Seuchen Mobilmachung im Labor
er Horror hat eine Adresse: Clifton Road in der Olympiastadt Atlanta, Hausnummer 1600. Hier steht eine Tiefkühltruhe, und darin, im Flüssigstickstoff, ruht etwas, was einen großen Teil der Menschheit auszulöschen vermag.
Jahrzehntelang stand die Tiefkühltruhe wohlbewacht und fest verschlossen im Gebäude. Doch nun greifen Wissenschaftler bei Amerikas Seuchenpolizei Centers for Disease Control and Prevention (CDC) tief hinein in die Pandorabüchse sie arbeiten mit dem bedrohlichsten aller Krankheitserreger: den echten, lebenden Pockenviren.
Die Viren sind die letzten ihrer Art. Pockenforschung war lange aus der Mode gekommen. Die Seuche, an der allein im 20. Jahrhundert mehr als 500 Millionen Menschen starben, wurde dank weltweiter Massenimpfungen als bisher einzige ausgerottet. Der letzte natürliche Fall hatte sich im Oktober 1977 in Somalia ereignet.
Heute gibt es offiziell nur noch zwei tiefgekühlte Bestände von Pockenviren auf Erden: 461 Isolate bei den CDC in Atlanta und 161 Isolate am Vektor-Institut in Nowosibirsk, Russland. Eigentlich sollten auch sie nach einem Beschluss der Weltgesundheitsorganisation WHO Ende dieses Jahres zerstört werden.
Eigentlich. Denn die Vernichtung ist bis auf weiteres ausgesetzt. US-Präsident George W. Bush weigert sich, die Pocken auszulöschen. Die Amerikaner fürchten, dass Terroristen oder Staaten wie der Irak oder Nordkorea heimlich Viren-Arsenale angelegt haben etwa aus Überbleibseln der ehemals riesigen sowjetischen Biowaffenproduktion.
Pockenalarm in Amerika: Zwar gilt ein Angriff als nicht wahrscheinlich. Aber die Folgen einer großflächigen Attacke mit den Blattern, wie die Seuche einst hieß, wären geradezu infernalisch. Im Bewusstsein ihrer Verwundbarkeit haben sich die Amerikaner deshalb für die Vorwärtsverteidigung entschieden: In wenigen Wochen werden Massenimpfungen beginnen. Behörden und Krankenhäuser entwerfen bereits Katastrophenpläne bis hin zur Zwangsquarantäne für ganze Städte.
Präsident Bush hat mehr als fünf Milliarden Dollar freigegeben, um das Land pockenfest zu machen. Krankenhäuser müssen Isolationsräume für hochgradig ansteckende Kranke bereithalten. Neue Hochsicherheitslabore werden gebaut, millionenschwere Forschungsaufträge für neue Impfstoffe und Medikamente vergeben.
Sicher ist, dass moderne Gesellschaften extrem anfällig für die Wiederkehr der Pocken sind. Früher wurden alle Kinder gleich nach der Geburt geimpft. In den USA wurde die Impfpflicht 1972 aufgehoben, in Deutschland 1976. Die Jüngeren verfügen über keinen Immunschutz, der der Älteren ist schwach. Die Blattern würden sich daher unaufhaltsam wie die Grippe in der Bevölkerung ausbreiten getreu dem alten Doktorenspruch: "An der Liebe und den Pocken kommt keiner vorbei."
Für jeden dritten Infizierten, so steht es in den Lehrbüchern, endet die Seuche tödlich, viele der Überlebenden bleiben entstellt oder blind. Ein Ausbruch würde die Wirtschaft einer betroffenen Region über Monate hinweg stilllegen und vom Rest der Welt isolieren.
In Schnellkursen werden jetzt Ärzte wieder angelernt, Pocken zu erkennen. Die Diagnose ist nicht leicht. Die Seuche beginnt mit Fieber und Gliederschmerz wie eine Grippe; wenn sich die verräterischen Hautbläschen zeigen, ist es zu spät. Von Anfang an ist der Betroffene eine hochinfektiöse Virenschleuder.
Im letzten Jahr wurde bei den CDC rund zehnmal (falscher) Pockenalarm ausgelöst. Besonders blank lagen die Nerven am 26. September: Eine 29-jährige Studentin war im Norden Floridas in ein Krankenhaus eingeliefert worden. Sie hatte hohes Fieber, auf ihrer Haut wucherten eitrige Pusteln.
Bisher konnten die CDC-Experten stets innerhalb von Stunden Entwarnung geben. Tatsächlich war die Studentin mit Kuhpocken infiziert, einem für Menschen harmloseren Verwandten der Seuche.
Dennoch entstand eine heftige Kontroverse darüber, wie viele Amerikaner bereits jetzt, im Vorfeld einer etwaigen Pockenattacke, zu impfen sind. Ein Expertengremium der CDC hat sich im Juni dafür ausgesprochen, unverzüglich bis zu 20 000 Menschen zu immunisieren vor allem jene Mediziner, Krankenschwestern und Pfleger, die als Erste mit Pockenkranken in Berührung kommen würden.
Im Ernstfall sollten dann alle Kontaktpersonen des Patienten durchgeimpft werden: Familienmitglieder, Nachbarn, Kollegen. Die Vakzine verhindert die Krankheit selbst dann, wenn sie erst vier Tage nach einer Infektion verabreicht wird. Mit Hilfe dieser so genannten Ringstrategie wurden die Pocken einst ausgerottet.
