Titel: Rudolf Augstein zur Wiedervereinigung - DER SPIEGEL
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Titel Rudolf Augstein zur Wiedervereinigung

Soll man die Deutschen bewaffnen? Von Jens Daniel Augstein-Kommentar 1948: Mahnung unter Pseudonym
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Manche Fragen liegen so gefährlich in der Luft, daß niemand sie zu stellen wagt. So tief steckt die Welt noch im Ressentiment, daß lediglich schweizerische Außenseiter den Versuchsballon haben steigen lassen, ob man den Deutschen, dem Volk Hitlers. Waffen in die Hand geben dürfe zur Verteidigung einer Lebensform, die schon Hitler auszulöschen trachtete. Soll man die Deutschen bewaffnen? Die wenigen Diskussionsredner sagen "ja" oder "nein". Sie rechnen nicht mit den Situationen, für die der Hic-Rhodos-Philosoph Kierkegaard die Empfehlung gibt: "Hänge Dich oder hänge Dich nicht - bereuen wirst Du beides."

Zuvor: Es kommt nicht darauf an, ob man den Deutschen eine Armee gibt. oder ob man sie in die noch nicht existierende westeuropäische Armee eingliedert. Es kommt nicht darauf an, ob man sie "kontrolliert" oder ob man ihnen "schwerste Waffen" verbietet, um sie in Schach zu halten. Das sind technische Fragen, die vorerst nur im nervösen Paris interessieren. Die dort mit Recht interessieren: In einer Armee liegen wirklich Schwergewichte eigener Art. Aber Frankreichs Vorposten stehen am Rhein, und zwischen Rhein und Elbe liegen nur wenige Panzer-Schreck-Stunden.

Was ist nämlich die Situation? Die Russen und ihre Satelliten stehen hinter der Elbe, und niemand kann sagen, wieweit sie zum Kriege gerüstet und entschlossen sind. Das Westeuropa-Blöckchen mit dem französischen Weich-Eisen-Kern ist kein ernsthaftes Gegengewicht. Die Amerikaner und die Russen treiben in Mitteleuropa Politik. Diese Politik kann zum Kriege führen. Die Amerikaner garantieren Mitteleuropa weder tatsächlich noch vertraglich. Es wäre also das primitivste Erfordernis, den Deutschen Westeuropas die Möglichkeit zu geben, an ihrer eigenen Verteidigung und der Westeuropas mitzuwirken.

Von der deutschen Mentalität her spricht nahezu alles dagegen. Viele Nach-Kapitulations-Deutsche wollen - sei es wie es sei - kein Gewehr mehr anfassen. Das ist verständlich. Sie dürfen durch keinerlei "Wehrpflicht", auch nicht durch Kalorien-Sanktionen. gezwungen werden. Die wollen, sind vielfach Leute, die für ein Leben zivilen Anstands soeben mit Mühe gerettet worden sind. Oder SS-Rabauken, die zu keinem vernünftigen Gewerbe taugen. Es ist maßlos traurig, daß der wohlmeinende Pazifismus Nürnberger Prägung schon drei Jahre nach Kriegsende in einer Sackgasse festsitzt. Es ist traurig, aber nicht überraschend. Der kleine Lügendoktor hat mit seiner bösesten Prophezeiung recht behalten. Aber wer den Kopf ressentimental in den Sand steckt, den überrollen die Panzer.

Eine Armee kostet Geld - die Besatzungskosten müßten gestrichen werden. Eine Armee verschlingt Arbeitskräfte - dagegen gibt es kein Kraut. Eine Armee ist das Ueberflüssigste, was es gibt. Sie ist das Wichtigste, was es gibt, wenn die Sklavenhalter schwer bewaffnet die Zähne fletschen. Wer die Freiheit will, muß sie mit allen Konsequenzen -wollen. Vielleicht würden sogar Deutsche auf Deutsche schießen, wenn sie es über sich brächten und wenn die Ostdeutschen nicht überlaufen könnten. Das ist die bitterste Aussicht. Aber wenn es wirklich wieder Krieg gäbe, dann steckten die Deutschen ohnehin zwischen den Mahlsteinen. Sie hätten eine größere Chance, mit Waffen ihre persönliche Freiheit zu behalten als ohne Waffen.

Nichts würde die Russen so sicher vom Kriege zurückhalten wie eine deutsche Armee. Nichts würde sie sicherer in einen Krieg treiben als eine deutsche Armee - das ist die Kehrseite. Nichts würde ihnen, namentlich in Frankreich, einen bequemeren Propagandadreh liefern - aber über das Stadium der Propaganda ist man vielleicht schon hinaus. Ihr Mißtrauen dagegen, das Mißtrauen der Asiaten, daß Mißtrauen der leninistischen Revolutionäre, das Mißtrauen der Diktatoren, das eingefleischte Kreml-Mißtrauen könnte sich durch eine deutsche Armee bis zur Wahnsinnstat steigern.

Das ist die Schlußfolgerung: Es darf erst eine deutsche Freiwilligen-Armee geben, wenn der Krieg als unvermeidlich erkannt wird. Dann aber muß es eine geben - und dann ist es zu spät. "Hänge Dich oder hänge Dich nicht - bereuen wirst Du beides."