Kultur: Amouren in Schieflage - DER SPIEGEL
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Kultur Amouren in Schieflage

Hugo Claus versammelt in einem Band drei illusionslose Monologe.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Traurige und verstörte Menschen, lauter Gescheiterte erzählen von sich. Der belgische Autor Hugo Claus, 73, leiht ihnen in den drei Geschichten seines Erzählbands "Der Schlafwandler" die Stimme. In der Titelgeschichte ist es ein Mann, der bisweilen Probleme hat, das richtige Wort zu finden. Dann verspricht er sich, immer knapp am korrekten Begriff vorbei: "Leichtgewichtsstörungen" sagt er, wenn er von Gleichgewichtsstörungen reden will. Aber sein eigenes Gleichgewicht ist eben auch längst dahin: Die Ehe, seine Amouren, alles wackelt, alles befindet sich in Schieflage. Was ist Traum, was Wirklichkeit, was Wunsch, was Angst? Claus, der große erfahrene Erzähler ("Der Kummer von Flandern"), lässt es offen ­ virtuos hält er die Balance zwischen Andeutung und erzählerischer Notwendigkeit.

Am besten gelingt ihm das in der Erzählung "Das letzte Bett": Eine Frau schreibt da, so scheint es am Anfang, einen Abschiedsbrief an ihre Mutter, zu der sie ein äußerst gestörtes Verhältnis hat. Nach und nach löst sich die Briefform auf ­ wie sich offenbar auch das Leben der Frau in Auflösung befindet: Nichts ist dem ehemaligen Wunderkind Emily, das einst auf dem Klavier beeindruckte, wirklich gelungen. Schon gar nicht die Beziehung zu Anna, die einst als Putzfrau an der Schule arbeitete, wo Emily Lehrerin war. Anna und Emily ­ das ist ein bittersüßes Aneinandergekettetsein, das in die Katastrophe führen muss. Behutsam rollt Claus eine Art erzählerischen Flickenteppich aus, auf dem nach und nach das Muster erkennbar wird, nach dem die unglückselige Beziehung gestrickt ist. JOACHIM KRONSBEIN