Afghanistan: Die Todeswüste des Generals - DER SPIEGEL
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Afghanistan Die Todeswüste des Generals

Tausende Taliban-Kämpfer ergaben sich im November 2001 der Nordallianz. Später fand man Massengräber in der Wüste. Ein Mitglied im Kabinett von Präsident Hamid Karzai trägt offenbar die Verantwortung für ein Massaker. Duldeten die Amerikaner die Morde?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Wüste beginnt gleich hinter Shibarghan, einer alten Handelsstadt im Norden Afghanistans. Meterhoch türmt der heiße Wind den gelben Sand unter einem makellosen, blauen Himmel.

Mitten in dieser Postkartenidylle tut sich, nur wenige Schritte von einer Straße entfernt, ein Panoptikum des Todes auf: hier ein Stück Wirbelsäule, drüben verstreut ein paar Rippen. Links stecken Backenzähne im Lehm. Daneben Beckenknochen, Ellenbogen, Unterkiefer. Einen Meter weiter ragt ein Stück Kopf aus dem Boden mit schwarzen Haarbüscheln. Es sind die Überreste von Menschen.

Über das, was hier bei Shibarghan vor etwa acht Monaten passiert sein soll, kursieren in Afghanistan viele Gerüchte. Sie setzen vor allem die Regierung von Präsident Hamid Karzai und dessen amerikanische Verbündete unter Druck. Haben US-Soldaten im Verein mit Kämpfern der Nordallianz ein Massaker an Taliban-Gefangenen zu verantworten, wie es vor kurzem in einem irischen Dokumentarfilm behauptet wurde?

Wer darauf Antworten sucht, kommt an Raschid Dostam nicht vorbei. Vor wenigen Wochen erst wurde der 48-jährige Usbeke von Hamid Karzai zum "Beauftragten für die nördlichen Provinzen" ernannt. Doch die Macht in Shibarghan und Umgebung hat General Dostam auch ohne den Segen aus Kabul.

Hier im Norden hat er immer mitgemischt, mal auf Seiten der Kommunisten, dann bei den Mudschahidin, für kurze Zeit sogar bei den Taliban. Mitleid kennt dieser Mann mit dem Stalin-Bärtchen nicht; gefangene Gegner lässt er schon mal von Panzern bei lebendigem Leib überrollen.

Seine Herrschaft sicherte dieser Blutsäufer stets durch rücksichtsloses Vorgehen gegen seine Feinde. Für die Toten in seiner Wüste lässt Dostam eine ganz unverdächtige Erklärung verbreiten: Das seien ermordete Usbeken, vor Jahren hingemetzelt von den Taliban.

Nur: Warum wurden diese Märtyrer der Nordallianz dann nicht ehrenhaft bestattet? Warum liegen ihre Gebeine noch immer wie Müll in der Landschaft herum? Und was macht eine Taliban-Flagge neben dem Skelett eines toten Kämpfers der Nordallianz?

"Wir wurden etwa zu 300 Mann pro Container zusammengepfercht. Dann haben sie uns in die Wüste gefahren."

Antworten auf diese Fragen findet man in Shibarghan nur bruchstückweise. Schon die Frage nach dem Weg zu den Killing Fields jagt vielen Einwohnern Angst ein. Der usbekische Schafhirte, eben noch ein gut gelaunter Bursche mit dem obligaten "How are you?" auf den Lippen, treibt seine Herde mit panischer Miene zum Fluss hinunter und schreit: "Ich weiß nichts, lasst mich in Ruhe."

Mohammed Ahmed aber hat keine Angst. Der Bauer döst vormittags unter seinem Traktor, nicht weit vom Weg entfernt, der in die Wüste führt. Hat er damals etwas bemerkt? Ahmed zögert eine Sekunde, entzündet eine Zigarette, bläst blauen Rauch aus und sagt dann trocken: "Ich habe alles gesehen. Ich wohne hier. Dostams Soldaten haben sechs Container in die Wüste gefahren."

