SPIEGEL-Titel: Rückwärts krebsen, um voranzukommen - DER SPIEGEL
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SPIEGEL-Titel Rückwärts krebsen, um voranzukommen

Rudolf Augstein über das neue Buch von Günter Grass
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Günter Grass hat einen Überraschungscoup gelandet. Er ist mit einem Buch niedergekommen, wie es wohl nur wenige von ihm erwartet haben. Er führt uns die wohl schwerste Schiffskatastrophe aller Zeiten vor Augen, den Untergang der "Wilhelm Gustloff" am 30. Januar 1945 in der Ostsee nordwestlich von Danzig.

Damals sind etwa 9000 Menschen ums Leben gekommen, teils, weil sie im eiskalten Wasser ertranken, teils auch, weil sie im Bauch des "Kraft durch Freude"-Dampfers eingeschlossen waren und mit ihm untergingen.

Wer ihren Kollektivschrei gehört hat, wird dieses Erlebnis wohl bis zu seinem Tode nicht vergessen.

Insgesamt sind über 33 000 Menschen auf dem Seeweg nach Westen in der Ostsee umgekommen.

Man könnte sich fragen, warum sie nicht auf dem Landweg vor der Roten Armee flüchteten. Wer, wie ich, die Zerstörung in Russland gesehen hat, die Hitlers Armeen angerichtet haben, der wird da nicht lange rätseln.

Die Flüchtlinge waren nicht See-erfahren. Dass U-Boote Torpedos auf die Schiffe abfeuern konnten, mögen sie verdrängt haben. Im Fall der "Wilhelm Gustloff" waren es drei, abgefeuert von einem dieser Tauchboote.

Bei Grass lesen wir von dem Schicksal des sowjetischen U-Boot-Kommandanten, der später im Gulag landete. Wir erfahren alles, was zu diesem Schauerstück des Krieges zu erfahren nötig ist.

Soll man sich wundern, dass Grass das gerade für ihn nahe liegende Thema erst jetzt aufgegriffen hat? Nicht unbedingt. Mehr Stoff bot der Ozeanriese "Titanic", der 1912, in Friedenszeiten, einen Eisberg rammte. Schließlich war der in Klassen aufgeteilte und mit viel Geld erbaute Luxusliner mit internationaler High Society besetzt und kostete "nur" 1500 Menschen das Leben. Einzelschicksale wurden hier fort- und fortgesponnen, auch während des Hitler-Krieges. Mehr Film- und Romanstoff jedenfalls als die torpedierte "Wilhelm Gustloff", auf der die deutschen Flüchtlinge den sowjetischen Truppen zu entkommen hofften.

Grass webt ein dichtes Netz der handelnden und behandelten Personen. Als geübter Erzähler fängt er mit dem schwächsten Punkt an, dem Namensgeber des Schiffs, Wilhelm Gustloff.

Er war nicht zufällig ausgewählt. Wilhelm Gustloff hatte sich 1932 zum Landesgruppenleiter der Auslandsorganisation der NSDAP emporgearbeitet, sein Wirkungsbereich war die Schweiz. Dort wurde er von dem knochenkranken Medizinstudenten David Frankfurter am 4. Februar 1936 erschossen. Frankfurter wurde nicht nach Deutschland ausgeliefert, weil ihm dort die Todesstrafe sicher war.

Die Verhandlung vor einem Schweizer Gericht in Chur dauerte vier Tage, und auch das war schon zu viel. Der schmächtige Angeklagte bekannte sich zu dem Attentat im Stil Cäsars: "Veni, vidi, vici". Er habe fünf Schüsse abgegeben, einer aber sei danebengegangen. Urteil: 18 Jahre Zuchthaus. Die Ärzte versicherten dem Delinquenten ohne Ironie, dass das Zuchthausleben für ihn gesünder sei. Das war Frankfurters Part, so konnte Wilhelm Gustloff als "Blutzeuge" kanonisiert werden.

Gustloffs Leiche wurde aus der Schweiz in seinen Geburtsort Schwerin transportiert, bestattet und der Blutzeuge mit einem Denkmal beehrt.

Ein Jahr später, 1937, wurde das KdF-Schiff auf seinen Namen getauft.

Es gehörte zu der großen Flotte, die Robert Ley als Leiter der Deutschen Arbeitsfront hatte chartern und bauen lassen (Hitler über Ley: "Der größte Idealist in der deutschen Arbeiterschaft").

Die Schiffe symbolisierten die nationalsozialistische Idee einer klassenlosen Gesellschaft und waren gerade deswegen beliebt. Dass auch durch diese "Kraft durch Freude"-Reisen den Leuten das Geld aus der Tasche gezogen werden sollte, wurde nicht wahrgenommen.

Die Größe der "Wilhelm Gustloff" führt man sich am besten vor Augen, wenn man bedenkt, dass es zeitweise auch als Lazarettschiff mit 500 Betten genutzt werden konnte.

Die Idee, ein Schiff "Adolf Hitler" zu nennen, wurde schnell verworfen ­ wegen der unschönen Symbolik, sollte es untergehen.

Grass kümmert sich um das Schicksal aller von ihm einbezogenen Figuren. So erfahren wir, dass der Student Frankfurter nach Kriegsende begnadigt wurde, in der Haft kuriert von seiner Knochenerkrankung.

Weiter erfahren wir, dass auch in England lebende Deutsche und Österreicher aus Anlass des Einmarsches deutscher Truppen in Österreich 1938 auf der "Wilhelm Gustloff" dem "Führer" ihre Stimme geben konnten. Als der Feriendampfer sich außerhalb der Drei-Meilen-Zone befand, wurden Wahlkabinen aufgestellt, aber die erwarteten 99 Prozent Ja-Stimmen wurden selbstverständlich erreicht.

In ganz Deutschland und Österreich wurde entsprechend abgestimmt; der spätere Bundespräsident Theodor Heuss beteiligte sich mit einem Dreispalter in Wien.

Bei der Taufe der "Wilhelm Gustloff" warf die Witwe des Namensgebers die obligate Sektflasche. Dem anwesenden "Führer" konnte die Dame nicht fremd sein, in der Kampfzeit der Partei war sie seine Sekretärin gewesen.

Alles das lässt Grass einen Erzähler beschreiben, Sohn einer Tischlerin namens Tulla Pokriefke.

Sie hielt nicht viel von ihrem Sohn, der 1945 die Torpedierung im Bauche seiner Mutter miterlebt hat, er wohl auch nicht von sich. Aus ihm werde wohl nichts mehr, sagt er der Mutter ironisch, aber er entwickle sich immerhin ­ zum Kettenraucher.

Grass nennt sein neues Buch eine Novelle, und das kann er. Novelle kommt aus dem Italienischen und heißt "kleine Neuigkeit", was ein großes Thema ja nicht ausschließt.

Grass hat kein "Werkchen" verfasst wie etwa "Das Treffen in Telgte", sondern ein veritables Werk. Er hat es nicht nötig, dem Zeitgeist zu huldigen, aber der Zeitgeist kommt ihm entgegen. Es ist wieder angebracht, der Toten unter den 12,5 Millionen Vertriebenen zu gedenken, die auf ihrer Flucht nach Westen zu Grunde gingen.

Was Günter Grass mit dem Titel seines Buches "Im Krebsgang" bezweckt, muss man erahnen.

Der Erzähler erklärt es uns einmal wörtlich so: Rückwärts krebsen, um voranzukommen!