Eine Meldung und ihre Geschichte Der Leutnant von Passau
Das ist eine dieser Krachgeschichten für die bunte Zeitungsseite, dort, wo geschmunzelt werden soll. Ja, gibt's denn das: Arbeitsloser 19-Jähriger meldet sich mitten im Hochwasserchaos bei der Passauer Feuerwehr. Stellt sich als "Leutnant der Militärpolizei" vor. Kommandiert eine Hand voll Rekruten herum, die die Bundeswehr zum Helfen geschickt hat. "Absitzen!" "Antreten!" Zack, zack, Sandsäcke füllen. Und der Feuerwehrmann am Steuer vom Sandsack-Laster, der denkt noch, na, ein Leutnant, der darf das ja.
Dann kommt's noch doller: Spielt der Herr Leutnant am Laster mit der Hebebühne herum, hoch, runter, hoch, runter, bis so einem armen Soldaten eine Palette Sandsäcke auf den Stiefel kippt fünffacher Mittelfußbruch. Danach, als wäre nichts passiert, will der schneidige Offizier ein paar Soldaten auch noch an Feuerwehrschläuchen exerzieren lassen. Na, wenn das nicht die amüsanteste Hochstapler-Geschichte seit Köpenick ist!
Die Frau am Telefon sagt nur: "Nein, nicht schon wieder." Dann, nach einer Pause, die gleichen Worte, nur kraftloser: "Nicht schon wieder." Der falsche Leutnant hat eine richtige Mutter, und es muss Jahre her sein, dass sie das letzte Mal gelacht hat. Ihre Stimme wird brüchig, sie versucht, nicht zu weinen, sie schafft es. Irgendwie. Da kommst du also völlig erschossen von der Arbeit nach Hause, den ganzen Tag im Küchenmief einer Werkskantine drüben in Nürnberg, und ahnst nicht, dass dein Sohn in der Regionalzeitung steht, dass sich deshalb an diesem Tag Journalisten aus der halben Republik durch dein 3000-Seelen-Kaff telefonieren, dass sie mit der Kamera durch die Straßen ziehen "Wo wohnen die F.s?" Du ahnst es nicht! Dabei ahnt sie es schon seit Jahren, permanent, eine ständige unheilvolle Ahnung, dass er es wieder getan hat.
Zum ersten Mal spielt Marco F. aus dem bayerischen Neuhaus an der Pegnitz mit einer Uniform, da ist er ein kleiner Junge und hat einen Freund, dessen Vater bei der Bundeswehr ist. Wie man so spielt in einem Alter, in dem Jungs sich in Uniformberufe hineinträumen, als Feuerwehrmann, Polizist, Pilot. Die Mutter denkt sich nichts, hat auch keine Zeit, sich was zu denken. Seit Marcos achtem Lebensjahr muss sie das Geld heranschaffen, weil der Vater arbeitslos wird und herzkrank.
Überflutete Straße bei Passau: Mitte August war das Hochwasser binnen weniger Stunden angestiegen
Foto: AP
Schaulustige: Sintflutartige Niederschläge verursachten immense Schäden
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Überflutete Passauer Altstadt: "Hopfen und Malz verloren"
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Ein Sorgenvater erzieht ein Sorgenkind. Marco lässt sich nichts sagen, er muss auf die Schule für verhaltensauffällige Kinder in Schnaittach, hat mit 16 das Glück, eine Lehrstelle als Kfz-Mechaniker zu bekommen und sagt dem Gesellen nach ein paar Tagen, er solle seinen Kram gefälligst selbst machen.
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Ein "Flegel, Nichtsnutz, Tagedieb" sei der Junge, von Arbeit, schimpft der Nachbar, "hält der nichts". Aber er hat ein Talent, einen Trieb, einen Tick: Marco kann reden, er kann überzeugen wie ein Politiker, um sich größer zu machen, als er ist. Und er will groß sein, wichtig sein. Er giert, wie Markus Gnan, Chef der örtlichen Feuerwehr, schnell merkt, nach jener Anerkennung, die die Uniform eines Helfers so anziehend machen kann. Zwanghaft anziehend.
Gnan erlebt den jungen F., als dieser 14 Jahre alt ist; mit 17, im August 2000, muss Marco die Feuerwehr wieder verlassen noch eine Enttäuschung für die Mutter. Er hatte sich mit seiner Uniform ins Nürnberger Fußballstadion gemogelt, hatte gelogen, dass er zum Sicherheitsdienst gehört. Nur der Anfang.
Im Juni 2001 läuft er im T-Shirt mit rotem Kreuz durch den Ort, trägt ein Stethoskop, dazu eine Tasche, auf die er "Notarztkoffer" geschrieben hat, und behauptet: "Ich bin jetzt beim Arbeiter-Samariter-Bund." Die Mutter kann ihn nicht stoppen.
In einer Leutnantsuniform geht er zum Nürnberger Pop-Festival "Rock im Park" und lässt sich von ProSieben filmen, wie er als angeblicher Arzt im Praktikum aus dem Bundeswehrkrankenhaus beim Nähen einer Handwunde assistiert. Die Mutter ist hilflos.
Er will seiner neuen Freundin imponieren und marschiert, wieder als Leutnant, in das Offizierskasino einer Kaserne im bayerischen Wildflecken ein. Die Mutter ist verzweifelt.
Er stellt sich in Feuerwehrkluft auf eine Nürnberger Kreuzung und hält Autos an. Inzwischen laufen mehrere Verfahren gegen ihn; die Mutter ist mit den Nerven am Ende.
Er kommt in die Psychiatrie, die Rede ist von Schizophrenie, aber nach elf Tagen ist er wieder draußen. Warum? Die Eltern erfahren es nicht, der Junge ist volljährig. Nur nicht erwachsen.
Im Dezember, kurz vor Weihnachten, liegt eine Telefonrechnung im Briefkasten. Marco hat so viel telefoniert und dabei teure Nummern angewählt, dass die Mutter elf Tage von ihrem Urlaub streichen lassen muss, um das Geld zusammenzuverdienen. Die Eltern glauben ihm schon lange "nur noch die Hälfte von der Hälfte", selbst das, denkt die Mutter, ist schon zu viel. Und weil sie nicht mehr können, finanziell nicht, gesundheitlich nicht, nervlich nicht, weil bei ihm "Hopfen und Malz verloren ist", wie die Mutter klagt, haben sie ihn mit dem Anwalt auch schon dreimal aufgefordert, endlich auszuziehen. Dazu muss ihr Sohn aber erst mal wiederkommen. Mitte vergangener Woche wusste die Polizei nicht, wo er war, nur dass er noch in Dessau als Hochwasserhelfer aufgetaucht ist dort fehlt seitdem ein Fahrrad. "In Südfrankreich hat's ja auch viel geregnet", ulkt ein genarrter Passauer Feuerwehrmann, "vielleicht ist er da."
JÜRGEN DAHLKAMP