Kultur Stolz und Geschäft
Seine Enttäuschung über die DDR behielt der vierfache
Nationalpreisträger für sich. Erwin Strittmatter (1912 bis
1994) verfasste keine Resolutionen, die eigene Skepsis
gegenüber dem SED-Sozialismus lieh er seinen Romanfiguren
("Ole Bienkopp"). Statt auf die trügerischen Höhen der
Ideologie zu starren, betrachtete der Autor lieber den
Boden, auf dem die Republik stand. Von Heimatdichterei
unterschied ihn freilich der genaue Blick, die
liebenswürdige Ironie, das augenzwinkernde Verständnis für
die Narretei des Menschen. So gelang ihm Wunderbares wie
die Entdeckung untergegangener Kindheitsmuster und die
Beschreibung der unvergänglichen Natur. Das Fernsehen
verliebte sich in die Figuren aus Strittmatters
Romantrilogie "Der Laden", in den wunderlichen Großvater,
die sorbische Großmutter, den jähzornigen Vater und die
Mutter, die so hoch hinaus will und doch immer wieder auf
die Nase fällt. Und nun: "Geschichten ohne Heimat"? Der
Titel täuscht. Der Dichter hätte die Umgebung, aus der er
stammt, nie verleugnen können. Es handelt sich um
nachgelassene Storys, kleine Skizzen, Splitter, die keinen
Eingang in die Bücher fanden und in einer Mappe mit der
Aufschrift "Geschichten ohne Heimat" lagen. Die Lyrikerin
Eva Strittmatter, die mit dem Dichter verheiratet war, hat
die Geschichten herausgegeben (leider gelang es bei den
meisten Texten nicht, sie zu datieren). Einen
stellvertretenden Minister kostet die hysterische
Seuchenabwehr der DDR fast das Leben, kirgisische
Pferdehändler zerreißt der Widerspruch zwischen Stolz und
Geschäft, ein Blumenzüchter schafft Großes trotz einer
kranken Hüfte, zwei geile alte Männer teilen sich die Liebe
zu einer Schwachsinnigen. Kleine Texte und doch die ganze
Strittmatter-Welt: Pferde, Kiefern, Frostnächte, violette
Himmel, Maiglöckchenhügel und der ganz normale Wahnsinn
namens Mensch. NIKOLAUS VON
FESTENBERG