Eine Meldung und ihre Geschichte: Gans berühmt - DER SPIEGEL
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Eine Meldung und ihre Geschichte Gans berühmt

Wie ein Eskimo die Wissenschaft verblüffte
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

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n Kerrys irdischem Dasein spielten zwei Menschen eine entscheidende Rolle. Der eine wollte Kerry verstehen, am liebsten seine Sprache lernen. Der andere wollte Kerry verspeisen, am liebsten geröstet und mit Tomatensauce. So geriet Kerry, ein hellbäuchiger Ringelganter, Branta bernicla hrota , an die Menschen und wurde berühmt, posthum. Seine Geschichte beginnt an der Küste Nordirlands.

Strangford Lough ist das Mallorca der Ringelgänse. Ein Meeresarm, umstanden von grasbewachsenen und mit Steinen übersäten Hügeln. Die Ufersäume sind ein einziger Matsch; deshalb verirren sich auch selten Menschen hierher. Ringelgänse hingegen finden Matsch wunderbar, auch gibt es am Lough kaum Fressfeinde, das Klima ist mild, das Eelgrass saftig. Jedes Jahr überwintern hier 20 000 dieser etwa entengroßen Vögel.

"Umwerfender Anblick", sagt James Robinson, "wenn sich ein paar tausend Vögel in den Himmel schwingen, dann tost und knattert die Luft von ihren Flügelschlägen, und man möchte sich die Ohren zuhalten, so laut sind ihre Signalrufe, rott-rott-rott und ronk-ronk-ronk."

Robinson arbeitet beim Wildfowl & Wetlands Trust. Er ist 29, blond und freundlich, er hat über Wasservögel promoviert und liebt seinen Job, aber noch mehr liebt er seine Ringelgans-Kolonie.

"Sie sind sehr sozial", sagt Robinson, "aber wie kommunizieren sie? Wie treffen die Gänse ihre oft sehr komplexen Entscheidungen? Ihre Sprache zu dechiffrieren, das wäre ein Traum."

Im April, der Sommer nahte, trafen Kerry und die anderen Gänse wieder eine komplexe Entscheidung. Die Winde wehten günstig, süd-südost, es war Zeit, aufzubrechen: Ihre Route sollte sie über Island und Grönland ins Brutquartier führen, die kanadische Arktis.

Dort, zur selben Zeit, etwa 4250 Kilometer weiter nordwestlich, saß Paul Amagualiq vor seinem kleinen Holzhaus in dem Dorf Resolute Bay und genoss das Licht. Der Sommer kam, endlich, und endlich gab es wieder Baseball. Die Frage war nur, ob die Arizona Diamondbacks es wieder schaffen würden oder die Yankees. Paul liebt die Spiele, vor allem, seit er einen eigenen Fernseher besitzt.

Amagualiq, 49 Jahre alt, Inuit, geboren auf einem Robbenfängerschiff, aufgewachsen in einem Iglu, ist Baseball-Fan, vor allem aber Jäger, Fallensteller, Guide. Er jagt Eisbären und Karibus, und er führt Reisegruppen durch dieses unwirtliche Land. "Im Winter haben wir bis minus 40 Grad", sagt Amagualiq, "nur wer das Land respektiert, kann überleben." Amagualiq respektiert die Kälte; die Finsternis aber fürchtet er.

"Im November verlieren wir die Sonne", sagt er, "sie kommt erst im Februar zurück." Gegen Kälte und Schwermut setzt Amagualiq seine Dieselheizung ein, gegen die Dunkelheit Fleisch. Seit seiner Kindheit kennt er diesen geradezu chemischen Protein-Hunger; möglichst viel fettes Fleisch zu essen ist für ihn keine Frage des Stils, sondern des Überlebens. "Ein ganzer Winter mit Fleisch, das wäre mein Traum."

Inzwischen waren die Gänse vom Strangford Lough aufgebrochen, in kleinen Trupps von 20, 30 Vögeln. Kerrys Schar landete Anfang Mai auf Island, südwestlich von Reykjavík. Wo Robinson, der Ornithologe, bereits wartete.

Mit einem Kanonennetz fing er sechs Ringelgänse. Er wog sie, taufte sie auf die Namen Kerry, Oscar, Hugh, Austin, Arnthor und Major Ruttledge. Dann befestigte er auf ihrem Rücken mit einem Unterhosengummi je einen Sender, der von nun an jede Minute ein Signal in den Weltraum schoss ­ hinauf zu einem Satelliten. Robinson stellte die ungefähre Reiseroute von Kerry und Co. ins Internet.

Deren nächste Etappe war Grönland: ein Eisklotz, sechsmal so groß wie Deutschland, bis zu 3350 Metern hoch. Kerrys Schar überflog Grönland in eineinhalb Tagen, in dünner, eisiger Luft, bei einem Tempo von 50 bis 80 Stundenkilometern und konstantem Flügelschlag. Landung in Holsteinsborg an der grönländischen Westküste am 13. Juni. Weiterflug Richtung Norden am 14. Juni, endlich, am 16. Juni, Ankunft auf Bathurst-Island, dem Sommerquartier: windig, öde, kalt, ideal.

Ringelgänse sind ihr Leben lang monogam, Gans und Ganter kümmern sich aufopfernd um die Küken. So verbrachte Kerry seinen letzten Sommer, bis zum 22. Juli.

Dann plötzlich wanderte sein Signal Richtung Süden. Und blieb ebenso plötzlich stecken, in Resolute Bay, 130 Kilometer südöstlich der Brutkolonie. Was tat Kerry da? Robinson, im fernen England, wurde nervös. Ein Sender kostet 3000 Pfund, sein Reise-Etat war erschöpft, er stellte eine Suchmeldung ins Netz: Wo ist Kerry?

Der Mann, der ihn fand, heißt Sean Boyd, 59, Kanadier, Vogelkundler, Naturschützer. Boyd kam gerade von einer Exkursion. Nach vier Wochen Wildnis ging er im Hotel erst unter die Dusche, anschließend ins Internet. Boyd hatte das Projekt seines Kollegen Robinson aufmerksam verfolgt. Nach Resolute Bay war es nicht weit.

In einem Dorf mit 200 Einwohnern muss man auch nicht lange fragen, bis man den Mann findet, der einen Sender mit einer Gans dran erlegt hat. Amagualiq empfing Boyd freundlich in seinem Holzhaus, im Fernsehen lief Baseball. Amagualiq gab Boyd das Kästchen, das er sorgsam aufgehoben hatte, er wusste, was ein Sender war, und fragte höflich nach einer Belohnung. Dann zog er Kerry, ungerupft, aus der Tiefkühltruhe: Er würde ihn verkaufen, falls die Wissenschaft wolle. Nein? Schade. Boyd und Amagualiq schieden als Freunde.

James Robinson war erleichtert, den Sender wiederzuhaben. Die Ringelgänse vom Strangford Lough werden in diesen Tagen zurückkehren, mit Kerrys Nachwuchs. Und demnächst, an einem der lichtlosen Winterabende von Resolute Bay, wird Paul Amagualiq Kerry aus der Truhe holen, ihn auftauen, rösten und essen, wahrscheinlich mit Tomatensauce.

RALF HOPPE