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SPIEGEL:
Herr Schlingensief, warum haben Sie in Duisburg zum Mord an dem Politiker Jürgen W. Möllemann aufgerufen?
Schlingensief: Es ist absolut lächerlich zu behaupten, ich hätte zum Mord aufgerufen. "Tötet Möllemann" ist die künstlerische Reaktion auf eine politische Aussage. Und diese kommt von Möllemann selbst. Ich interpretiere das, was Möllemann sagt, wenn er Michel Friedman als gehässigen Juden darstellt. Möllemann ist kein Antisemit. Es ist viel schlimmer: Er ist ein Opportunist.
SPIEGEL: Als Künstler darf man sagen, was man will?
Schlingensief: Ich formuliere Aussagen, die ich Kunstfiguren im Kunstraum des Theaters in den Mund lege. Die Kunstfigur darf sagen, was sie will. Dem Theater wird nun vorgeworfen, es sei zu authentisch. Wo bleibt der Vorwurf an die Politik, sie sei zu inszeniert? Möllemann darf diffamieren, und es wird ihm als politischer Standpunkt abgenommen. Das, was er sagt und wie er handelt, wird jedoch kaum als Inszenierung wahrgenommen. Das macht ihn so gefährlich.
SPIEGEL: Jetzt versuchen Sie es mit Argumenten im Theater tun Sie das nicht. Da könnte jemand Ihren Satz durchaus wörtlich nehmen.
Schlingensief: Soll ich jedes Mal meine künstlerische Vita und meine Auffassung erklären, bevor der Vorhang aufgeht? Theater ist ein Ort der Auseinandersetzung, und es darf handgreiflich sein.
SPIEGEL: Möllemann droht Ihnen ein Strafverfahren an, beeindruckt Sie das?
Schlingensief: Möllemann will beeindrucken, indem er sich abwechselnd als tabubrechender Märtyrer und als Opfer darstellt. Die Dreistigkeit seiner Inszenierung ist schlichtweg peinlich. Sollte es tatsächlich zu einem Strafverfahren kommen, dann freue ich mich auf die Auseinandersetzung.
SPIEGEL: Warum sind Sie vom Tod so fasziniert?
Schlingensief: Weil ich diese Metaphorik genauso liebe wie das Leben.