Titel Stoff für drei Leben
r hatte eine seltene Fähigkeit, die andere Seite der Dinge zu sehen. Mir fällt in der Erinnerung an Rudolf Augstein eine Episode ein, die man als eine Art Schlüssel zu seinem Wesen und als Teil dessen ansehen kann, was ihn vorwärts trieb. Wir hatten uns nach einer Festspiel-Aufführung in einem Bayreuther Restaurant verabredet. Im Gespräch erzählte er mir von seiner einige Jahre zurückliegenden Absicht, zusammen mit Wieland Wagner den Schluss der "Götterdämmerung" neu zu schreiben. Wir waren rasch bei Richard Wagner, und er war unerschöpflich in der Beschreibung der vielen abstoßenden Züge des Meisters, kamen von da auf Friedrich II. sowie unseren Streit über seine Studie des Königs und landeten endlich bei der einen oder anderen der zahllosen ungelösten, womöglich sogar unlösbaren Fragen der deutschen Geschichte. Als wir uns zu später Stunde in vielem noch immer nicht einig waren, sagte er plötzlich: "Stellen Sie sich nur mal vor, wir hätten diese verdammte Geschichte nicht! Nicht Luther und nicht Friedrich, Bismarck nicht und die ganze Bagage bis hin zu Hitler! Was fingen wir dann an? So, wie es war, hat jeder von uns Stoff für drei Leben und sogar noch ein paar mehr. Nicht auszudenken, wir wären Franzosen mit diesem einen Napoleon, und davor und danach nur wenige glänzende und meistens erbärmliche Chargen! Oder Italiener, die sich immer gleich um fünfhundert Jahre zurückbesinnen müssen, um auf einen attraktiven Bösewicht zu stoßen! Oder sogar, am schlimmsten vielleicht, Holländer!" Er jedenfalls habe es immer als Vorzug empfunden, ein Deutscher gerade dieser Generation zu sein: "Zu jung, um sich von den Nazis korrumpieren zu lassen, aber gerade alt genug, um die Sache dauernd mit sich herumzuschleppen." Und später noch: "Die Generation nach uns wird sich mit der Inhaltsleere herumschlagen müssen und am Ende an der Langeweile zu Grunde gehen." Natürlich war bei der Bemerkung viel von Augsteins "positivem Zynismus" im Spiel. Was aber seine Vorhersage angeht, hatte er, wie wir inzwischen wissen, mehr Recht, als irgendwer sich damals träumen ließ.
Der Hitler-Biograf Joachim Fest, 75, war von 1973 bis 1993 Mitherausgeber der "Frankfurter Allgemeinen".