Fernsehen "Reinigendes Gewitter"
SPIEGEL:
Herr Hofmann, mit wie viel Geld steht Kirchs insolventes Imperium bei Ihnen in der Kreide?
Hofmann: Unsere Firma Teamworx ist doppelt betroffen: KirchMedia kümmert sich um den Weltvertrieb fast aller von uns produzierten Filme - allein "Der Tunnel" wurde in 30 Länder verkauft. Hier rechnen wir gemeinsam mit KirchMedia mit Erlösen von etwa einer Million Euro. Und wir sind im positiven Sinne abhängig von Sat.1, weil wir in letzter Zeit mit großer Lust für diesen Kirch-Sender gedreht haben, neben dem "Tunnel" etwa den Film über die Oetker-Entführung, "Der Tanz mit dem Teufel".
SPIEGEL: Teamworx gehört zu 76 Prozent der Bertelsmann-Tochter Ufa. Reißt die Kirch-Pleite jetzt die halbe TV-Branche mit in den Abgrund?
Hofmann: Das Absurde ist, dass wir so tun, als wäre nichts passiert. Erst letzte Woche haben wir einen Vorvertrag mit Sat.1 unterschrieben für einen neuen Zweiteiler mit Veronica Ferres, Arbeitstitel "Für immer verloren".
SPIEGEL: Wie passend. Haben Sie wenigstens auf Vorkasse bestanden?
Hofmann: Nein, aber natürlich wünschen sich alle Produzenten, dass sich die Lage bei Kirch schnell klärt. Wir brauchen Verlässlichkeit. Sat.1 hat bisher immer pünktlich gezahlt, und ich rechne fest damit, dass auch die KirchMedia ihren Verpflichtungen nachkommt.
SPIEGEL: Sind die guten Zeiten für TV-Produzenten jetzt vorbei?
Hofmann: Die goldenen Zeiten für Produzenten sind seit 20 Jahren vorbei. Aber wegen der Einbrüche am Werbemarkt nach dem 11. September spüren wir immer stärker den Wunsch nach billig produziertem Programm: Quizshows, Talkshows, schlichte Serien. Am liebsten hätten die Sender zum Minutenpreis der fabrikmäßig hergestellten Soaps die Qualität eines Grimme-Preis-Anwärters. Das geht natürlich nicht.
SPIEGEL: Aber auch die Etats für Fernsehfilme werden gekürzt?
Hofmann: Oder sie bleiben gleich, bei ständig steigenden Kosten. Beim NDR etwa darf ein normaler Fernsehfilm maximal 1,2 Millionen Euro kosten. Dabei steigen vor allem die Schauspielergagen permanent. Einige Darsteller verdienen inzwischen eine halbe Million Euro für einen Zweiteiler. Das sind amerikanische Verhältnisse ...
SPIEGEL: ... oder Gagen wie in der Fußball-Bundesliga.
Hofmann: Hören Sie mir auf mit Fußball! Alles wird dem Fußball unterworfen. Dabei hat jedes zweite Spiel weniger TV-Zuschauer als ein normaler Fernsehfilm. Trotzdem werden ständig Sendeplätze für den Fußball freigeschaufelt. Allein unser Melodram "Bobby" wurde viermal deswegen verschoben und lief am Ende doch parallel zu einem Bayern-Spiel.
SPIEGEL: Der Verband der Deutschen TV-Produzenten klagt, in diesem Jahr würden für alle Sender zusammen nur noch zweihundert 90-minütige Fernsehfilme gedreht, ein Drittel weniger als im letzten Jahr. Ist das wirklich so schlimm? Anders gefragt: Gibt es wenigstens 200 gute Drehbücher?
Hofmann: Schön wär's. Man muss rigoros unterscheiden zwischen den Filmen, die nur gedreht werden, um größtmögliche Quoten zu erreichen, und den qualitativ außergewöhnlichen Filmen, die man aus Interesse am Stoff oder am Künstler entwickelt. Alles, was dazwischen liegt, wird von den Sendern in Zukunft nicht mehr produziert - also ganz normale Fernsehfilme, die weder künstlerisch noch von den Quoten her spannende Ergebnisse versprechen, aber natürlich trotzdem Geld kosten. Ein Verlust ist das allerdings nicht, eher ein reinigendes Gewitter.