Titel Die Ein-Mann-Partei
udolf Augstein war eine Ein-Mann-Partei. Als das deutsche Bürgertum sich nach zwei Weltkriegen erledigt hatte, trat eine amorphe Middle Class seine Nachfolge an, der es immerhin gelungen ist, eine bewohnbare Republik aufzubauen. Gesellschaftlich bei weitem in der Majorität, kulturell tonangebend, ökonomisch erfolgreich, ist diese Klasse jedoch im fatalen Sinn parteilos geblieben, das heißt, sie hat sich als unfähig erwiesen, ihre Interessen politisch zu artikulieren; sie überließ das Feld dem großen Kapital, den Gewerkschaften und den Verbänden. Seine Marginalisierung und seinen Katzenjammer hat sich der so genannte Mittelstand (schon der Begriff ist ein Anachronismus) infolgedessen ganz allein selber zuzuschreiben.
Augstein war der Vikar dieser Klasse, der Stellvertreter eines aufgeklärten Liberalismus, der hier zu Lande stets hinter seinen Möglichkeiten zurückgeblieben ist. In dem einzigen Verein, der sich auf diese Option berief, hat Augstein es nicht lange ausgehalten. Er musste sehr bald einsehen, dass er, ganz allein, auf sein eigenes Werk und auf seine erprobte Crew gestützt, weit wirkungsmächtiger war als eine FDP, die sich immer nur als Trittbrettfahrerin ihrer Gegner verstanden hat und die heute ausschließlich mit ihrer Selbstzerstörung beschäftigt ist.
Dass ein einziger Journalist, und sei's der größte, es war, der einer rat- und sprachlos vor sich hin taumelnden Mehrheit jahrzehntelang zu dem verholfen hat, was ihr fehlte ein wenig Selbstbewusstsein, ein bisschen politischer Verstand, ein Minimum von Widerstandskraft: Das ist ein Phänomen, zu dem einem so leicht kein historischer Vergleich einfallen wird.
Der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger, 73, publizierte 1957 den Aufsatz "Die Sprache des SPIEGEL".