Titel: Schalom, Rudi, mein Freund - DER SPIEGEL
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Titel Schalom, Rudi, mein Freund

VON URI AVNERY
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Er war mein ältester lebender Freund. Ich habe ihn kennen gelernt, als ich mit neun Jahren in das Kaiserin-Auguste-Victoria-Gymnasium in Hannover kam. Es war eine katholische Schule, ich war der einzige jüdische Schüler in der Sexta und im ganzem Gymnasium. Als der Ordinarius, Herr Hesse, am ersten Tag das Klassenregister vorlas, muss das sehr aufgefallen sein.

Es waren die ersten Monate des Dritten Reiches, aber das hinderte Rudi Augstein nicht, sich mit mir anzufreunden. Ich glaube, wir waren die zwei besten Schüler in der Klasse. Wir begleiteten einander auf dem Heimweg, wir besuchten uns gegenseitig. 50 Jahre später behauptete er, er könne sich an die Kuchen meiner Mutter erinnern.

Dann wanderte ich aus, und in den nächsten 25 Jahren hatte ich keinen Kontakt mit Deutschland. Ich vergaß seinen Namen und habe selbst einen hebräischen Namen angenommen. Nur durch Zufall haben wir uns wieder getroffen, und erst dann kam die gemeinsame Erinnerung an Herrn Hesse und die Sexta von 1933.

Wie meine Mutter zu sagen pflegte: "Das war aber komisch." Denn in der Zwischenzeit waren wir beide Herausgeber und Chefredakteure von Nachrichtenmagazinen geworden, die beide nach dem Muster der amerikanischen "Time" gestaltet waren. Wir beide lagen im heftigen Streit mit unseren Regierungschefs, den zwei Gründungsvätern Adenauer und Ben-Gurion. Wir beide hatten Krach mir unseren Verteidigungsministern, Strauß in Deutschland und sein Freund Schimon Peres in Israel. Wir beide wurden verhaftet, bei ihm gab es Durchsuchungen, bei uns Bomben. Und dann, etwas später, wurden wir beide ins Parlament gewählt. Er hielt es nur kurze Zeit im Bundestag aus, ich insgesamt zehn Jahre in der Knesset. Er war für die Ostpolitik, ich war ­ und bin ­ für Versöhnung mit den Palästinensern.

Das alles führte dazu, dass wir uns verstanden ­ und nicht nur aus Nostalgie. In den Tagen der Angst vor dem Sechstagekrieg 1967 schickte er mir ein privates Telegramm: Droht Israel wirklich eine große Gefahr? Es war ehrliche Besorgnis um uns, und es hat mich gerührt.

Rudolf Augstein war ein großer Journalist, er hat den SPIEGEL zu einer großen Institution gemacht. Es gibt wohl keinen zweiten Augstein.

Der israelische Friedensaktivist Uri Avnery, 79, lebt als Schriftsteller und Publizist in Tel Aviv.