Titel Sei's drum
Totenfeiern mochte er nicht. Und wenn wir einen Freund zu Grabe trugen und er am Grabe reden musste, dann am liebsten so, dass die Trauergemeinde sich ein Lächeln nicht verkneifen sollte, ein Lachen gar. Insofern war Rudolf Augstein Stoiker.
Dennoch haben wir oft auch über den Tod geredet, aber er gab vor, den Freund Hein, den Tannewetzel, wie er ihn nannte, nicht zu fürchten. Ich denke, der Zyniker A. hielt sich manchmal für unsterblich. Manchmal halt nur, nun hat Freund Hein ihn dennoch geholt. Sei's drum, wir sollen nicht lamentieren.
Er hat sein Journalistenleben ausgekostet. Wir haben zusammen gelacht, wir haben intrigiert, und wir haben die Wahrheit gesucht. Wie oft hat er gefragt, nachdem wir hämisch über einen geschrieben hatten: Hat er das verdient? Und wir haben oft, nach seinem und meinem Geschmack zu oft, hämisch geschrieben. Aber wir haben die Wahrheit gewollt. Darin war er unbestechlich, halt Journalist.
Viele werden in diesen Tagen das klassische Augstein-Wort zitieren, sein SPIEGEL sei "das Sturmgeschütz der Demokratie". Wer einmal wie er aus Überzeugung 103 Tage in U-Haft saß, hat ein Recht zu großen Worten. Der Rest bleibt Journalismus, und den betrieb er aus Leidenschaft.
Natürlich hat sein verbissener Streit mit Franz Josef Strauß, dem Vollblutpolitiker und politischen Vabanque-Spieler, der deutschen Demokratie genutzt. Was ihn nicht daran hinderte, das Gespräch mit dem als Verteidigungsminister Gestrauchelten zu suchen und dennoch vehement gegen diesen Kanzlerkandidaten zu sein. Der Egomane Strauß hat das nie kapiert, der Egomane Augstein hat es umso mehr gewollt.
Wir haben natürlich viel zusammen pokuliert und uns gegenseitig Zügel angelegt, wenn die Gefahr bestand, Willy Brandt, den Gegenstand unserer Verehrung, zur Ikone verkommen zu lassen. Eher ließen wir das Denkmal bröckeln, Journalisten halt. Helmut Schmidt genoss seine besondere Hochachtung, schon weil der zu erkennen gab, dass er Weltpolitiker und wir halt Journalisten waren, Gott sei Dank übrigens. Rudolf Augstein, der leidenschaftliche Journalist, wäre ein mäßiger Politiker geworden, wenn seine innere Sicherung und das Schicksal es nicht rechtzeitig verhindert hätten.
16 Jahre Kohl reichten dem liberalen Journalisten genauso wie uns allen, obwohl er mir die elektronische Fußfessel anlegte, als meine Wiedervereinigungsphobie ins Kraut schoss. Wir hätten noch viel zu bereden seine späte Adenauer-Verehrung, seinen frühen Bismarck-Kult , wenn Freund Hein uns ein Wiedersehen ermöglichen würde. Aber dem ist wohl nicht so. Er erschien mir oft in meinen Träumen und wird das wohl auch weiter tun und oft Recht behalten. Sei's drum.
Erich Böhme, 72, war von 1973 bis 1989
SPIEGEL-Chefredakteur.