Nahost "Es geht um mein Volk"
Immer abends gegen zehn Uhr bittet der Alte seine Getreuen zu Tisch. Die Treppen und Flure aus dem Bürotrakt hinunter in den fensterlosen Speisesaal sind schlecht beleuchtet und nicht ohne Tücken. Jassir Arafat, der die abendliche Prozession meistens selbst anführt, kennt den Weg, doch mancher palästinensische Würdenträger ist schon ins Stolpern geraten auf den behelfsmäßig betonierten Korridoren des Präsidentensitzes in Ramallah.
Zartes Hähnchenfleisch und gedünstetes Gemüse isst Arafat gern leichte Kost, denn das seit zwei Monaten ritualisierte Abendessen ist der Auftakt zum Arbeitstag eines notorischen Nachtmenschen. Verlegen stochert eine täglich wechselnde Zahl von Vertrauten, die es durch die Absperrungen der israelischen Armee bis an die Tafelrunde geschafft haben, auf ihren Tellern herum. Das Gespräch kommt oft nur schleppend in Gang, die Stimmung ist gedrückt im Bunker.
Seit Anfang Dezember hat der Palästinenser-Führer sein belagertes Hauptquartier 15 Kilometer nördlich von Jerusalem nicht mehr verlassen. Der Tremor an Händen, Beinen und Lippen hat nachgelassen, doch Arafats Teint ist noch fahler geworden. "Es geht nicht um mich", schiebt der 72-Jährige jede Frage nach seinem Wohlbefinden ins Zeitlos-Politische, "es geht um mein Volk."
In Wirklichkeit steht wie selten zuvor in Arafats Karriere sein persönliches Schicksal auf dem Spiel. Er bedauere, brach Israels Ministerpräsident Ariel Scharon vergangene Woche das letzte Tabu, den Palästinenser-Chef nicht schon 1982 bei der Invasion des Libanon "liquidiert" zu haben. EU-Ratspräsident Josep Piqué wies die Entgleisung unter Vorbehalten zurück. In Israel hielt sich die Empörung in Grenzen dass Scharon damals wegen der Massaker in den Flüchtlingslagern von Sabra und Schatila in den Ruch des "Schlächters" gekommen war und als Verteidigungsminister zurücktreten musste, schien nicht mehr zu zählen.
Washington, auf dessen mäßigenden Einfluss Arafat anfangs noch gehofft haben mochte, rührt keinen Finger und droht inzwischen offen mit dem Abbruch der Beziehungen; sein alter Verhandlungspartner Bill Clinton griff nicht einmal zum Telefon, als er kürzlich in Kairo und Jerusalem zu Besuch war.
Die schwedische Außenministerin Anna Lindh, die Amerikas Nahost-Politik am vorigen Montag als "gefährlich, dumm und verrückt" verurteilte, erntete zwar Anerkennung für ihren Mut so recht anschließen mochte sich ihrer Wortwahl jedoch keiner. Manche Europäer scheinen angesichts der israelischen Militärschläge mehr um ihre Investitionen in Palästina besorgt zu sein als um Arafats Überleben.
Am meisten freilich muss Arafat die Zurückhaltung seiner engsten Verbündeten beunruhigen: Während die israelische Luftwaffe den Flughafen von Gaza, das Amt für Statistik und schließlich auch noch das Funkhaus in Ramallah demolierte, drechselten die Führer der arabischen Welt wochenlang an rhetorischen Solidaritätsadressen, mieden aber den persönlichen Kontakt. In Amman und Rabat wurden sogar Demonstrationen für den bedrängten Palästinenser-Chef verboten.
Wird Arafat, sieben Jahre nach der Auszeichnung mit dem Friedensnobelpreis, erneut zum Paria der internationalen Politik? Sind die arabischen Regime, von Washington unter Druck gesetzt, bereits auf der Suche nach einem Nachfolger im Präsidenten-Compound von Gaza-Stadt?
