Mineralwasser Griff zur Flasche
Sehr erfreulich war der lange warme Sommer für die Mineralwasser-Abfüller. Aber noch zufriedener als mit dem heißen Juli sind die Quellenbesitzer mit dem kühlen November.
Da schnellte allerorten die Nachfrage nach sprudelndem und stillem Wasser hoch. Eine "deutliche Zunahme" registrierte Josef Zimmermann, Geschäftsführer der OberSelters Mineral- und Heilquellen.
Die kleine Dauner Sprudel GmbH verkaufte im vergangenen Monat 21 Prozent mehr als im November 1985; vom Gerolsteiner, Deutschlands meistgetrunkenem Mineralwasser, gingen gar 27 Prozent mehr weg.
Die ungewohnt guten Umsätze machen die Firmen "seit Sandoz", so Günter Weiser, Deutschland-Chef des belgischen Mineralwasser-Abfüllers Spa Monopole. Seit der Vergiftung des Rheins durch den Basler Chemiekonzern am 1. November nehmen viele Deutsche Leitungswasser nur noch für Bad und Klo.
Besonders in den Gebieten längs des Rheins griffen die Verbraucher zur Flasche. Der Absatz seines Selters, beobachtete Zimmermann, sei "im Koblenzer Raum sprungartig angestiegen". In dem Gebiet zwischen Koblenz und Bonn war Trinkwasser zeitweise so verseucht, daß die Behörden in mehreren kleinen Orten die Wasserwerke stillegten.
Auch in den Städten, in denen die Gesundheitsämter das Leitungswasser als unbedenklich einstuften, glaubten viele nicht so recht daran, daß ihr Wasser harmlos sein sollte. Das Vertrauen ist dahin.
Daß so viel Gift - von Sandoz und Ciba-Geigy, von Bayer, BASF, Hoechst und vielen kleineren Chemiefirmen - nur im vergangenen Monat in den Rhein geflossen ist, wollen die Bürger nicht glauben. Die vielen Störfälle, so die allgemeine Einschätzung, wurden im November nur bekannt, weil nach Sandoz die Wasserqualität sorgfältiger als zuvor geprüft wurde.
"Die Sensibilisierung der Verbraucher ist enorm hoch", merkte Peter Drehmann, Marketing-Chef der Gerolsteiner Sprudel GmbH. Jede neue Schreckensmeldung - am Donnerstag vergangener Woche waren die Augsburger mit Xylolverseuchtem Leitungswasser dran - treibt den Mineralwasser-Händlern neue Kunden zu. "Das Trinkwasser allgemein ist ins Gerede gekommen", sagt Arnold Wolters von der Apollinaris Brunnen AG, "wir wünschen das nicht, aber wir profitieren davon."
Die Branche rechnet in diesem Jahr mit einem Zuwachs von etwa zwölf Prozent. Dann hätte jeder Deutsche im Durchschnitt über 60 Liter Mineralwasser getrunken - Europarekord. Ein Ende des Wachstums ist nicht in Sicht.
Daß Mineralwasser mehr und mehr als Leitungswasser-Ersatz verwendet wird, zeigt sich an der sprunghaft angestiegenen Nachfrage nach den sogenannten stillen Wassern, Mineralwasser ohne oder mit wenig Kohlensäure.
"Dieser Markt explodiert", freut sich Wolters. In seiner Firma, sagt Selters-Chef Zimmermann, sei die Zuwachsrate bei stillen Wassern drei- bis viermal so hoch wie bei sprudelndem Wasser.
Das stille Wasser wird gern zum Aufbrühen von Kaffee und Tee genommen. Inzwischen sei es "gar nicht mehr so selten, daß auch Kartoffeln in Mineralwasser gekocht werden", meint Spa-Importeur Weiser.
Daß viele Verbraucher inzwischen dem Leitungswasser mißtrauen, kommt vor allem auch den französischen Wasser-Abfüllern zugute. Deren Marken - Contrex, Evian und Vichy, abgepackt in 1,5-Liter-Plastikflaschen - fanden besonders in den Gebieten um den Rhein herum reißenden Absatz.
Findige Lebensmittelhändler hatten nach den Katastrophenmeldungen palettenweise das Wasser aus Frankreich geordert und neben den Verkaufskassen plaziert. Hausfrauen schleppten die Anderthalb-Liter-Flaschen in Kartons ab.
An den "Plastikbombern der Franzosen", so Gerolsteiner-Direktor Drehmann, haben die deutschen Brunnenbesitzer einiges auszusetzen. Da seien, verbreiten sie, nicht die vielen guten Mineralien drin, die deutsches Wasser auszeichne. Als "Trinkwasser-Ersatz" aber, so geben sie zu, seien Evian oder Contrex durchaus geeignet.
Die französischen Produkte haben den Vorteil, daß sie nur halb so teuer sind wie die deutschen in der 0,7-Liter-Normalflasche. Und: Die französische Flasche ist viel leichter.
Schließlich besteht sie ja aus Plastik, einem Produkt der Chemie.