Ausstellungen Nackte Wahrheit
Menschen, so hat er gesagt, mag er am liebsten, wenn sie "wie Tiere" sind: nackt, unverstellt und ganz sie selbst.
Immer wieder ist es Lucian Freud, 79, gelungen, solche animalischen Zeitgenossen in sein Atelier zu locken, sie mit langen Gesprächen und gutem Essen nächtelang bei Laune zu halten, um sie auf seinen Bildern unnachahmlich lebenswahr festzuhalten.
Und wegen seiner einzigartigen Kunst der Körperlichkeit halten viele den Enkel von Sigmund Freud für den bedeutendsten gegenständlichen Maler der Gegenwart. Aber nur wenige seiner Modelle von Aristokraten (angezogen) bis zu seinen Töchtern (nackt) konnten den Maler zusätzlich durch das faszinieren, was ihn am meisten reizt: "extreme Körper".
So malte er die übergewichtige Sachbearbeiterin im britischen Sozialministerium, Sue Tilley, in der Kunstgeschichte längst als "Big Sue" ein Begriff, in all ihrer überbordenden Fleischlichkeit in einem Sessel schlummernd. Massige Brüste, unförmige Schenkel und ein Bauch, der wie ein eigener Körper-Kontinent die Bildmitte beherrscht.
Aber Lucian Freud, der in Berlin geboren wurde, seit der Emigration 1933 in Großbritannien lebt und seit 1939 die britische Staatsbürgerschaft hat, ist ein diskreter Voyeur. Er male, hat er in einem seiner raren Statements über sich selbst gesagt, um "Wahrheit zu erzählen".
"Big Sue" oder der ebenfalls oft porträtierte übergewichtige Performance-Künstler Leigh Bowery, der als Transvestit auftrat, sind bei ihm keine Attraktionen einer Monstrositätenschau, sondern eine schlafende Frau oder ein exhibitionistischer Mann, die beide zufällig einen Körper haben, der den Maler herausfordert.
Die übergroßen Aktporträts von Tilley und Bowery sind die spektakulären Stücke einer umfassenden Retrospektive, mit der das Londoner Museum Tate Britain Lucian Freud im Jahr seines 80. Geburtstags ehrt (bis 22. September).
Die Schau zeigt Arbeiten aus gut 60 Jahren. Ein an Cézanne erinnerndes Stillleben, "Apfelkiste in Wales" von 1939, eröffnet die Ausstellung, ein schonungsloses Selbstporträt aus dem Frühjahr dieses Jahres beschließt sie. Dazwischen liegt die Dokumentation einer Künstlerbiografie, die auf der Leinwand und im Leben außergewöhnlich verlaufen ist.
Ohne sich um die jeweiligen Trends der Moderne zu scheren, fand Freud schon ziemlich früh, nach sanften Anklängen an die Neue Sachlichkeit, seinen Stil und seine Sujets.
Die Schau dokumentiert dennoch auch Beispiele für frühe, sogar mit dem Repertoire des Surrealismus spielende Bilder wie das ungewöhnlich bunte Interieur "The Painter's Room" von 1943/44, das von einem überdimensionalen Kopf eines gelbroten Zebras beherrscht wird. Doch der Kurator der Ausstellung, William Feaver, beteuert, das habe nun weniger mit phantastischen Visionen à la Dalí oder de Chirico zu tun, sondern mal wieder nur mit der Wirklichkeit.
Damals habe der Künstler einen solchen Tierkopf besessen und ihn einfach in sein Bild aufgenommen.
Beherrschend in der chronologisch gehängten Rückschau ist natürlich Freuds Spezialität: die Porträts, die die Dargestellten, ob nackt oder nicht, ob Baby oder Greis, als leidende, in Würde vegetierende Wesen präsentieren.
Ein Menschenbild, das Freud selbst auch in seinem Staatsoberhaupt entdeckt: Die Queen ließ er mit Diadem auf dem Kopf zu den Sitzungen antreten und malte sie als alternde stoische Frau, deren Gemütsverfassung zwischen nobler Verbitterung und mildem Trotz changiert. Die Königin hat das für ein Staatsporträt provozierend kleinformatige Bild (23,5 cm x 15,2 cm) für die Schau nicht ausgeliehen. Sie zeigt es derzeit in ihrer eigenen Queen's Gallery am Buckingham Palace.
Während sein Großvater Sigmund mit der Psychoanalyse die Verwerfungen der Seele freilegte, die inneren Konflikte in Sprache fasste und nach außen stülpte, geht der Enkel Lucian den umgekehrten Weg und nähert sich von der bloßen Darstellung der Oberfläche her einer verborgenen inneren Wahrheit.
Und die liegt bei ihm manchmal buchstäblich auf der Hand. Kein Maler der Gegenwart hat etwa die Haut so gemalt wie Lucian Freud als das größte Organ des Menschen. Schattierungen, Adern, Blau- und Rottöne gewinnen bei ihm eine sprechende, reliefartige Plastizität. Je gröber im Lauf der Jahre die Pinselstriche werden, desto überzeugender gerät ihm der Effekt. Professionelle Modelle lehnt der Künstler ab. Sie seien ihm zu "abgebrüht" und hätten sich bei ihrem Job längst "eine zweite Haut" zugelegt, weil sie "zu oft angeschaut" worden seien.
Unverbrauchte Modelle fand Freud immer wieder in seiner Familie. Zwei Ehen hat er hinter sich, beide Damen hat er ausgiebig und unbestechlich ehrlich gemalt und auch den bisweilen desaströsen Zustand der Ehe auf seinen Bildern festgehalten.
Freuds berühmte Töchter Bella (Modedesignerin) und Esther (Schriftstellerin) posierten für ihn, auch manche seiner zahlreichen Liebhaberinnen. Seine derzeitige Gefährtin, die Journalistin Emily Bearn, 27, ist ebenfalls auf einigen Bildern präsent.
Aber immer wieder taucht in der Tate ein Modell auf, das ihn beschäftigte wie kein zweites: seine Mutter Lucie, nach der er seinen Vornamen bekam.
Als 1970 sein Vater Ernst Freud, ein Architekt und jüngster Sohn Sigmunds, starb, verfiel die Mutter in eine tiefe Depression. Der Sohn kümmerte sich um sie, indem er sie porträtierte: lesend, ruhend, verlöschend und 1989 als intime Abschiedszeremonie auf dem Totenbett. Diese Kohlestiftzeichnung zeigt einen eingefallenen Kopf mit großen, geschlossenen Augenhöhlen und wirrem Haar. Auch der Tod ist für Freud kein Anlass zur Verklärung.
12 der insgesamt 156 Arbeiten in London stammen aus den vergangenen zwei Jahren. Eine 13. soll, wenn alles gut geht, noch irgendwann bis zum Ende der Retrospektive dazukommen.
Denn derzeit sitzt dem Meister eine junge Britin Modell, die als Mannequin berühmt wurde: die Magerkeitsikone Kate Moss. Und nun rätseln die Kunst-Freudianer wieder: Wird der Meister die Muse wohl nackt oder angezogen vorführen?
JOACHIM KRONSBEIN