Titel: Er war herzlich ­ und herrisch - DER SPIEGEL
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Titel Er war herzlich ­ und herrisch

VON GÜNTER GRASS
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

I

n den letzten Tagen und Wochen sind drei bedeutende Personen der Kriegs- und damit auch der Mitläufergeneration gestorben: Gerhard Szczesny, der Gründer der Humanistischen Union, der Verleger Siegfried Unseld und nun Rudolf Augstein. Was die drei ausgezeichnet hat, so unterschiedlich sie gewesen sind, was vielleicht auch meine Generation noch auszeichnet (ich bin ja nur ein paar Jahre jünger als Augstein), das ist die Obsession, eine Wiederholung der politischen Katastrophe, die man in der Jugend erlebt hat, mit aller Energie vermeiden zu helfen. Das hat zu diesen besonderen Leistungen geführt. Derlei wird nicht zu wiederholen sein: Personen solch obsessiven, auch störrischen Charakters gibt es immer weniger in Deutschland.

Persönlich kennen gelernt habe ich Rudolf Augstein auf einer Tagung der Gruppe 47, später ist er bei mir zu Besuch gewesen, als ich noch in Wewelsfleth wohnte, und ich habe ihn in Hamburg aufgesucht. Bei der Frage der deutschen Einheit ging es kontrovers zwischen uns zu. Er war sich seiner Macht bewusst, gelegentlich hat er auch mit der Machtkeule zu winken versucht. Unter Augstein hat der SPIEGEL mit großen Sozialreportagen in die verlassenen Winkel geleuchtet. Das ist verloren gegangen.

Er hatte etwas Jungenhaftes im Auftreten und konnte von einer überraschenden Herzlichkeit sein, zu Späßen, auch frivolen, aufgelegt ­ und dann gab es etwas leidenschaftlich Herrisches; beides gehörte zu ihm.

Es gab bei ihm eine Diskrepanz. Auf der einen Seite war er der absolut Liberale, der in seinem Magazin eine besondere Form radikaler Rechtsstaatlichkeit betont hat, indem er den schmählichen Versäumnissen der jungen Bundesrepublik nachspürte, auch denen einzelner Politiker, all den Verfilzungen; auf der anderen Seite hatte er, besonders im Alter, ein zunehmend deutschnationales Auftreten ­ was für mich nur zum Teil eine Überraschung ist: Es spiegelte sich in seiner Person die gespaltene Geschichte des deutschen Liberalismus bis in diese Tage hinein.

Sein Tod ist ein Verlust, das sehe ich mit Trauer, auch in dem Bewusstsein, dass Augstein nicht zu ersetzen sein wird. Ich könnte mir vorstellen, dass sich in der jüngeren Generation ein Stück Verlassenheit breit macht ­ vielleicht geht man jetzt mit den letzten Alten etwas pfleglicher um.


Der Schriftsteller Günter Grass, 75, erhielt 1999 den Nobelpreis für Literatur.