In den Containern steckten Hunderte Taliban-Kämpfer, die sich im etwa 250 Kilometer entfernten Kunduz den Truppen der Nordallianz ergeben hatten. Mehrere tausend Männer von Taliban-Führer Mullah Omar streckten damals in der nordafghanischen Stadt vor Dostams Truppen die Waffen. Ein Teil der Kriegsgefangenen wurde in die gerade vom Norden eroberte Festung Qala Jangi gebracht. Die übrigen Taliban, darunter viele Freiwillige aus Pakistan, landeten in Containern, die dann von Lastwagen nach Shibarghan transportiert wurden.

In der Festung kam es Ende November zu einem blutigen Aufstand, der mit massiven Luftangriffen der Amerikaner niedergeschlagen wurde. Die Taliban hatten sich in den von ihnen einst selbst angelegten geheimen Waffenkammern der Festung bedient, von denen Dostams Leute nichts wussten. Vom Aufstand überrascht wurden auch mehrere CIA-Agenten, die an der Seite der Nordallianz-Truppen die Festung kontrollierten. Doch diese letzte Revolte nützte den Taliban wenig, die meisten Kämpfer kamen im Aufstand um.

Die Toten von Shibarghan starben allerdings nicht in einem Gefecht, dies behaupten nicht einmal Dostams Männer. In der Wüste finden sich am Wegesrand an einer Stelle über hundert Patronenhülsen. Unweit davon liegen wieder menschliche Knochen. Die Munition gehört offenbar zu einem schweren MG.

Fanden hier Exekutionen statt, wie afghanische Zeugen in dem Dokumentarfilm behaupteten? Ahmed hat keine Schüsse gehört. Rätselhaft bleibt die Massierung der Hülsen an dieser Stelle trotzdem, zumal in der Nähe der Gräber. "Mehrere Tage standen die Container in der Wüste", sagt der Augenzeuge Ahmed. Schließlich hätten die Soldaten die Leichen herausgeholt, "vielleicht 600 oder 700".

Massenmord per Container ist im Norden Afghanistans seit Jahren eine Methode, sich gefangener Gegner zu entledigen. Sie wurde von den Taliban genauso angewandt wie von den Hazara oder den Usbeken. Die Methode ist immer die Gleiche: Zunächst werden möglichst viele Gefangene auf engstem Raum zusammengepresst. Auch im Winter wird es in Shibarghan bis zu 25, manchmal 30 Grad warm, die Temperatur steigt in dem stählernen Containergrab höllisch. Der Mangel an Sauerstoff treibt die Männern langsam in einen qualvollen Erstickungstod.

Doch in der Dasht-i-Laili-Wüste gab es auch Überlebende. "Die sind alle da drüben", sagt Ahmed und zeigt mit dem Finger in Richtung Gefängnis. Dann schwingt sich der 45-jährige Bauer auf seinen Traktor. "Ich habe genügend Geld", sagt er zum Abschied, "ich fürchte mich nicht vor Dostam."

Kommt man der Wahrheit von Shibarghan hinter hohen Lehmmauern und Stacheldraht auf die Spur? Über 1200 Taliban-Kämpfer und Kommandeure werden in dem Gefängnis am Ortsausgang festgehalten. Der Direktor ist ein netter, pausbäckiger Usbeke. Achtar Mohammed hat hier selbst eingesessen, als die Taliban an der Macht waren. "So ist das in Afghanistan", sagt er lachend, "mal sind die einen dran, dann wieder die anderen." Für jemand, der 11 von 43 Lebensjahren im Knast saß, macht Achtar einen ziemlich fidelen Eindruck. Er lädt zum Tee, serviert blaue Trauben. "Sehen Sie sich ruhig um. Hier ist alles in Ordnung."

Auf den ersten Blick wirkt das Gefängnis wie eine Musteranstalt. Das Rote Kreuz betreibt ein Hospital, die Häftlinge bekommen genug Brot, Reis, Gemüse und Wasser. Etwa 50 Gefangene leiden an Tuberkulose, aber die leben in Quarantäne und werden medizinisch versorgt. Sind in Afghanistan humanitäre Standards sogar in den Gefängnissen eingekehrt?

Die Taliban sind in drei Abteilungen untergebracht, zwei für die Afghanen, eine für die Pakistaner. Etwa 400 Männer leben in einem Trakt. Die etwa 20 Quadratmeter großen Zellen werden von je 15 Gefangenen bewohnt. Zweimal pro Woche gibt es Hofgang.

