Kultur Wer war noch mal James Joyce?
Wenn es Irland nicht gäbe, müsste man es auf der Stelle erfinden allerdings nicht unbedingt für die Iren. Millionen von ihnen sind schließlich über die Jahrhunderte von der Grünen Insel geflohen, um dem Tod durch Hunger, Krankheiten oder Engländer zu entgehen; die Zurückgebliebenen suchten je nach Veranlagung Trost im Glauben, im Nationalstolz oder im Suff. Dann kamen die Touristen.
Darf man so die Geschichte eines der großen Kulturvölker Europas zusammenfassen? Natürlich nicht. Ein irischer Dichter kann das nämlich besser: Der liebe Gott, wusste Brendan Behan, habe den Alkohol nur erschaffen, um die Iren davon abzuhalten, die Welt zu beherrschen. Heute betrachten sie ihr reiches kulturelles Erbe mit der Lässigkeit einer Nation, die zu 38 Prozent aus unter 25-Jährigen besteht und verantwortlich ist für das größte Wirtschaftswachstum in der Europäischen Union während des vergangenen Jahrzehnts. Wer war noch mal James Joyce?
So sind es neben unzähligen schriftstellernden Exil-Iren vor allem Ausländer, die dafür gesorgt haben, dass Irland heute nicht nur als Urlaubsland, Zweitwohnsitz oder Steuerparadies geschätzt wird. "Irland" ist vielmehr eine Geisteshaltung. Eine so diffuse allerdings, dass die einen darunter die Exegese des legendären "Book of Kells" verstehen, die anderen vorsätzliches Betrinken im Pub ihres Vertrauens.
Für all diese Irland-Begeisterten (und solche in spe) hat
der Schriftsteller Frank Zumbach jetzt ein neues
Standardwerk vorgelegt: Im Gewaltmarsch stellt er die
irische Geschichte und Literatur vor, erzählt im Plauderton
eines (manchmal etwas redseligen) Flaneurs. Zumbach, 49,
nennt den wahren Urheber des Nordirland-Konflikts (Heinrich
VIII., wer sonst?) ebenso wie die Internet-Seite, die einen
im Minutentakt aktualisierten Blick auf die O'Connell
Bridge in Dublin ermöglicht (inzwischen: www.ireland.com/
weather/cam.htm), und natürlich wird auch eine Übersetzung
von Harry Rowohlt zitiert ("kongenial"). Überhaupt widmet
sich Zumbach mit besonderem Eifer Irlands Literaten: Mit
leichter Hand führt der Autor auch "Ulysses"-Ignoranten zu
den Schauplätzen von Joyces Kolossalwerk. Kleine
Lässigkeiten Zumbach verlegt den Auftakt der
Französischen Revolution um ein paar Jahre nach hinten oder
schreibt in Macho-Manier "ich und meine Frau" können als
Hommage an den irischen Nationalcharakter durchgehen.
MARTIN
WOLF