Forscher der Yale University und des Massachusetts Institute of Technology haben jedoch gerade in einer Computer-Simulation dargelegt, dass die in der Vergangenheit bewährte Ringstrategie der CDC-Experten bei einem Bioterror-Szenario unter allen Optionen die schlechteste ist. Mit ihr würde ein Anschlag auf eine große Stadt mit zunächst 1000 Infizierten im Laufe eines Jahres zu 110 000 Toten führen. Bei sofortigen Massenimpfungen nach einem ersten Fall hingegen würden nur 560 Menschen sterben, die Epidemie wäre zudem nach 115 Tagen gestoppt. Am glimpflichsten aber ginge die Sache aus, wenn große Teile der Bevölkerung lange vor einem Angriff immunisiert würden.
In diesen Tagen wird US-Gesundheitsminister Tommy Thompson seine Impfpläne bekannt geben und sie werden weit hinausgehen über den Rat der CDC-Experten. Es wird damit gerechnet, dass er die Vakzine schon in wenigen Wochen für 500 000 Menschen, vielleicht sogar für 1,5 Millionen, verfügbar macht. Geimpft werden sollen demnach Ärzte, Pfleger, Feuerwehrleute, Sanitäter und Polizisten.
Vielen Amerikanern gehen Thompsons Pläne nicht weit genug. Drei von fünf US-Bürgern, so besagt eine Umfrage der Harvard University, möchten sich schon jetzt freiwillig impfen lassen. Die CDC rufen bereits einige ihrer Pensionäre in den aktiven Dienst zurück. Ärzte, die sich noch aus den siebziger Jahren erinnern, wie die Pockenimpfung funktionierte, sollen dieses Wissen nun weitergeben.
Sarah Palmer, 20, hat es schon am eigenen Leib erfahren. In Oakland nahe San Francisco hielt sie Anfang Juli ihren Arm hin. Ein Tropfen Impfstoff wird auf die Haut aufgetragen und mit einer zweizackigen Nadel in 15 einzelnen Stichen in die Haut gedrückt. Das habe aber nicht wirklich wehgetan, versicherte Palmer.
Der Impfstoff im Arm der jungen Freiwilligen ist etwa 50 Jahre alt. An ihrer Immunreaktion wollen Forscher ablesen, ob er noch wirkt. 60 Liter der Vakzine, genug für mindestens 75 Millionen Dosen, waren vor einiger Zeit im Kühlfach auf einem Firmengelände von Aventis in Pennsylvania entdeckt und nur knapp vor der Vernichtung gerettet worden.
Mangel an Impfstoff herrscht jedenfalls nicht mehr in den USA: 15 Millionen Dosen hatte die US-Regierung bereits auf Halde liegen. Tests haben ergeben, dass die ursprünglich gültige Dosis auch verdünnt im Verhältnis 1:5 noch wirksam wäre. Mit den vorhandenen Beständen können also 450 Millionen Menschen geimpft werden. Zusätzlich aber haben die USA über 200 Millionen frische Impfdosen geordert. Ende des Jahres soll geliefert werden.
Doch die Impfung ist nicht ohne Risiko. Sie besteht aus lebenden "Vaccinia"-Viren und verleiht Gesunden Schutz gegen das "Variola"-Pockenvirus. Immungeschwächte sind auch den viel harmloseren Vaccinia-Erregern oft nicht gewachsen. Schon beiläufiger Kontakt mit Geimpften könnte viele tausend Tote verursachen etwa unter Organempfängern, Krebspatienten und Aids-Kranken. Und auch Gesunde sind nicht sicher: An den Folgen der Impfung starben zudem in den fünfziger Jahren zwei von einer Million Geimpften.
Die neuen Pockenforscher haben deshalb den Auftrag bekommen, einen neuen, sicheren Impfstoff herzustellen. Doch die Arbeiten werden Jahre dauern.
Im Juni hat Militärforscher Peter Jahrling aus Fort Detrick im Hochsicherheitslabor bei den CDC sechs Makaken mit Pocken infiziert. Das war nicht ganz einfach, denn Affen erkranken normal nicht an der Menschenseuche. Später will er auch Wirkstoffe gegen die Pockenviren an den Affen ausprobieren. Seine Forschungen sind unter Kollegen nicht unumstritten. Manche bezweifeln, ob die Krankheit der Affen der von Menschen entspricht.
Eine andere Forschergruppe testet Hunderte bekannter Substanzen auf Wirksamkeit gegen das Pockenvirus. Offenbar ist sie fündig geworden: Fünf Pillen täglich von einem Mittel namens "HDP-CDV" retten Mäuse vor dem sicheren Tod durch Kuhpocken. Unter Einfluss des Wirkstoffs eines Abkömmlings des aus der Aids-Therapie eingesetzen Cidofovir kann sich das echte Pockenvirus zumindest im Reagenzglas nicht mehr vermehren.
All dies ist erst der Beginn von Amerikas allgemeiner Mobilmachung gegen die Waffen möglicher Bioterroristen. "So wie die Physik die Waffen des 20. Jahrhunderts beherrschte", sagt George Poste, früherer Chef-Forscher des Pharma-Konzerns SmithKline Beecham und jetzt Berater von US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, "wird die Biologie die Waffen des 21. Jahrhunderts dominieren."
MARCO EVERS