Medizin Attacke auf das Gesetz
Zwanzig Jahre lang währte der Streit um ein Transplantationsgesetz. Erst im Dezember 1997 einigten sich die Deutschen dann auf die seither gültige Fassung. Nun aber kündigen die Organverpflanzer den mühsam gefundenen Konsens auf: Sie wollen einen internationalen Kongress zur Ethik der Organtransplantation in München nutzen, um das Gesetz öffentlich zur Diskussion zu stellen. Die Anregungen kommen dabei vielfach aus dem Ausland, darunter auch von Medizinern aus Israel und Iran, wo das Bezahlen von Organspenden geduldet wird. In Deutschland tritt Christoph Broelsch, 58, besonders forsch auf. "Die Transplantationsmedizin ist eine lebendige Wissenschaft und das Transplantationsgesetz kein totes Gesetz. Wir müssen es ausloten und, wenn es sein muss, auch verändern", verkündet der Leiter der Klinik für Allgemein- und Transplantationschirurgie des Universitätsklinikums Essen, der unter anderem finanzielle Anreize für Organspender fordert. Den radikalen Wandel ihrer Ethik erklären die Ärzte mit dem eklatanten Mangel an Nieren, Herzen und Lebern in Deutschland. Fast 10 000 Bundesbürger warteten im letzten Jahr auf eine Niere doch nur rund 2300 Organe gab es zu verteilen. Nach Ansicht der jetzt aufbegehrenden Ärzte ist das Transplantationsgesetz zu rigide, um den Nachschub an Organen sicherzustellen. So ist der Handel mit menschlichen Organen strikt verboten darunter fällt auch eine finanzielle Belohnung der Spender durch die Krankenkassen, wie sie die Transplanteure jetzt fordern. Broelsch und seine Mitstreiter stellen zudem die im Gesetz verankerte "erweiterte Zustimmungslösung" in Frage, der zufolge nur dann die Organe eines Toten entnommen werden dürfen, wenn seine Angehörigen annehmen, dass dies dem mutmaßlichen Willen des Spenders entspricht. Broelsch geht sogar noch weiter als die Mehrzahl seiner Kollegen: Er möchte künftig nicht nur Hirntote mit unwiderruflich erloschener Hirnfunktion explantieren, sondern auch Patienten mit Herzstillstand.