Nicht weniger als die Israelis spekulieren derzeit die arabischen Medien über Arafats Zukunft. Aus einer Bemerkung des US-Außenministers Colin Powell an seinen Athener Kollegen George Papandreou las die panarabische Tageszeitung "al-Hajat" gleich akute Deportationspläne heraus.
Powell soll den Griechen um politische Vermittlung gebeten haben ein höchst ungewöhnlicher Schritt, der Zeitgenossen an den Spätsommer 1982 erinnerte: Auch damals war das traditionell palästinenserfreundliche Griechenland Arafats erste Fluchtstation, nachdem ihn die Amerikaner aus der israelischen Belagerung im Libanon befreit hatten.
Dass, wie die Tel Aviver Zeitung "Jediot Acharonot" berichtete, Arafat selbst das Exil erwäge und bereits Geld für einen geruhsamen Lebensabend in seiner Pariser Wohnung sammle, glaubt freilich keiner, der den obstinaten Rebellenführer persönlich kennt.
Auch die Diskussion um Arafats mögliche Nachfolger ist nach den spekulativen Höhen der letzten Wochen wieder auf den Boden der politischen Realitäten des Nahen Ostens zurückgekehrt. Als aussichtsreichster Kandidat gilt nach wie vor Arafats Chefdiplomat Mahmud Abbas, der nicht nur in Ägypten und Jordanien wohlgelitten ist, sondern sogar in Syrien, das Arafat seinen Alleingang von Oslo bis heute nicht verziehen hat.
Weder Dschibril Radschub, der vom Soldaten Scharon als Kämpfernatur gewürdigte Sicherheitschef im Westjordanland, noch Mohammed Dahlan, sein Pendant im Gaza-Streifen, wagen sich vor. Die israelische Regierung, der heimliche Absprachen mit den beiden Kandidaten nachgesagt werden, hält sich bedeckt: Wenn man darüber spräche, so Finanzminister Silwan Schalom, der selbst als Nachfolger Scharons im Gespräch ist, wäre das Leben dieser möglichen alternativen Verhandlungspartner gefährdet.
Profiteur der fruchtlosen Nachfolgediskussion dürfte ausgerechnet Arafat sein, der genau hier seine wohl letzte Chance wittert. Mag er sich auch von aller Welt verraten und verkauft fühlen in einer Volksabstimmung, so sein Kalkül, würde dennoch die überwältigende Mehrheit der Palästinenser für ihn stimmen.
Mit dem Plan eines plebiszitären Befreiungsschlags kam auch der ägyptische Präsident Husni Mubarak vergangene Woche von einem Staatsbesuch in China zurück. Fragen wie "Wollt ihr, dass ich euer Präsident bleibe?" und "Seid ihr bereit, mit den Israelis friedlich zusammenzuleben, wie im Oslo-Abkommen vorgesehen?" solle man dem Volk stellen. Selbst Kritiker des Palästinenser-Chefs sagen ihm eine Zustimmungsrate von bis zu 80 Prozent voraus.
Auch Mubarak, Arafats wichtigster Verbündeter unter den arabischen Führern, war in den vergangenen Wochen auf Distanz gegangen. Er nahm Arafat dessen Lavieren in der Affäre um das von der israelischen Marine im Roten Meer aufgebrachte Waffenschiff "Karine A" übel, das
sogar Ägypten in den Strudel der Verdächtigungen hineinzuziehen drohte.
Nun verlangt Kairo die Festnahme und Verurteilung weiterer "Schuldiger", sollte die israelische Version eines Waffendeals zwischen PLO und Iran auch nur annähernd stimmen.
Mubarak könnte Grund zur Sorge haben: Am vergangenen Donnerstag wurde bekannt, dass das Pentagon das US-Kontingent der internationalen Friedenstruppe, die seit zwei Jahrzehnten die israelischägyptische Staatsgrenze auf dem Sinai sichert, von mehr als 800 auf 26 Soldaten verringern will. Der Abzug der Amerikaner wird in Kairo als indirekte Drohung mit israelischen Panzern verstanden.