Abdul Satar, der Sprecher von Block eins, stammt aus Kandahar, der einstigen Hochburg der Taliban und Heimat ihres einäugigen Führers Mullah Omar. Satar behauptet, ein einfacher Soldat zu sein, kein Kommandeur. Doch das ist ihm kaum zu glauben. Seine Rhetorik ist geschliffen, er wurde in einer Koranschule gedrillt.

Will er nach einer Entlassung wieder kämpfen? Was würde er tun, wenn er in Kabul Frauen ohne Burka sähe und Mädchen, die zur Schule gehen dürfen? Satar kneift wütend die Lippen zusammen und sagt: "Das muss ich mir erst ansehen." Neben ihm steht ein Wächter in seiner grünen Militäruniform, der Talib wägt seine Worte.

Emran, einen 22-jährigen Pakistaner, halten die Gefängniswärter offenbar für nicht so wichtig. Der Bäcker aus Lahore war im November dem Ruf seines Mullahs nach Waffenhilfe für die afghanischen Brüder gefolgt. Nach zwei Tagen schon geriet er in Kunduz in Gefangenschaft, ein Pechvogel, was kann der schon wissen? "Ich war in einem Container", sagt Emran auf Englisch. Die Wärter verstehen ihn nicht, ziehen gelangweilt ab.

"Wir wurden etwa zu 300 Mann pro Container zusammengepfercht. Dann haben sie uns in die Wüste gefahren. Die ersten starben nach drei Stunden, einige waren in den Kämpfen verletzt worden. Die Alten bekamen schnell keine Luft mehr." Hundert Tote, sagt Emran, habe es allein in seinem Container gegeben.

Emrans Version bestätigen viele andere Gefangene. Im Block zwei der Afghanen heben mehrere Dutzend Männer die Hand auf die Frage, ob sie in einem Container gefangen gehalten worden sind. Gab es Tote? Dieselben Männer melden sich.

"Über 2000 von uns sind damals gestorben", sagt Mullah Abdul Hanan, ein grünäugiger Paschtune aus dem Süden. Das ist sicher übertrieben. Aber dass es damals "viele Erstickungstote" gab, bestätigt auch ein usbekischer Arzt in Shibarghan. Und weil ihn diese Auskunft im Reich von Raschid Dostam nicht nur den Job kosten kann, bleibt er lieber anonym.

Dass die Truppen des Generals Dostam ein Kriegsverbrechen angerichtet haben, steht wohl außer Zweifel. Waren auch amerikanische Soldaten mit dabei, haben sie Taliban-Gefangenen tatsächlich das Genick gebrochen und bei Verhören gefoltert? Das jedenfalls hatten Fahrer der Container-Lkw und andere Augenzeugen in der Dokumentation angeprangert.

"In Kunduz waren viele Amerikaner", erinnert sich Emran. Doch als er in Shibarghan aus dem Container geholt wurde, "war ich sehr schwach und habe kaum etwas gesehen". Auch Mohammed Ahmed, der Bauer, kann sich nicht an Amerikaner erinnern. "Da waren bloß Leute von Dostam."

In der Wüste gab es auch Überlebende. Steckt die Wahrheit hinter Lehmmauern und Stacheldraht?

Als Emran im Container saß und um sein Leben bangte, hegten die Amerikaner noch die Hoffnung, Osama Bin Laden und Mullah Omar irgendwo zu fassen. Beim Aufstand in Qala Jangi kam auch ein CIA-Mann ums Leben, einige wurden durch Schüsse verletzt. Sie trugen keine amerikanischen Uniformen, sondern afghanisches Zivil.

Um nicht weiter aufzufallen, hatten Washingtons Kundschafter ihre amerikanischen Sturmgewehre sogar gegen die im Land gebräuchlicheren Kalaschnikows getauscht. Schwer vorstellbar, dass die bei der Nordallianz stationierten CIA-Agenten ausgerechnet beim Anblick der eisernen Särge von Shibarghan das Interesse an den Taliban verloren haben sollen.

"Einige der Gefangenen von hier", sagt Gefängnisdirektor Mohammed stolz, "sitzen heute in Guantanamo."

CLAUS CHRISTIAN MALZAHN