden. Der Jahresetat für die Palästinenser wurde seit September 2000 deutlich angehoben: auf satte 200 Millionen Euro.

DIETER BEDNARZ