Um die Spannung zu entschärfen und von Uno-Generalsekretär Kofi Annans Unterstützung für Arafat ermutigt, schnürte Mubarak erst mal ein Rettungspaket für den bedrängten Arafat, das er dem nach Ägypten geeilten israelischen Verteidigungsminister Benjamin Ben-Elieser vorlegte.
Arafat soll den Intifada-Führer Marwan Barghuti kaltstellen, weitere Fatah-Extremisten und Rädelsführer von Hamas und Islamischem Dschihad verhaften lassen und in öffentlichen Erklärungen zur Wiederaufnahme von Friedensgesprächen nur mehr vom Rückkehrrecht in "zahlenmäßig stark begrenzten und dringenden Fällen von Familienzusammenführung" sprechen. Im Gegenzug soll Israel Arafat aus dessen Hausarrest freilassen.
Mubarak plagt dasselbe Dilemma wie die Israelis: Der Ärger über den ewig zögernden und taktierenden Arafat ist groß. Und die Vision eines neuen Anfangs mit einem neuen Palästinenser-Chef hätte nicht nur für Israel und die USA, sondern auch für manchen arabischen Führer etwas Erfrischendes.
Doch umgekehrt hat Arafats Popularität unter dem Druck der vergangenen Wochen eher zu- als abgenommen. Der Volkszorn und die wütenden Anklagen gegen das "obszöne Schweigen" ("al-Hajat") der arabischen Regime sind nur mehr schwer unter Kontrolle zu halten.
Mit Arafats gewaltsamer Ablösung ginge vermutlich nicht nur eine der unwahrscheinlichsten Karrieren der Weltpolitik zu Ende auch eine Reihe wackliger Nahost-Regime wäre in Gefahr.
In Jordanien, einem Land mit palästinensischer Bevölkerungsmehrheit, hat König Abdullah auch nach drei Jahren im Amt seine Herrschaft noch nicht gefestigt; in Syrien lauert hinter dem Reformer-Präsidenten Baschar al-Assad die alte Garde darauf, sich an die Macht zurückzuputschen. Und in Saudi-Arabien, so die jüngsten Erkenntnisse saudischer und amerikanischer Geheimdienste, unterstützen 95 Prozent aller 25- bis 41-Jährigen die radikalislamischen Thesen des Terroristenchefs Osama Bin Laden. Gleichzeitig gibt es Gerüchte, wonach sogar Mitglieder des saudischen Königshauses hinter dem Waffendeal mit der "Karine A" stecken: Zehn Millionen Dollar sollen die Saudis für Granatwerfer und Raketen bezahlt haben, 1 400 000 Dollar für Miete, Heuer und Treibstoff des Frachters.
Neue Anhänger dürften umgekehrt jene beiden Regime finden, die bedingungslos zu den Palästinensern halten: Iran, das die Waffen geschickt haben soll, und der Irak, dem Arafat sogar im Golfkrieg die Treue hielt. Dass damit ausgerechnet zwei Staaten belohnt würden, die US-Präsident Bush vergangene Woche gemeinsam mit Nordkorea zur weltbedrohenden "Achse des Bösen" erklärte, könnte Arafat paradoxerweise zugute kommen.
"Arafat hat viele Fehler gemacht, doch er ist ein gewiefter Diplomat", sagt der ägyptische Publizist Adil Hammuda, ein ausgewiesener Kritiker des Palästinenser-Chefs. Während Muslime zum Abschluss ihrer Pilgerfahrt in Mekka stets sieben Steine werfen, um symbolisch den Teufel auszutreiben, sei Arafat einer, der immer zwei Steine zurückhält. "Wer weiß vielleicht kann er sie später noch brauchen."
VOLKHARD WINDFUHR, BERNHARD ZAND