Titel Wir wären andere
ch traf ihn zum ersten Mal an einem Novembertag in seinem Haus in Hamburg und rechnete fest damit, hinter der Haustür, wie Benjamin über Karl Kraus schrieb, einem "Kind und Menschenfresser" zu begegnen. Ich war entschlossen, ihm zu widerstehen. Doch es empfing mich ein sehr feiner, älterer Herr, der, mit chinesischer Höflichkeit, zum Kaffee mich nötigte und keine Anstalten machte, den Besucher zu verschlingen. Kind aber war er. Zum Beispiel behauptete er allen Ernstes, sein größter Erfolg im Leben sei die Verhinderung eines längst vergessenen Gesetzes im Jahre 1966. Oder er, der Gigant des Journalismus, fragte nach der Zeitung, in einem Ton, als könne er alles, bloß das nie, eine Zeitung machen. Man müsste die "FAZ" neben dem SPIEGEL lesen, sagte er (und ich erfinde wirklich nichts), und er hatte Recht wie immer. Als André Müller ihn zum Propheten erklärte, schränkte er ähnlich bescheiden ein: wenn, dann nur Amos, ein ganz kleiner Prophet. So war es mit seiner Bescheidenheit bestellt: ein ganz kleiner Prophet, aber einer, dessen Name 2000 Jahre genannt werden wird. Vermutlich kam er damit der Wahrheit sehr nahe. Ich bekenne, kaum je jemandem begegnet zu sein, der scharfsinniger war als er. Seine Sätze konnten konventionell beginnen, und wenn man schon glaubte zu wissen, was käme, nahmen sie eine sensationelle Wendung.
Ohne ihn wären wir andere geworden. Das gilt auch für die, die ihm nie begegneten. Wir würden anders reden. Wir würden anders schreiben. Wir würden anders denken. Wir würden, um genauer zu sein, von uns selbst anders denken, von dem Land also und seiner Geschichte. Schwerwiegenderes lässt sich über die Wirkung eines Menschen vermutlich kaum sagen. Damit man weiß, wo wir uns hier bewegen: Ein ganzes Volk über Generationen in ihrem politischen, kulturellen und moralischen Grundwortschatz zu prägen, das ist zuletzt den Nationaldichtern des 19. Jahrhunderts gelungen. In gewisser Weise ist Augsteins SPIEGEL das Nationalepos des modernen Deutschland: aber auf den Kopf gestellt, ohne Weihrauch und ohne Helden. Unsereiner lernte das Schreiben und Rechnen zur Zeit des Bundeskanzlers Willy Brandt. Alphabetisiert aber wurden wir, ob wir es wollten oder nicht, durch Augsteins SPIEGEL. Man kann später verleugnen, was man damals lernte, verdammen, man kann es durchschauen oder verhöhnen vergessen kann man es nicht. Einwände gegen ihn und den SPIEGEL? Die gibt es tausendfach. Darunter ist wahrscheinlich kein einziger, den Augstein nicht selber besser als alle seine Kritiker hätte formulieren können. "Aber diese Einwände sind wie Beschwerden über das Wetter." Das sagte er, mir gegenübersitzend, und redete über den SPIEGEL und über Gorbatschow, über Börne und über Reich-Ranicki. Und während ich da saß und ihn anstaunte und bezaubert war, hatte Rudolf Augstein mich doch längst verschlungen mit Haut und Haar.
Frank Schirrmacher, 43, ist Mitherausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".