Titel: Rudolf, ein Nachschrei - DER SPIEGEL
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Titel Rudolf, ein Nachschrei

VON MARTIN WALSER
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zuerst er, dann er. Wer jetzt? Siegfried war ein Jäger und Sammler. Rudolf war ein Chirurg. Immer schneidend. Einschneidend, ausschneidend. Immer mit geringer oder gar keiner Betäubung des Gesellschafts- oder Individualkörpers, an dem er Schädliches oder vermeintlich Schädliches wegschnitt. Ein immer so lustvoller Chirurg, dass man glauben durfte, das Schneiden sei ihm wichtiger als das Heilen. Das wäre aber eine Täuschung. Er hat ja immer öffentlich operiert. Und die Öffentlichkeit war sein Element. Mit der spielte er, die bezog er ein, die beutete er aus. Aber er war seriös, durch und durch. Als die gescheitesten Intellektuellen noch die unmenschlichsten Lächerlichkeiten formulierten, um den Unsinn der deutschen Teilung sinnvoll erscheinen zu lassen, hat Rudolf Augstein aus der Aufhebung dieser Teilung sein ceterum censeo gemacht. Dafür gebührt ihm Ruhm und Dank. Dass er über alles Berufliche hinaus eine Figur war, die einen Shakespeare verdient, sei nur so dahingeknirscht. Ich habe ihn einmal, als wir uns nicht mehr für nüchtern halten konnten, getragen, eine Treppe hinab und hinüber zum Taxi. Er war leicht. Mehr Vogel als Stein. So leicht, als bestünde er aus lauter Gedanken. Er war schneidig. Er war liebenswürdig. Am liebsten würde ich sagen: Er war ein toller Kerl. Aber ich weiß schon, das empfindet nicht jeder gleich. Aber was soll ich machen, wenn ich es besser weiß, zumindest anders weiß: Er war ein toller Kerl! Man wird doch auch noch schreien dürfen. Wenn so einer stirbt. So ein toller Kerl. Sense.

Der Autor Martin Walser, 75, war ein Vorkämpfer der Wiedervereinigung.